Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Wer ist er, Reb Mendele Mocher Sforim? Scholem-Jakob Abramowitsch ist der bürgerliche Name dieses vielgestaltigen» mannigfaltigen, und doch eingestaltigen Mendele, oder vielmehr des Schöpfers dieses originellen, wahren, in seiner Bildlichkeit symbolistischen, in seiner Wahrhaftigkeit jüdischen Typus. Die Wirklichkeit malen, so wie sie ist, können viele, der eine mehr, der andere weniger. Scholem-Alechem hat in der jüdischen Literatur vielleicht den ersten Platz als Photograph des jüdischen Lebens eingenommen. Aber Gestalten schaffen, ihnen eine individuelle Form verleihen und doch über das Individuum hinaus zum Symbol zu erheben — das können nur wenige. In unserer Literatur ist einer dieser wenigen Abramowitsch. Siebzig Jahre! Beinahe die ganze Geschichte des modernen russischen Judentums! Von 1836 bis Anfang 1907. Was liegt nicht alles dazwischen! Es war die Zeit der Gestaltung des modernen Europas. Iin jüdischen Leben, oder vielmehr im russisch-jüdischen, ist eigentlich äußerlich nichts vor sich gegangen, keine Emanzipation drang in das Volk ein, es hebend und entwurzelnd zugleich, keine Wandlungen, außer zum Bösen, haben stattgefunden. Und in diesem Sinne ist die Zeit gewissermaßen leer geblieben. Aber wenn man mit Lamprecht unter Geschichte nur das „seelische Geschehen" verstehen soll, dann gab es keine folgenschwerere, keine ereignisreichere Periode als diese. Was Jahrhunderte des stabilen Lebens nicht vermocht haben, haben diese siebzig Jahre zustande gebracht. Das Judentum ist wieder kinetisch geworden, es setzte sich in Bewegung. Jede Bewegung ist Verschiebung der Teile — und das feste Gefühl der jüdischen Gesellschaft von früher hat sich gelockert. Die einheitliche Masse, in der es keine Stände und keine Klassen gab, deren Wertungen nicht wirtschaftlicher Natur waren, begann sich zu sondern, in Schichten und Klassen zu teilen. Und noch reicher war der Ertrag an inneren Erlebnissen. Der Kampf zwischen der strengen, formerstarrten Othodoxie und der Aufklärung, die im Endergebnis zur Assimilation führen mußte, hat bereits ausgetobt. Neue Probleme traten an das jüdische Volk heran, und vor allem die Frage der Fragen — nach dem eigenen Sein. . . . Das war der Hintergrund, von dem sich die Bilder abhoben, 'die Mendele sah und nachzeichnete. Es sind gewaltige Ereignisse, wenn auch unscheinbar in ihrer Hülle. Stoffe für ein großes, episches Kunstwerk. Hier sind alle Elemente des Epos — Romans oder Dramas — vorhanden. Große und tiefe Stimmung, innerliche Konflikte, die sich in äußere Kämpfe umsetzen, Momente der Steigerung und der Entwicklung, Motive, wie sie nur ein so uraltes Volk hat, das mit unentwirrbar, tausendfach geschlungenen Fäden an Vergangenheiten geknüpft ist, die schon beinahe In die Zeit der Unvordenklichkeiten gehören. Kommt ein Dichter in dieses Leben hinein — was macht er damit? Konflikte, seelische Erlebnisse kann man nicht kopieren — nur die Äußerlichkeiten sind reproduzierbar. Jene lassen sich nur sinnbildlich darstellen. In Gestalten, die dem Leben entnommen sind, symbolisiert der Dichter das Gären und Ringen der Zeit. Nun gibt es zweierlei Symbolisten. Man kann etwas symbolistisch fassen, was man selbst will, was man im Leben sehen möchte, was man wie in dunkler Ahnung herankommen fühlt. Man kann aber auch die nackte Gegenwart, der Zuktinftsträume entkleidet, in Symbole fassen. Die Kunst der beiden Versinnbildlicher ist vielleicht gleich groß — nur ist der eine der Dichter der Zukunft, der Ebner neuer Gesichtswege, nur ist der zweite ein Dichter, dem man träumerisch, in sich/ selbst versunken, mit geschlossenen Augen lauschen kann — mit geschlossenen Augen — denn nichts Neues wird aus dem Schaum der Vergangenheit geboren, nichts, was gesehen zu werden verdiente. Wenn Mendele erzählt — kann man ihm mit geschlossenen Augen zuhören . . . Es konnte auch anders nicht sein. Abramowitsch ist kein Dichterdes Zukunftsideals, ist kein Mann der schöpferischen Gedanken. Was er antraf, nahm er in sich auf. Er traf eine Zeit, in der Aufklärung, oberflächliche, beinahe kindische Bildungssucht mit dem