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Die Welt · 1907-01-25 · 4 (25.1.1907) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
4 (25.1.1907)
Date
1907-01-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Monate schwierigster Arbeit. Ihre politische Partei wird die Feuersich der Parteileitung, die sie in den nächsten Tagen unter die probe zu bestehen haben und den Beweis erbringen müssen, daß HWaffen rufen wird, für den Wahlkampf mit aller Energie und Beihr die politische Zukunft der österreichischen Juden gehört. Der geisterung zur Verfügung stellen. Beweis wird gelingen, wenn alle Zionisten eingedenk sind ihrer Wien, 20. Januar 1907. R. N. Pflicht und der Bedeutung der sich vorbereitenden Ereignisse und Amerikanische Notizen Es wird für den kommenden Geschichtsschreiber eine überaus interessante Aufgabe sein, das Maß und die Entwicklung des Einflusses zu untersuchen, den die Ostjuden überall dort, wo sie eingewandert sind, auf die Gestaltung der allgemein-jüdischen Verhältnisse des betreffenden Landes ausgeübt haben. Daß sie da, wo sie in großen Mengen auftreten, eine völlige Verschiebung aller sozialen Umstände mit sich bringen, ist uns allmählich geläufig geworden, seitdem wir uns gewöhnt haben, die Alienbills unter diesem Gesichtspunkte anzusehen. Daß aber die gesamten jüdischen Verhältnisse infolge ihres Auftretens direkt umgestürzt werden, diese Tatsache können wir vorläufig nur in Amerika beobachten. Es ist wahr: Der russische Jude ist zurzeit beinahe ein Beherrscher des jüdischen Lebens in Amerika. Mit dem Eingewanderten beschäftigt sich die jüdischöffentliche Meinung nicht weniger als mit dem, der erst einwandern wird, und eine amerikanische jüdische Zeitung, die nicht in jeder Ausgabe zu einem Drittel mit Nachrichten über die Juden in Rußland und die russischen Juden in Amerika angefüllt ist, ist schon gar nicht mehr denkbar. Man kann sich dieser Tatsache von Herzen freuen. Sie zeigt klar, daß der Gegensatz, der in Westeuropa innerhalb der Juden zwischen dem ansässigen „Staatsbürger" und dem nichtnaturalisierten „Ausländer" immer wieder gemacht, oft künstlich aufgerollt wird, in Amerika in diesem Maße nicht existiert. Zum Heile des Judentums. Denn mit dem wachsenden Einfluß der eingewanderten Juden auf die jüdischen Zustände Amerikas beobachten wir zugleich ein wachsendes Verständnis für alle jüdischen Dinge in der amerikanischen Judenheit überhaupt, beobachten wir ein Zurückkommen zum Judentum, wie man es in Westeuropa oft nur in der kühnsten Träumen erhofft. Wie es denn ja auch bezeichnend ist, daß die amerikanisch-jüdische Presse mit zwei oder drei nicht in Betracht kommenden Ausnahmen, soweit sie nicht direkt zionistisch ist, dem Zionismus mit einem Maße von wohlwollender Objektivität oder Sympathie entgegentritt, wie man es leider in West- und Osteuropa niemals zu sehen gewohnt war. Dem amerikanischen Juden ist es vielfach direkt unverständlich, wie man einer Bewegung,. die, offenbar von den edelsten Absichten geleitet, das Beste des Judentums will, Steine in den Weg legen soll. Und sein nüchterner und praktischer Verstand hatte längst erkannt, was unsern englischen und deutschen Philanthropen erst nach den Oktobermassakers aufgegangen ist und auch da nur, wie es scheint, für einige Momente, daß die Frage der osteuropäischen Juden in ihren Ländern nicht zu lösen ist. Einen lebendigen Beweis für das Interesse, das man hierzulande an allem Ostjüdischen nimmt, ist neben dem großen Erfolge der Tournee Dr. Schtnarjahu Levins, der geradezu beispiellos dasteht, das überaus rege Interesse, das man dem Auftreten des bekannten jüdischen Revolutionärs Gerschuni entgegenbrachte, der bekanntlich als einer der Organisatoren der revolutionären Bewegung in Rußland eingekerkert war und auf dem Wege nach Sibirien entsprungen ist. Er ist im Dezember in Amerika angelangt und macht jetzt eine Rundreise durch das ganze Land mit der ausgesprochenen Absicht, der russischen Revolution Sympathien zu gewinnen und ihr Geldmittel zu verschaffen. Seine Versammlungen sind überfüllt und von Juden aller Stände besucht, und es ist nichts Seltenes, daß an einem Abend mehr als 2000 Dollars in einer solchen Versammlung gesammelt werden. Schon dies allein beweist, daß es nicht die armen eingewanderten Juden allein sind, die diese Meetings besuchen. Und wenn man natürlich auch zugeben muß, daß die so stark ausgeprägte Schaulust der amerikanischen Juden, die „Sensation" einen großen Anteil trägt an dem lebhaften Interesse, das die Versammlungen Gerschunis finden, so lassen doch die Stimmung des Publikums und die Kommentare der jüdischen Presse keinen Zweifel darüber, daß es zu einem sehr großen Teil der russische Jude ist, der die amerikanischen Juden anzieht, der