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Die Welt · 1907-01-18 · 3 (18.1.1907) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 3 =DIEjl gebenden* Lebens sich geändert haben und uns dadurch neue Wege eröffnet wurden. Bei der Erforschung der Bedingungen, unter denen es am leichtesten möglich ist, „eine Zusammenfassung der jüdischen Volkskräfte" zu erreichen, kamen wir zu dem Schlüsse, daß vor allem für uns die Freiheit der Person, des Wortes, der Presse, der Vereine und der nationalen Entwicklung notwendig ist. Alle diese Freiheiten .sind nur bei einer Demokratisierung der Staatsordnung auf der Grundlage des Parlamentarismus möglich. Nur bei einer solchen Staatsordnung können wir die vollständige Gleichberechtigung und die Möglichkeit, für unsere Vollberechtigung zu kämpfen, erlangen, was gleichbedeutend ist mit der Anerkennung unserer nationalen Rechte. Nur die Interessen des Zionismus, die mit denen des nichtassimilierten Judentums identisch sind, haben der Konferenz ihr politisches Programm diktiert. Wir brauchen aber nicht nur die Freiheit des einzelnen, sondern auch die Freiheit einer allgemeinjüdischen Organisation, sowie die Möglichkeit, uns gegen eine Assimilation zu verteidigen, die man uns mit Gewalt aufdrängen will. Aus diesem Grunde hat die Konferenz ein nationales Programm ausgearbeitet. Wir wissen, daß wir in der Diaspora auf keine Weise ein gesundes nationales Leben werden führen können. Nur das autonome Judentum im eigenen Lande, in Palästina, wird die Möglichkeit haben, eine selbständige und gesunde nationale Kultur zu schaffen. In der Diaspora aber müssen wir eine solche Ordnung anstreben, die uns die größtmögliche Freiheit der Selbsttätigkeit garantieren wird. Aus diesen Motiven heraus wurde unser politisches Pogramm aufgebaut, das sich in einem harmonischen Verhältnis zu unserer allgemeinzionistischen Lebensauffassung befindet. Wir wissen, daß das Judentum nicht bald und nicht mit einem Malenach Palästina wird übersiedeln können, daß es im Gegenteil noch viele Jahre in der Diaspora verbleiben wird. Deswegen muß man es hier nach Möglichkeit stärken. Auf diese Weise werden wir nicht nur die assimilatorischen Tendenzen, die von außen und von innen sich in unser Leben hineinzuzwängen suchen, zurückdrängen; wir werden außerdem auch ein Fundament schaffen können, auf dem sich die jüdischen Massen zu einem Ganzen verbinden können. Und da wir wünschen, daß bald der Zeitpunkt eintreten soll, wo wir nicht eine besondere Organisation darstellen, sondern wo der größte Teil der Judenheit, erfüllt von dem Wunsche nach einer Renaissance, sich der Palästinasache zuwenden soll, haben wir ein allgemeines nationales und politisches Programm aufgestellt. Im Einklang mit diesem Prinzip hat die Konferenz ihre Taktik festgesetzt. Wenn die Tendenz darauf hinausgegangen wäre, statt der zionistischen Organisation eine nur nationale zu schaffen, oder nur für die Verbesserung der Lage zu kämpfen, hätte man die Parole ausgeben können, daß alle nationalgesinnten Gruppen im Judentum sich vereinigen sollen. Statt dieser Parole hat die Konferenz aber den Beschluß einer selbständigen Arbeit aufgestellt. Damit haben wir den Unterschied zwischen uns und denjenigen Nationalisten, die die vollständige Lösung der Judenfrage hier in der Diaspora suchen, offen deklariert. Wir Zionisten sind gezwungen, alle unsere Forderungen von anderem Standpunkte aus zu beleuchten, was wir nicht hätten tun können, hätten wir uns ganz mit den Nationalisten vereinigt. Dort, wo wir bloß den Anfang erblicken, finden sie das Ende. Wir haben offen erklärt, daß wir im politischen Kampfe unter eigener Fahne kämpfen werden, obwohl es möglich ist, daß es in der ersten Zeit für uns vorteilhafter wäre, Hand in Hand mit den Nationalisten zu gehen. Wir wollen und können nicht für einen Augenblick unsere weiß-blaue Fahne verstecken. Wir müssen immer unsere Überzeugung aussprechen, daß wir hier, in der Diaspora, nur vorläufige Etappen unserer vollständigen Befreiung schaffen, daß wir nur eine teilweise Verbesserung der jüdischen Lage erreichen können. Alles was wir tun und unternehmen, was wir propagieren und lehren, muß eine deutliche Abspiegelung unseres Ideals an sich tragen, denn nur um das Endziel des Zionismus zu erreichen, steilen wir bestimmte nationale und politische Forderungen auf, und nur im Hinblick auf die Interessen des Zionismus bestimmen wir unsere Taktik. Inbezug auf den Inhalt unseres national-politischen Programms mußte die Konferenz der Zionisten sich auf den territorialen Standpunkt stellen: Eine vollständige nationale Entwicklung ist nur im eigenen Lande möglich. Deshalb können wir nicht das fordern, was andere Nationen in Rußland erstreben, die eigene Territorien besitzen. Wir können es nicht nur deswegen nicht tun, weil man es uns nicht geben wird, sondern auch darum, weil wir, wenn man es uns gäbe, nicht gewußt hätten, was