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Die Welt · 1907-01-25 · 4 (25.1.1907) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
4 (25.1.1907)
Date
1907-01-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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DlEWELT ander ein allgemeines werden, oder ob, wofür einige Zeichen sprechen, doch die Mehrheit der österreichischen Juden gemeinsam mit den Zionisten ein einheitliches politisches Programm aufstellen wird, — beides muß sich in den nächsten Tagen entscheiden. Und damit wird auch ein Stück des künftigen Schicksals der österreichischen Juden entschieden werden. Die russisch-jüdische Situation ist am Verwickeltesten. Die Juden über alle Parteien verstreut oder unorganisiert und unorganif sierbar. Das Parteileben selbst durch haarspalterische Theoretik1 und durch die Verworrenheit der äußeren Verhältnisse bis zum Paradoxen differenziert. In der Avantgarde des bewußten Judentums die Zionisten, ihnen gegenüber die Assimilation mit gezogener Klinge, und im Rücken die Fülle der Fraktionen und Fraktionellen, die alle Extreme des Sozialen, alle Schattierungen des Nationalen, Internationalen und 'Anationalen im bunten Getriebe birgt. Ein wirres Detail im chaotischen Bilde des russischen Völkerlebens des Augenblicks. Wahlen — Parlamente — Vertretung der jüdischen Interessen — Emanzipation, alles von unmeßbarer temporärer Bedeutung, sub specie einer weiteren jüdischen Zukunft aber nichts als eine Etappe. Für uns im schlimmsten Fall: neue Enttäuschungen des Golus, die nach so unzählbar vielen Vorgängern unsern Mut nicht brechen können, im besten Fall: die Hinwegräumung von einigen Steinen, die auf dem Wege nach dem großen Ziele liegen. Ein neues Lied Es war im April 1906 — zur Zeit der Dumawahlen in Polen. Die zweimal hunderttausend Juden Warschaus hatten die Kühnheit, auch ein wenig an sich denken zu wollen. Aber diese Kühnheit sollte ihnen teuer zu stehen kommen: Wie auf einen Zauberschlag tauchten aus der Mitte der „brüderlichen" Polen die schwarzen Hooligan-Gestalten auf, Pogromdrohungen flogen durch die Stadt, Juden wurden auf den Straßen mißhandelt, und der Schrecken lag so lange und so schwer über den Judenvierteln, daß noch viel später auf das Gerücht eines bevorstehenden Pogroms Zehntausende von Juden aus der Stadt •flüchteten . . . Der Pole hatte dem Juden den Herrn gezeigt, und das stolze Warschau wählte seine „Narodowcy" — seine antisemitischen Nationalpolen. Noch kein Jahr ist verstrichen — abermals stehen die Wahlen vor der Tür. Aber man traut seinen Ohren und Augen nicht. Wieder haben die Juden den Mut gefunden, eigene Aspirationen zu haben — aber — welch wunderbare Wandlung der Dinge! — diesmal antwortet ihnen kein dumpfes Progromecho, nein, lieblichsüße Liebeswerbungen tönen ihnen von rechts und links entgegen. Sowohl die „Nationale Konzentration" mit ihrem Kern von Nationaldemokraten („Narodowcy") als auch die Progressive Demokratie buhlen um die Gunst der jüdischen Wähler. Wohl haben beide ihre „Hausjuden", (die sich sogar schon zu einem sich jüdisch nennenden Wahlkomitee vereinigt haben) aber mit Recht zweifelt man an der Zugkraft der polnischen Lockvögel mosaischen Ursprungs — und man entschließt sich darum zu einem Extraflirt, zu einem unverfälscht polnischen Brautgang. Für die Progessive Demokratie ist es eine Lebensfrage. Für die Nationale Konzentration aber wäre es die beste Gelegenheit, der Progessiven Demokratie zu zeigen, daß sie eigentlich gar keine repräsentative polnische Partei ist. Es ist possierlich, wie mit einem Male die ganze polnische reaktionäre Presse ihren Ton im Verhältnisse zu den Juden änderte. Sie bezeichnet die vorjährige antisemitische Agitation, die Pogromartikel und aufhetzenden Aufrufe *ls — Mißverständnis! Das offizielle Organ der Nationalen Demokratie „Gazeta Polska" kam sogar zur Überzeugung, daß die Stellung der Juden während der letzten Wahlen in Warschau und ganz Polen