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Die Welt · 1907-01-18 · 3 (18.1.1907) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nation um ein einziges oder um einige Lieder bereichert haben, die allgemeine Verbreitung finden und deren Autoren man beinahe nicht kennt. An diese reihen sich die jüngeren literarischen Kräfte Westeuropas an, die verheißungsvoll begonnen haben und von denen noch reifere Gaben zu erwarten sind. Freilich ist die gesunde Entwicklung dieser kräftig emporsprießenden jungjüdischen Dichtung nur dann zu erwarten, wenn wir den höchsten kritischen Maßstab an ihre Erzeugnisse legen, wenn wir bei aller Freude an dem sie durchflutenden Enthusiasmus weder die Schwächen der Lyrik noch die ungenügende dramatische Kraft der Bühnenwerke unserer westeuropäischen Nationaldichter übersehen. Daß aber ein elementarer Schwung in dieser Literatur lebt, beweist schon der Umstand, daß sie manche nichtjüdische Dichter in ihren Bannkreis gezogen hat; wie Borries v. Münchhausen, Tschirikoff u. a. 7. Die Hatiptgruppe der jüdischen Nationaldichter lebt im Osten Europas oder in den neuen, großen Konzentrationen, die die russischen Auswanderer in London und New-York gebildet haben. Ihr literarisches Instrument ist die hebräische und die jüdische Sprache* ihr künstlerisches Streben ist darauf gerichtet, diesen Nationalsprachen alle Feinheiten, die ganze Modulationsfähigkeit der höchstentwickelten Sprachen der Gegenwart zu verleihen. Wir haben unter ihnen hervorragende Lyriker, wie Frug, Bialik Monis Rosenfeld; Erzähler, wie Dienesohn, Spector, Scholem Alejchem und vor allem Perez; Dramatiker, wie Goldfaden, Gordin, Kobrin, Asch und Pinski, dessen „Familie Zwi" mehrfach auch in Wien und Berlin zur Aufführung gelangte. Aufs engste mit jener Hauptmasse des jüdischen Volkes verwachsen, die noch nicht aufgehört hat, sich als abgesondertes ethnisches Ganzes zu fühlen, schildern sie ihr Leben, ihr Denken und Empfinden, die Beziehungen und die Kämpfe zwischen Armen und Reichen, weltlich Gebildeten und Orthodoxen, Bourgeois und Revolutionären, Sozialdemokraten und Zionisten. Wahre Sänger des Ghetto, verklären sie durch ihr Lied, die unnennbaren physischen und seelischen Martern jener Ärmsten, die dicht zusammengepfercht in Kellerwohnungen leben, nicht wissend, wovon sie morgen ihre Familien ernähren werden, nicht wissend, ob sie in der nächsten Stunde von Blutbanden hingemordet oder zur Auswanderung nach den überseeischen Ghettos gezwungen werden; jener Ärmsten, die sich trotz dieser unsäglichen Leiden, gestützt auf die großen Denkmäler der jüdischen Vergangenheit, ein höheres geistiges Leben zu wahren gewußt haben. Der typischste und zugleich der glänzendste Vertreter dieser Ghettosänger ist Morris Rosenfeld, der russisch-polnische Chederzögling, welcher in Holland Diamanten schleift, in London in den Sweat-Shops schneidert, in New-York sich in den Karren der jüdischen Journalistik schmiedet und dabei Jargonlieder dichtet, die den reinsten Perlen der modernen Lyrik beigezählt werden. Welch ein Unterschied zwischen den Lebensbedingungen der westeuropäischen Dichter und dieser Ghettosänger des Ostens! Söhne von Bettlern, mühselig durch Handarbeit oder journalistischen Frondienst sich ernährend, von dem Sturm des Nationalunglücks wie abgerissene Blätter über die Erdkugel getrieben, in kümmerlicher Enge, in Druck und Elend, umgeben von aufopfernden aber ungebildeten Frauen und von der traditionellen Kinderschar, singen sie in den kargen Augenblicken, die sie ihrer Nachtruhe entziehen, das melancholisch-ironische, das tief ergreifende Lied ihres Volkes, singen sie das altjüdische Hohelied treuer Familienliebe — Priester als Galeerensklaven. Ehret sie, denn sie sind die Träger und Erhalter des jüdischen Volksgeistes im Exil! □!