Wunsch, einen von denen, die so viel gelitten und so tapfer sich gewehrt haben, von Angesicht zu Angesicht zu sehen und seine Meinung über die Lösung der russischen Judenfrage zu vernehmen. Und da ist es sehr bezeichnend, daß z. B. der „Jewish Comment" in einen langen Artikel Gerschuni den Vorwurf macht, daß er zwar den typischen Vertreter des russischen Revolutionärs darstelle, daß er aber nicht von sich sagen könne, daß er für seine jüdischen Brüder gefochten habe. „Gerschuni ist nicht der Kämpfer für den armen unterdrückten Juden, sondern für den russischen Muschik, der seinem Herzen näher ist als sein Bruder Jude. Ihm sind die russischen Pogrome nur Mittel, die Aufmerksamkeit der gesitteten Welt auf die Greuel in Rußland zu lenken." Und so gelangt der „Jewish Comment" zum Schlüsse, daß ein Mann, wie Gerschuni, der auch in den Veranstaltern der Pogrome und in den mordenden und plündernden Pöbelhaufen der „schwarzen Bande" nur die armen, irregeleiteten und bedauernswerten Opfer einer verkehrten und barbarischen Regierungsgewalt sehe, daß dieser Gerschuni zwar ein Kämpfer sei für .die Freiheit Rußlands, ein Kämpfer, mit dessen Bestrebungen zu sympathisieren oder nicht, jedem frei stände, daß er aber mit dem jüdischen Volke, dessen besondere Leiden und Schmerzen er nicht fühlen könne und wolle, nichts gemein habe. Es ist jedenfalls ein sehr bemerkenswertes Zeichen des wieder erwachenden jüdischen Nationalgefühls in Amerika, daß derartige Ausführungen in einem so weitverbreiteten Blatte wie dem „Comment" stehen können. Noch in einer anderon Richtung haben sich die Ostjüden Amerikas, resp. New-Yorks diesesmal bemerkbar gemacht, indem sie versuchten, den Juden und Nichtjuden Amerikas die Achtung vor dem Judentum beizubringen, die sie selbst dafür hegen. Es handelt sich um die großen Demonstrationen, die die Juden der Eastside gelegentlich des Weihnachtsfestes veranstalteten, um dagegen zu protestieren, daß die jüdischen Schüler der öffentlichen Schulen gezwungen sein sollten, die Weihnachtsgesänge und Weihnachtsspiele und Veranstaltungen mitzumachen, die in den amerikanischen Schulen üblich sind. Bisher fanden die amerikanischen Juden nichts dagegen einzuwenden, daß ihre Kinder vor Weihnachten von Unterrichts wegen gezwungen waren, rein christliche Gesänge einzuüben, an Schauspielen mitzuwirken, in denen die Geburt des Jesukindes dargestellt und vielleicht sein Tod durch jüdische Henker vorgeführt wurde. Und sie waren noch stolz darauf, wenn ihre Kinder eine große Rolle in diesen Spielen erhielten und mit besonders heller Stimme von dem Fluche singen durften, der auf dem Judenvolke lasten müsse, weil es den Herrn und Heiland der Welt gekreuzigt Jetzt remonstrierten die eingewanderten Juden in New-York energisch gegen einen derartigen Mißbrauch der Schule zu kirchlichen Zwecken, der in einem Lande, wie Amerika, wo Religion und Schule vollständig getrennt sind, etwas besonders Krasses an sich hat. Als Eingaben an die Leiter der Schulen nichts nutzten, veranstaltete man große Protestmeetings und Straßendemonstrationen. Eine Schule, deren Direktor seine abweisende Antwort in eine besonders schroffe Form gekleidet hatte, wurde sogar eine Stunde lang belagert, und schließlich einigte man sich darauf, die Kinder so lange vom Schulbesuche fern zu halten, bis die berechtigten Wünsche der Juden erfüllt würden. In vielen Fällen hat das Mittel geholfen, jedenfalls hat die Sache solches Aufsehen erregt, daß in Zukunft wohl das Gouvernement Vorsorge treffen wird, daß die jüdischen Schüler von der Teilnahme an den christlich-religiösen Übungen befreit werden. Die jüdische Öffentlichkeit Amerikas nahm zu diesen Vorfällen eine unterschiedliche Stellung ein. Eine ganze Reihe Zeitungen traten warm für die Demonstranten ein und betonten, daß diese Juden mehr Mannhaftigkeit zeigten, als die ansässigen, die eine Störung des freundlichen Einvernehmens mit den Nichtjuden befürchteten, wenn die Juden fernerhin an solchen „harmlosen" Dingen Anstoß nehmen sollten. Daß einige Prediger sich ebenfalls gegen die Demonstranten wandten, hat deren Sache natürlich nur gestärkt. Komisch wirkten nur die langen und langweiligen Sermone dieser Führer Israels, die „von der wunderbaren Weihe jener Winterfeiertage" sprachen, von „der Freude, die dieses Fest, (das beim richtigen Namen zu nennen, sie sich wohl hüten), in allen Herzen, und insbesondere den Kinder: herzen verbreitete und das man diesen Armen nun rauben wolle"! Daß sich anderseits amerikanische Blätter fanden, die diese Gelegenheit benutzten, um in die wüstesten antisemitischen Schimpfereien zu verfallen, von den „Mördern des Heilands* usw. zu sprechen, sei nur nebenbei erwähnt. Spectator.

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