Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE ELT KÖLN AM RHEIN, UBIERRING23 V/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG ALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XL JAHRG. KÖLN, 25. Januar 1907 p-nrt> nbnn"« B3tf No. 4. P—l| ILJ REVUE DER WOCHE 0 0 <m * Palästina l ^S ^U*' Von ZU au* ^e ^mme derer zu hören, die, ohne in unsern Reihen zu EiSt ohne Vorurteil unsere Sache betrachten. Hören wir, ■}V-T^ wi^lfe^änrerikanisch-jüdische Blatt „Jewish Comment" uns diesmal zu sagen hat: „Bei Betrachtung des Werkes von Schatz kam uns folgender Gedanke: Ist für einen tüchtigen Menschen die Zeit gekommen, nach Palästina zu gehen, sein Geschick mit dem des Volkes dort zu verknüpfen und mitzuhelfen, die Juden in ihrer neuen Heimat ansäßig zu machen? Die jüdische Bevölkerung des Landes .^etzt beträchtlich, und Einwanderer ziehen in ununterbrochenem $pe in das Land ein. Die nächsten paar Jahre werden voris|shtlich entscheidend sein. Wo sind die jüdischen Bankiers, '""ifewilit wären, auf diesem schwierigen Felde zu operieren, P^lwußtsein, daß die Arbeit heikel und schwierig ist und daß ein Gewinn erst in den nächsten Jahren zu erwarten sein wird? Wo sind die jüdischen Geschäftsleute, die bereit wären, ihre Fähigkeiten in harter geschäftlicher Tätigkeit zu verwerten? Wo sind die uneigennützigen Unternehmer, die bedenken, daß eine Gemeinschaft existiert, die willens ist, ihr Glück zu versuchen, indem sie die Hilfsquellen dieses Landes ausbeutet? Kommen Sie jp, meine Herrschaften! Wenn die christliche Welt nach if3.s^|flaren ruft, folgt der Widerhall unmittelbar und sehr laut lautesten dort, wo das Risiko am größten ist. Gibt es iches Gefühl, das solche Männer auch unter den Juden;en könnte? Ja, Schatz ist ein Beispiel, und ein ganz fgrÄltigendes, da er freiwillig eine große artistische Laufbahn aufgibt, die sich ihm bereits eröffnet hat, um sein einfaches Zelt in Jerusalem aufzuschlagen. Aber ein Schatz macht noch keinen Sommer. Aus der unendlichen Diskussion über die Aussichten des Zionismus müßten doch, wenn nicht hunderte, so doch Dutzende Männer von hervorragender Tätigkeit herauskommen, bereit, ihr Glück an das Glück der Juden von Palästina zu ketten. Und bis diese Dutzende nicht gekommen sein werden, wird Zion noch für viele Monate Unkraut und Disteln tragen." Hinzuzufügen ist dem nichts. Der nichtzionistische „Jewish hat so gut zum zionistischen Gewissen gesprochen, daß it besser machen könnten. Die europäische Woche steht im Zeichen der Wahlen —- Deutschland, Österreich und Rußland rüsten sich, den ichicken eine neue Vorsehung zu küren, und in allen drei Reicn^ ist, wie kaum je zuvor, die Volksseele beteiligt an den Leidenschaften, den Hoffnungen und den Beklemmungen dieses Kampfes der Lose. In Deutschland allerdings ist die Gefühlsanspannung, so groß sie an sich sein mag, doch beinahe schwächlich und trag, im Vergleich zu Österreich, gar im Vergleich zu Rußland. Deutschland hat keinen Einzug umstürzender Gewalten ins Parlament zu erwarten — kleinere Verschiebungen nach links oder rechts, die Möglichkeit oder Unmöglichkeit neuer parlamentarischer Kombinationen, das ist alles. Freilich in diesem Wenigen, in der Verbreiterung nach links oder nach rechts, bergen sich schwerwiegende Entwicklungen für die Zukunft — aber was will das bedeuten gegen die Wahlen in Österreich, die zum erstenmale „das Volk" an die Urne führen, die zum erstenmale alle nationalen Kräfte zur Expansion bringen werden? Und was bedeutet beides gegen die russischen Wahlen, wo das primitive Menschenrecht einen Verzweiflungskampf kämpft gegen die brutale Macht von Sklavenhältern, wo, oft buchstäblich, das Ringen um Leben und Tod geht? Et nostra res agitur. Auch unsere Lose werden geworfen. Mehr oder minder gleichmütig können wir das Ergebnis in Deutschland abwarten. Der Unwille oder der Schmerz, daß die deutschen Juden in der Unorganisiertheit und Wunschlosigkeit, die ihr bisheriges politisches Prinzip war, keine Rolle vor den Wahlen spielen, kommen zu spät. Die Verschiebungen in den Parteien, wenn es solche geben wird, werden an der Situation der deutschen Juden nichts ändern — wenigstens nichts zum Bessern. Sie werden bleiben, was sie sind, quantite negligeable im Parlament und im großen politischen Leben. Und das wird so wohl noch eine geraume Zeit dauern, denn es sind keine Anzeichen dafür vorhanden, daß die deutschen Juden über die papierenen Resolutionen und deklamierten Lamentationen zur organisierten Tat der Selbsthilfe und Selbstverteidigung übergehen wollen... Was in Österreich und Rußland für die Juden auf dem Spiele steht, das haben wir oft genug auseinandergesetzt. Die österreichischen Juden stehen vor neuen Gefahren: Es droht die Erstarkung des ohnehin üppig wuchernden Antisemitismus und sein Eindringen in die Minister-Kabinette, und es droht eine noch schärfere Zuspitzung und ängstlich-egoistische Vertretung der natic« nalen Ambitionen. Spät, aber noch nicht zu spät, beginnen die österreichischen Juden unter der Ägide der Zionisten an die Wahrung ihrer Interessen — es ist leider nicht wenig, was zu wahren ist — heranzugehen. Ob das wirklich nur im Bruderkampf, den die Organisation der jüdischen Polen heraufbeschwört, möglich sein, ob das Prinzip des Streites der Entrechteten gegen und unterein-