nicht als Ausdruck der Überzeugungen und Bestrebungen ihrer Mehrheit angesehen werden könne. Diese Stellung sei vielmehr den politisch unwissenden Juden von den revolutionären Elementen durch Terror aufgezwungen worden! Diese Pseudovertreter der jüdischen Bevölkerung hätten deren nicht berücksichtigt, indem sie sie skrupellos Ambitionen und Parteipolitik opferten. Weiter weist die „Gazeta Polska" darauf hin, daß „es beim letzten Wahlkampf nur der verständigen, gemäßigten Taktik der nationalen Elemente zu verdanken gewesen sei, daß dieser Kampf keinen schärferen Charakter angenommen hat". Gegenwärtig ist die „Gazeta Polska" mit den Juden vollständig zufrieden. Sie toleriert sogar die nationalen Forderungen der Zionisten und jüdischen Nationalisten. Sie will den Juden alles verzeihen, wenn diese nur keine Wahlabmachungen mit der Progessiven Demokratie treffen werden — (ein hübstf des österreichischen Polen, des Herrn Grafen Dz den Zionisten in Galizien alles verstatten will, Mandate — wenn nur die Abgeordneten dem Polefl Das feinste Stückchen, aber — ein Lied, bei vorzutragen, in der melodiösen und ach! so biegsam-wdtfieh polnischen Sprache — ist ein Aufruf, den die „Nationale Konzentration" dieser Tage an die jüdischen Wähler erließ. Wir können es uns nicht versagen, ihn im Wortlaut folgen zu lassen: „Wir wenden uns an euch, jüdische Mitbürger, mit denen uns eine gemeinsame Vergangenheit und dasselbe Streben nach einer besseren Zukunft verbindet. Wir wenden tiß^^iiiräit, weil unser nationales Gewissen uns befiehlt, überall die GeüUtle von Liebe, von Frieden und Brüderlichkeit zu verrJ¥lfi^.#4lS wünschen, daß es unter dem Schutze unseres Vaterlandes uns und euch gut ergehe, da auch ihr KftfftfQ^ Vaterlandes seid. Wir nährten uns gemeinsam von seines Bodens Frucht, ertrugen gemeinsam dieses Vaterlandes Leiden.. . Die freiheitlichsten Rechte sind dort machtlos, wo Gegnerschaft und Feindseligkeit existieren. Denkt daran, daß Feindseligkeit ein Feuer ist, das imstande wäre, die allgemeine Ruhe und die glückliche Zukunft der-kommenden Generationen zu zerstören... Denkt an die Worte eueres weisenSalomo: „FeindschafterzeugtStrejtigr keiten, und Liebe deckt alle Vergehen." Im Nam^^^ses Prinzips rufen wir euch, Mitbürger, zur Einigkeit. Die „Konzentration" verspricht euch, für die Gleic^te^g^i^ gung der Juden auch in dem Falle einzutreten, wenn (j^Jflftm sich von ihr fern halten sollten." .f)*ms Zwei Seelen hat die „Konzentration" in ihrer Brust: eine des Hasses und eine der Liebe. Und wem sollen nun* die russischpolnischen Juden glauben, der Pogromorganisation vom April 1906 oder der Friedenskonzentration vom Januar 1907? Was doch so ein Wahlkampf .für seltsame Blüten zeitigt! . . - Was tut ein Verbrecher,, Nach bewährtem Rezept Lustmord begangen das Gerücht eines Ritualmordes aus. Und irgend ein ai von Hilsner wird in den Kerker geworfen. 4% Was tut ein Plehwe, der die Empörung über das Staatssystem ablenken will? Er inszeniert Pogrome. Was tut ein Generalstab, der sich bis zur Unmöglichkeit kompromittiert hat? Er schickt einen Dreyfus auf die Teufelsinsel. Und was bleibt einem Minister, der Dinge angerichtet hat, die das Tageslicht scheuen müssen, anders übrig als zu schreien: „Haltet den Juden!" Und so tat auch Herr Poionyi, der — voraussichtlich gewesene — Justizminister von Ungarn. Ein gewaltiges „J'accuse" steht gegen ihn auf, eine Kolonne von Beschuldigungen, eine diffamierender als die andere, er wehrt sich mit aller Macht, — aber schon rücken auch seine Freunde von ihm ab, — da greift er zum letzten Mittel: Er, der Lenker der ungarischen Jusöawäem Zoltan Lengyel in einem offenen Briefe gerade ins Gesichlj sagt, daß „er mit dem Antisemitismus liebäugle, damit ihn i ' heit des Parlaments trotz seiner Sünden nicht fallen lasse, 1 seinen jüdischen Gegnern Kompromisse unter der Hand;|| daß er ihnen nichts antun werde, wenn man ihn in RuE

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