Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4 DIE ELT darstellten, schilderten, sondern immer ihre Erzählungen in die Form eines Monologs oder eines Dialogs kleideten. Im Monolog ist der Jude unvergleichlich. Dort spricht er zu sich selbst, für sich selbst. Dort kann er der Welt eine eigene Beleuchtung geben, so wie er sie sieht Und deshalb sind beinahe die meisten Sachen von Abramowitsch in der Form eines Monologs oder einer monologisierten Erzählung geschrieben. Und die Hörer sind auch die schnell auffassenden Juden. Darum dieser abrupte Stil, diese oft verschämte Sentimentalität, diese oft derbe Zusammenfassung eines großen und starken Stimmungskomplexes in einer Phrase, in einem Worte. . , Wie der Stil, so der Mensch. Und Abramowitsch schuf die Gestalt von Reb Mendele Mocher Sforim (der Kolporteur). Wer ist Mendele? Lassen wir ihn selbst sich einführen: „Mendele heiß ich! So hat man mich, meine Herren, genannt nach dem Urgroßvater von mütterlicher Seite, Reb Mendele Moskwaer, sein Andenken sei gesegnet. Moskwaer hieß er in seiner Zeit deshalb, weil er einmal nach Moskau gefahren ist, um daselbst russische Waren einzukaufen. Dieser Umstand verschaffte ihm in seiner Gegend großes Ansehen. Man hielt ihn für einen in allen Künsten bewanderten, gewandten Weltmann, und man wandte sich in jeder Angelegenheit, wie z. B. wenn man eine Bittschrift an die Behörde schreiben mußte, zuerst an ihn, sich Rat zu holen. Aber nicht das ist es, was ich erzählen will. Damit bin ich jedoch noch nicht fertig. Nach der ersten Frage (Wie heißt Ihr?) beginnen Juden erst recht einen mit allerlei zu überschütten, z. B.: Woher seid Ihr? Seid Ihr verheiratet? Habt Ihr Kinder? Womit handelt Ihr? Wohin reist Ihr? usw. Es ist schon in allen Orten der Zerstreuung Israels so Sitte, alle diese Fragen zu richten, wenn man überhaupt als gesellschaftlicher kluger Mann, als geriebener Kerl und nicht als SchlemihI betrachtet werden will. Und die Antwort auf diese Fragen kann man ebensowenig schuldig bleiben, wie einen Gegengruß auf den Gruß: Gut' Sabbat oder Gut' Feiertag! Ich will mich mit der Welt nicht verfeinden und bin bereit, auf alle diese Fragen kurz und nach Möglichkeit zu antworten. Ich bin selbst in Zwiatschitz gebürtig, in einem kleinen Städtchen im Peteriwker Gouvernement, das durch sein Rindvieh und noch mehr durch den Zwiatscher (Wunderrabbi), dessen Ruhm die Welt erfüllt, berühmt ist. Aber das ist nicht die Hauptsache. In meinem Paß bin ich als 52 Jahre alt bezeichnet. Aber mit Bestimmtheit kann ich nicht sagen, wie alt ich bin. Mein Vater und meine Mutter, — Friede sei mit ihnen — waren betreffs der Rechnung über mein Alter sehr uneinig. Nach beider Ansicht bin ich nach dem ersten Chanukkahlicht jährend des großen Brandes der Gewölbe zur Welt gekommen. Aber nach der Schätzung des Vaters war dies zur Zeit, als die große Kälte nach unserem Orte kam, justament zur Zeit, als der Alte — sein Andenken sei gesegnet — diese Welt verlassen hat. Die Mutter aber wies nach, daß dies zwei Jahre vor dem ersten Schrecken — nicht uns sei's zugedacht — geschehen ist. Zum Beweise dafür: Damals hatte unsere rote Kuh ein Kalb gekriegt, und zu jener Chanukkah hat sie für das halbe Städtchen solche Käsekuchen gemacht, daß noch jetzt viele alte Juden daran mit Wonne denken. Aber das ist Nebensache. Meine Merkmale sind im Passe folgendermaßen angegeben: Mittelwuchs; Haar und Brauen — grau; graue Augen; Nase und Mund — mittelmäßig; grauer Bart,besondere Kennzeichen — keine. Mit anderen Worten — nichts Besonderes — ganz so, wie die meisten Menschen, kein Kater und kein Vieh, behüte Gott. Da, müßte man ja fragen, würde doch ein einfacher Paß ohne Kennzeichen ebenfalls beweisen, daß man ein Mensch sei. Wo in der Welt hat denn das liebe Vieh Pässe? Die Antwort ist aber die, daß Fragenrichten keine schwere Sache ist. „Du verstehst, — das ist ja der ganze Witz; da habt ihr nieine Merkmale und