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Die Welt · 1907-01-18 · 3 (18.1.1907) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
– (sequence 12)
Language
German
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14 DIE ELT No. 3 O {{ □□( o o \^ ^0 FEUILLETON o □□□□□□ J) O o- — ff o EIN NEUER HIRSZENBERG („ Das Fest im Ghetto1') Kühle Dämmerstunde im Spätsommer. Die Sonne verweilt länger denn sonst am Horizont und sieht neidvoll vor ihrem Scheiden mit wunden, roten Augen auf das wundersame Weben da unten im Judenstädtchen. Dort machen die Menschen Feiertag. Und die Häuser und Gäßchen und Winkel, die hier mit den Menschen so eng beisammenleben, halten mit und werden gar still und feierlich. Irgendwo hat eine Amsel hinaufgesungen zu den Wolken, die wie Zipfel eines uralten kostbaren Priesterkleides purpurn über den Dächern hängen. Aber sie verstummt plötzlich, weil sie in der heiligen Ruhe vor der Inbrunst des eigenen Liedes erschrak. Und schon wachsen die blauen Schatten, kriechen zerknüllt und verdrückt über das holprige Pflaster, schleichen die Wände hinan, müssen aber vor den Fenstern stehen bleiben, in denen hinter blühweißen Linnen ganz bescheiden die ersten Feiertagslichter flimmern. Dort am Platze, wo sonst die Kinder jagen oder an den Häuserecken Knöpfe und Münzen im Spiele an die Wand werfen, steht ein niedriges Häuschen, windschief und engbrüstig. Wenn man aber näher zusieht, ist es doch nicht so schmucklos und traurig. Denn es ist frisch gestrichen, und das eine Fenster trägt freundlich-grüne Läden, und rosig lächeln seine blanken Scheiben. Das andere Fenster muß sich allerdings mit den alten schmutzigbraunen Läden begnügen. Der Feierabend kam, und da hief.» es eiligst Farbe und Pinsel vor dem gestrengen Herrn verstecken. Und wer jetzt diese Frau mit Mutter, Schwester und mit dem blühenden Töchterlein aus der Tür treten sieht, der nennt das Häuschen überreich, weil eine solche Frau in ihm waltet. Sie mußte den Kopf neigen, als sie aus der Türe trat, lehnt ihn aber gleich wieder in ihrer stillen, hoheitsvollen Art in den Nacken zurück, nicht anders, als stünden rechts und links in ehrfurchtsvollem Spalier Pagen und vieledle Frauen und Sänger mit verstummendem Harfenspiele, die sich vor der Herrin verneigen. So schreitet sie mit dem Kinde an der Hand und mit den beiden Frauen quer über den Platz der Frauenschul zu, unhörbar und ein wenig vorgeneigt. Wie Mutter und Schwester trägt sie heute die wunderschöne, goldgewirkte Haube mit der feingefalteten Krause über dem Scheitel, der eine herrliche Stirne freiläßt; und das prachtvolle Tuch, ein Geschenk des Vaters Gott hab' ihn selig! -- fließt in stolzen Falten von den königlichen Schultern bis zu den Knöcheln hinab. Köstliches Geschmeide trägst du, hohe Frau, aber dein Antlitz hat nicht die Ruhe dieses Abends und es spiegelt nicht die helle Feiertagsfreude deines Kindes, das du heute mit liebender Hand geschmückt hast. Ich fürchte, du seufztest ganz verhalten in dich hinein, als das Töchterchen trällernd zwischen deinen Knieen lehnte und du ihm das Seidenband in das glänzendbraune Haar schlangst. ■ Denn deine Augen —- diese märchenhaft dunkeln, matten Augen blicken weit vor sich hin, durch die Wände der alten Schul hindurch, irgendwohin in die Ferne, wohin das Hoffen langer Jahre entschwand, grausam fortgetragen auf den Flügeln des Schicksals. Und hast es doch so treu und fest da drinnen gewahrt, dort, wo du mit der ringgeschmückten schlanken Linken das Gebetbuch gegen die Brust hältst. Ein schönes Gebetbuch! Diesen schweren Deckel hat ein braver Meister gearbeitet, und die Blätter sind prächtig in Gold geschnitten, so daß darauf die Abendlichter spielen. Wer dir das wohl geschenkt hat? Vielleicht der blasse Mann dort drüben, der mit Bruder und Mutter - die Mutter geht allein voran, wie sich's ziemt —- längs der Häuser zur Synagoge geht und dir aller Sitte zum Trotz mit traurigen Augen nachblickt? Ich errat' es wohl. Bei deiner Hochzeit war's. Als man dich dreimal um den Bräutigam führte, den du nur vom Knöpfespielen her kanntest, sahst du ihn unter den Männern, die im Halbkreis den Baldachin umstanden und laut singend die geflochtenen Lichter hochhielten. Dann spielte der Klesmer auf; unter Händegeklatsche, Köpfewiegen und ausgelassenen Weisen warfen dir die Mannsleute, einer nach dem andern, den Knoten ihres Tuches zu, und du hüpftest schweren Herzens mit jedem das Ehrentänzlein. Er aber trat zuletzt heran, — niemand sah es mehr, — denn der Wein war süß und prickelnd, -- und ihr habt euch sündig die Hand, zum ersten und letzten Male die bloße Hand gereicht, und er legte dir das Buch in den Arm. Heute, am Neujahrsabend, wirst du aus dem teuren Buche singen, wie alljährlich, und wirst wie alljährlich um den Frieden flehen für dieses Jahr, dem wonnigen Kinde zuliebe, das dir in freudloser Ehe erblühte, —- und wirst plötzlich durchs Gitter der Frauenschul ihn erblicken, der sich dort gegen die Brust schlägt und ganz durchleuchtet ist von den unzähligen Kerzen, die mit ihrem Glänze förmlich das Deckengewölbe durchbrechen. Und du siehst diese Seele, die immer zu dir gehörte wie du zu ihr, und es steigt das heiße Sehnen in dir auf. Da lehnst du wohl das Töchterlein, das an deinem Arme einschlummerte, sachte zur Großmutter hinüber und stiehlst dich in den Hof zum bestirnten Himmel hinaus. . . . Nach dem Beten aber wirst du wieder sanft und königlich durch die gute Stube gehn, und das Kind wird dem Vater den Spruch singen, den du es für heute Abend lehrtest . . . Also träumte ich vor einem Bilde H irszenbergs, das er „Das Fest im Ghetto" nennt und das man nebst andern neuen Werken unseres Meisters in der hiesigen Kunstausstellung bewundert. Und die Leute flüstern vor dem Bilde mit scheuen, verhaltenen Worten, denn sie stehen vor einer farbengewordenen Dichtung. Ein ergreifend schönes Volkslied gab uns hier der Künstler nach der aufwühlenden jüdischen Schicksalssymphonie, die er uns in seinem Gemälde „Golus" schenkte. Es ist unser Madonnenbild, und die Frauen werden es mit Blumen schmücken; denn es ist mehr darin als Schönheit und Liebe: Andacht und Weihe. Krakau OTTO ABELES

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