wir damit anfangen sollten. Da wir kein eigenes Territorium in Rußland besitzen, können wir dort auch keine vollständige national-politische Autonomie mit eigenem gesetz- £ELT 17 geberischem „Landtag" erlangen. Solche Forderungen sind für uns zwar schöne, aber inhaltslose Phantasien. Anderseits aber vertreten wir die Überzeugung, daß das Judentum, als eine besondere nationale Gruppe, nicht nur durch eine gemeinsame Kultur im Sinne von „Sprache, Literatur usw." vereinigt ist, sondern auch durch eine ganze Reihe politischer und nationaler Elemente, die aus der jüdischen anormalen Lage ihren Ursprung nehmen. Endlich ist das ganze Judentum durch die Notwendigkeit vereinigt, eine Lösung für das Ernigrationsproblem zu finden, die eine besondere Organisation aller andern Volkskräfte erfordert. Auf welche Weise die Organisation sich aufbauen wird, ob von oben nach unten, oder aber umgekehrt, d. h., ob die Organisation mit einer allgemein-jüdischen nationalen Versammlung beginnen wird, die in die Gemeinden ausmünden wird, oder umgekehrt, - - diese Frage hat die dritte Konferenz offen gelassen, darüber wird uns erst die Zukunft belehren. Für den Moment ist nur folgendes beschlossen worden: Die russischen Juden fordern für sich nationale Selbstverwaltung, keine Autonomie. Die nationale Selbstverwaltung soll sich auch mit den ökonomischen Bedürfnissen des jüdischen Volkes, nicht nur mit den kulturellen beschäftigen; endlich soll die Selbstverwaltung das Recht besitzen, in dieser oder jener Form der Bevölkerung Abgaben aufzulegen. So ist unser ganzes Programm von einem Hauptgedanken durchdrungen: das jüdische Volk vorzubereiten, damit es bereit sein soll, eine radikale Lösung der Judenfrage zu finden, d. h., das zionistische Ideal zu verwirklichen. Davon abgesehen, ließ sich die Konferenz von dem Wunsche leiten, die zionistische Organisation zu einer Trägerin des ganzen jüdischen Fortschritts zu machen, zu jener Kraft, die das Schaffen des Volkes in allen Äußerungen des öffentlichen jüdischen Lebens lenkt. Der Zionismus muß weit und tief in das Volk eindringen durch den Komplex von Arbeiten, die nicht nur für die Zukunft bestimmt sind, sondern auch die Gegenwart regulieren. (Schluß folgt) Voranzeigen Prag (Voranzeige). Die Lokalorganisation der „PoaleZion" in Prag veranstaltet Sonntag den 27. Januar 1. .1. zwei Versammlungen, bei denen Genosse S. Kaplansky-Kaplan aus Wien das Referat erstatten wird. Erste Versammlung im Saale des Hofbräuhauses um '-.»lO Uhr vorm. über „Die jüdische Arbeiterb e w e g ii n g u n d d a s B r ü nnerProgra m m ", zweite Yersam ml ung 1 s8 Uhr abends im Hotel Europe über „Politik und Ökonom ick im Realisierungsproblem des Zionismus. Gesinnungsgenossen willkommen. Wien. Der Verein zionistischer Hochschüler „Theodor Herzl" veranstaltet Sonntag den 27. Jänner 1907, präzise 8 Uhr abends, im Festsaale des Österr. Ingenieur- und Architektenvereins, L, Eschenbachgasse Nr. 9, einen Morris Rosenfeldabend unter gefälliger Mitwirkung der Herren Dr. N. Birnbaum — Math. Acher (Konference), k. k. Hofburgschauspieler Ferdinand Gregori (Rezitation), Konzertsänger Don Fuchs (Vortrag Rosenfeld'scher Lieder). Das Reinerträgnis fällt dem kranken Dichter zu. Karten ä K. 5. , 3.—, 2.— und 1.—- sind in Gutmanns Hofmusikalienhandlung, I. Hofopernhaus und im Vereinslokale IX., Grüne Torgasse 33, Parterre, abends von 7 bis 9 Uhr erhältlich, wo auch Spenden zugunsten des erkrankten Dichters dankend entgegengenommen werden. Wien. Die jüdisch-akademische Verbindung „Ivria" in Wien gibt im Laufe des Monats März ein zionistisches Agitationsbuch heraus, dessen Reinertrag dem Herzldenkmal der zionistischen Studentenschaft Österreichs in Moza gewidmet ist. Es wird Beiträge enthalten von Mathias Acher, Dr. Martin Buber, Dr. Bruno Blau, A. Coralnik, Dr. Hugo Deutsch, Dr. Adolf Friedemann, Ing. Emil Fried, Prof. Richard Gottheil, Dr. Berthold Hahn, Dr. Hillel Joffe, S. Kaplan-Kaplanski, Dr. Arthur-Mahler, Dr. Max Nordau, Prof. Boris Schatz, Dr. Isidor Schalit. Heinrich York-Steiner, Davis Trietsch, Julius Uprimny, Prof. Dr. Warburg, Dr. Paul Weisengrün. Die Herausgeber wollen durch die Schaffung eines Agitationsbuches von dauerndem Wert einem zweifellos vorhandenen Bedürfnisse entsprechen und zugleich den Plan des studentischen Herzldenkmals in Palästina moralisch und materiell fördern. Berlin. Der „Verein jüdischer Studenten Maccabaea", der am Anfange dieses Semesters an der Berliner Universität neu gegründet worden ist, wurde durch Beschluß des Kartelltages der Vereine jüdischer Studenten, der vom 3. bis 10. ds. Mts. in Straßburg getagt hat, provisorisch in den „Bund Jüdischer Korporationen" iB. J. C.) aufgenommen. Der Gründungskommers des V. J. St. Maccabaea findet am Montag den 28. Januar im Festsaale des Schillertheaters Charlottenburg (nahe Untergrundbahnstation Knie) statt.

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