□ KORRESPONDENZEN ^S^00(T^ 'II o o o >n\fc SB oo (Diese Rubrik, für die die Redaktion nicht die Verantwortung trägt, ist, wie wir wiederholt bemerken, Zuschriften aus dem Leserkreise und freiem Meinungsaustausch offen.) Organisationsfragen In dem Bericht über die Jahreskonferenz wird der Wunsch des Aktions-Komitees nach einer öffentlichen Diskussion über Schekel, Wahlrecht und Wahl modus zum Ausdruck gebracht. Zur Begründung der Notwendigkeit einer Abänderung des Organisations- Statuts wird dabei angeführt: 1. die Schekel-Eingänge sind zu gering für die Bedürfnisse der Organisation, resp. es werden zu große Beträge von den Landsmannschaften für ihre eigenen Bedürfnisse zurückgehalten; 2. „das bisherige System ist nicht nur äußerst kompliziert und schwerfällig, es ergibt auch ein sehr wenig zuverlässiges Wahlverfahren und einen nichts weniger als einwandfreien Modus des Wahlrechtes." Die Früchte der öffentlichen Diskussion will dann das Aktions- Komitee in Gestalt von Vorschlägen dem VIII. Kongreß vorlegen. Es möge mir gestattet sein, zunächst zu sagen, daß ich diese Art der „Fragestellung", — der Anregung einer Diskussion nicht für richtig halte. Zunächst müßten uns die Schwierigkeiten ganz präzise auseinandergesetzt werden, die wohl die Leitung kennt, nicht aber das Publikum, dessen Mitarbeit hier verlangt wird. Es wäre wahrscheinlich sogar das Richtigste, daß die Leitung die Diskussion mit ihren eigenen Vorschlägen eröffnet. Wir anderen, die wir speziell inbezug auf die Kompliziertheit und sonstigen Mängel des Wahlrechts und Wahlmodus keine andern Unterlagen bekommen haben, als die oben sub 2) wörtlich angeführten, sind damit in der ungefähren Lage des Arztes im Orient, dem zur Untersuchung einer kranken Harernsdame nur die Hand gezeigt wird. Trotzdem will ich versuchen, so gut die mangelhaften Unterlagen es gestatten, ein, wie mir scheint, wenigstens im Prinzip geeignetes System meinerseits zur Diskussion zu stellen. Ich hoffe, man wird nicht sparsam sein mit der Kritik, wenn es ihr nicht standhalten sollte. Zunächst der Schekel, wie er gedacht war und zum Teil noch ist. Der Schekel war gedacht als Beitrag derer, die sich auf Grund des Baseler Programms der zionistischen Organisation anschließen. Mit der Entrichtung des Schekels ist man Mitglied der allgemeinen zionistischen Oganisation und dadurch zur Teilnahme an den Kongreßwahien berechtigt. Außerdem sollten den Zahlern der Schekelsteuer als weitere Gegenleistung gelegentliche Mitteilungen des Aktions-Komitees über die Fortschritte der Bewegung etc. zugehen. Nun sagt z. B. („Welt" Nr. 37 v. J.t Herr Julius Berger: „Das" Falsche des heute giltigen Systems und die Wurzel alles Obels liegt in zwei Punkten begründet: in der Verknüpfung der Schekelzahlung mit dem Wahlrecht und in der Form, in der der Schekel entrichtet wird Es gilt heute als Vorschrift, daß der Schekel nur von einem Anhänger des Baseler Programms genommen werden darf,, um auf diese Weise zu verhindern, daß Nichtzionisten das Wahlrecht zum Kongresse erlangen. Eine derartige Bestimmuung war von Natur aus dazu beschaffen, nicht eingehalten zu werden, weil sie Unmögliches verlangte. Das einfache Bekenntnis zum Baseler Programm kann nicht genügen, wo die Kenntnis des Programms fehlt. Die Gefahr liegt vielmehr nahe, daß der Eifer der Schekelsammler sich allzuleicht über diese Vorbedingung hinwegsetzt und das Einverständnis mit den? Baseler Programm sehr oft da annimmt, wo das Verständnis dafür offenbar mangelt." Hier sitzt in der Tat die Quelle des Übels. Meines Erachtens ist vor allem derSinnderSchekelzahluns" durchzudiskutieren, über

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