dummen, armen inhaltslosen Obskurantismus kämpften. Arm waren beide. Die jüdischen „Maskilim" waren meist unproduktive, trockene Menschen. Rebellen nach der einen Seite, d. h. gegenüber ihrem eigenen Volke, das noch in der alten Tradition lebte, waren sie blinde Gläubige inbezug auf alles Äußere, was ihnen die Kultur bot. Sie haben nie die wahren Motive der jüdischen Seele begreifen wollen, und deshalb ist ihr Schaffen so fruchtlos geblieben. Das war das Milieu, aus dem Abramowitsch seine Ideen schöpfte. Sein Leben war selbst eine Reproduktion des Kampfes zwischen dem alten und dem neuen Judentum — und danach schuf er sich sein Ideal zurecht. Seine ersten Werke — darunter das Hauptwerk: „Väter und Söhne" — standen noch ganz im Banne der „Aufklärung*'. Es ist wahr, schon in jenem Werke der Unreife, wo er noch nicht er selbst war, bewies er, daß er für jüdische Realitäten einen unvergleichlichen Sinn besitzt. Schon damals erhob er sich über die Tendenzliteratur, wie sie in Brandes: „Gesetz und Leben", auch in manchen Smolenskinschen Romanen ihren Ausdruck gefunden hatte. Aber bald fand er seinen eigenen Weg — und das war der der symbolistisch-realistischen Erzählung. Und alsbald erkannte er auch, daß die hebräische Sprache, die Sprache der Vergangenheit und der Lehre, für ihn nicht zukömmlich sei, für ihn, der ein Volksepos schaffen wollte. Und er griff zur reichen, alle Nuancen der jüdischen Stimmung widerspiegelnden Sprache des Ghettos — zum Jüdischen. Dadurch und durch die Vertiefung in die Seele des Volkes — schuf er eigene Form der Erzählerkunst, eine echt jüdische Form, die vielleicht bei anderen Völkern unmöglich, unverständlich wäre. Wie spricht der Jude — natürlich, wenn er als Jude, d. h. frei von jeder bewußten Nachahmung spricht? Im Gegensatze zur runden, in sich abgeschlossenen Form der Rede der Griechen, hatte das jüdische Reden immer etwas Sprunghaftes, Unberechenbares an sich. Man sehe sich eine Rede von Jesaia, eine Diskussion in Hiob an. Es scheint oft, daß ein Satz mit dem anderen in gar keiner Verbindung stehe, daß eine Lücke dazwischen sein müsse. Die Sprechweise der Juden war seit jeher nicht logisch konstruiert, sondern von der Intuition diktiert. Der Jude hat ein zu rasches Auffassungsvermögen, eine zu behende Apperzeptionskraft, um nicht alle Zwischenglieder eines logischen Satzes sofort durchschauen und über sie sich hinwegsetzen zu können. Der Jude kann die lange Beweisführung eines abendländisch denkenden Menschen nicht mit Geduld anhören. Er versteht schon vom ersten Worte, von der anfänglichen Voraussetzung, was der Schluß sein müßte. Und da er die'streng logische Ordnung nicht einhält, gefällt er sich in Sprüngen, in Bizarrerien des Geistes, in Abschweifungen des Gedankens, die manchmal ungeheuerlich scheinen. In welchem Rechtskodex der Welt könnte man neben den schärfsten und gedankentiefsten Auseinandersetzungen über die subtilsten Fragen des zivilen oder des Strafrechts Anekdoten, Märchen, Legenden, Ablenkungen der merkwürdigsten Art begegnen, wie im Talmud? Man denke sich ein Kompendium des Straf rechts, wie es es z. B. „Baba Kama" ist, und darin wunderbare Legenden, wie es die von „Kamzabar Kamza" ist. Hier ist nicht der Umstand maßgebend, daß der Talmud kein einheitliches, sondern schichtenweise angewachsenes Kulturerzeugnis war, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der die Kompilatoren des Talmuds allerlei Heterogenes in einen Topf werfen, ohne an der Formlosigkeit des Ganzen, die dadurch entsteht, Anstoß zu nehmen. Mit Formlosigkeit allein ist nicht viel gesagt. Juden sind keine Formmenschen. Aber der letzte Grund liegt in der ungeheuer rasch auffassenden, kombinierenden, tausendfach assoziierenden Denkweise der Juden. Und so ist auch sein Stil. Aber jeder Stil ist schön, wenn er originell, persönlich, in seiner Art vollendet ist. Abramowitsch hat den altjüdischen Stil zu dieser Vollendung gebracht. Wer keinen Formsinn hat, der kann nicht darstellen, sondern nur erzählen. Und man beobachte die interessante Tatsache, daß die größten jüdischen Erzähler der Gegenwart — Abramowitsch, Scholem-Alechem und* Perez - beinahe niemals