wisset dennoch nicht, wie ich aussehe. . . Und in der Tat, was würde es euch nutzen, wenn ihr erfahren würdet, daß ich z. B. eine hohe Stirn mit vielen Runzeln habe, daß meine Nase etwas groß und merkwürdig ist, daß ich mit den Augen blinzele und kurzsichtig bin, daß um meine Lippen immer "ein bissiges Lächeln spielt. Ihr könnt mir glauben, meine Frau hat sich vor der Hochzeit auch um solche Kleinigkeiten nicht gekümmert. Man sagte ihr: „Gut Glück, Braut, du hast einen Bräutigam" — und genug. Wen geht denn die Nase oder das Gesicht eines anderen an? Somit wißt ihr schon, daß ich ein verheirateter Mann bin. Und daß ich Kinder habe und noch viel dazu, ist ja selbstverständlich, denn wo habt ihr einen verheirateten Juden gesehen, der nicht wenigstens ein halbes Dutzend Kinder hätte? Dazu noch, wenn er ein armer Schlucker ist! Handeln tue ich mit verschiedenem Kram, d. h. mit Bibeln, Gebetbüchern und ähnlichen Büchern. Nebenbei hab' ich auch allerlei Geschichten und etwas von den heutigen Büchelchen..." (Das kleine Menschele".) So zieht sich ins Unendliche die Erzählung Mendeles. Man erfährt dort alles mögliche. Was ein anderer mit einem Worte sagen würde, sagt Mendele mit hundert. Wo ein anderer mit vielen Worten umschreiben müßte, schlägt Mendele mit einem Bilde treffend ein. Er kann sich nicht meistern. Kommt ihm ein Gedanke in den Sinn, so muß er ihn aussprechen. Er muß alles im Leben, jedes Ereignis in irgendwelche Beziehung bringen. Und er kennt sein Publikum, für den Juden hat die Tatsache als solche keinen Selbstwert. Er sucht, hinter jeder Sache einen anderen Sinn. Er lehrt, es heißt so und so, ist dies oder jenes — diese Beschreibung genügt für den Juden nicht. Es ist ihm zu einfach. Selbst ein Mensch der verschlungenen Gedanken, sucht er auch in der Natur irgend einen besonders gescheiten Einfall. Sonnenaufgang, Morgenröte — was will es uns sagen, fragte der alte Jude, d. h.. in welche Beziehung läßt es sich bringen. Welchen Mitwert hat die Erscheinung? Diese Stilprobe zeigt uns Mendele, den Heros der Erzählungen von Abramowitsch in seiner ganzen Gestalt. Auch sein Beruf ist echt alt-jüdisch. Etwas von allem und eigentlich nichts. Ist Mendele ein Kaufmann, ein wirklicher Händler? Was ist ihm Handel und Erwerb, wenn etwas Gutes zu hören, wenn ein Witz zu erzählen ist? Mendele betreibt sein Geschäft nur nebenbei, ebenso wie er nebenbei ißt, nebenbei heiratet und „wenigstens ein halbes Dutzend" Kinder der Welt schenkt Man frage ihn, wie sein Weib aussieht und er wird um die Antwort verlegen sein. Was geht es ihn an- Nachdem er breit und weit ausholend über sich und alle Welt berichtet hat, schließt er: „Pst, meine Herren, mein Weib heißt Jente". — Mehr hat er über sie nicht zu sagen. Und wie er über sie nichts zu sagen hat, kann er über nichts berichten, was man mit den Augen sehen kann. Da fährt er von Dorf zu Dorf, von einer Stadt in die andere. Er fahrt im Sommer und im Winter, wenn die Wälder grün sind und die Felder goldschimmernd, und wenn die Wälder schwarz und stumm sind und die Felder von weißem Schnee bedeckt. Er hat den Frühling und den Herbst gesehen. Keine Spur hat all dies in seinem Gemüte gelassen. Man frage ihn, wie die Ortschaften aussehen, wo er war, und er würde keine Antwort geben können. Er sieht nicht. Aus all den Schilderungen von Ort und Land kann man nie erfahren, wo eigentlich diese berühmten^Orte Kabzausk und Glupsk usw., wo Mendele seine Tätigkeit entfaltete, liegen. Es liegt kein Hauch der unmittelbaren Wirklichkeit, kein Kobrit des Tatsächlichen darin. Ebenso wie Glupsk ein Symbol ist und keine Stadt, eine Zusammenfassung und keine Erscheinung, so ist Mendele ein Symbol und keine Person, ein Typus, den uns ein Dichter geschaffen hat. Ein Typus, der viele tiefe, unvergängliche Züge hat, ein Symbol, das gewissermaßen eine innere Dialektik hat. Versuchen wir, dieser Dialektik nachzugehen. — A. Cor. (Fortsetzung folgt.)