Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 3 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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ihren Stolz darein setzt, unter eigener Flagge zu segeln und eine, die ihren jüdischen Ursprung tunlichst verwischen möchte. Man könnte diese Scheidung noch präziser durchführen. Die moderne jüdische Literatur wird zumeist als die jungjüdische bezeichnet. Das wäre also diejenige, die sich an die Verjüngung des jüdischen Volkes knüpft, deren Nährboden die neuerwachte jüdischnationale Idee bildet. Und in der Tat gehören weitaus die meisten durch ihre Neuartigkeit und Originalität interessanten Erzeugnisse der modern-jüdischen Dichtung dieser genau umschriebenen Gruppe an. Man würde jedoch das legitime Besitztum des jüdischen Schrifttums ungerechterweise verkürzen, wollte man nicht auch alle jene geistigen Erzeugnisse von Juden hinzurechnen, die, ohne zu der nationalen Idee Stellung zu nehmen, jüdische Stoffe behandeln oder in der Bearbeitung fremder Stoffe den charakteristischen jüdischen Rasseneinschlag aufweisen. Nur auf die Produktion jener jüdischen Schriftsteller dürfen wir bei diesem Inventarüberschlag verzichten, die dem Judentum so völlig entfremdet sind, daß sie indiffernte Stoffe in indifferenter Weise behandeln. 4. Es wäre zweifellos sehr interessant, wenn man einmal nicht vom Standpunkte des Grafen Pückler-Muskau, sondern von einem höheren, kulturhistorisch-vergleichenden Gesichtspunkte aus die geistige Wirksamkeit der anderen, die unter fremder Flagge segeln, untersuchen wollte. Wer zählt sie, alle diejenigen, die das jüdische Volk in jeder Generation andern Völkern abtritt! Der Kulturhistoriker würde sich überzeugen, daß nicht nur das physische, sondern auch das geistige Profil dieser Neophyten - nicht immer in formellem, wohl aber in intellektuellem Sinne — ein unverändert jüdisches bleibt. Sie alle, die in der literarischen Bewegung stehen, ob sie nun Dichter, Ästhetiker, Kritiker oder Publizisten sind, zeichnen sich durch eine Neigung zum Virtuosentum der Feder aus, die bei den Erben einer Jahrtausende alten Schriftkultur erklärlich ist. Sie alle, mögen sie sich auch zu hohen Stellungen in der offiziellen Hierarchie emporgeschwungen haben, bleiben doch in ihrer zähen, eingewurzelten und tätigen Sympathie für Fortschritt und Licht unverfälschte Söhne Israels. Ihre rege Phantasie, ein scharfer Verstand, die ererbte Gewohnheit, aus einer Kultur in eine zweite hinüberzugleiten, ihre ebenfalls ererbte Sprachfertigkeit, die es ihnen gestattet, in mehreren Kulturen gleichzeitig zu leben und sie zu den natürlichen Vermittlern zwischen diesen Kulturen macht, ihre charakteristische Agilität endlich bewirken es, daß sie jede literarische Strömung rasch bis zu ihrem Gipfel emporführen, jede neue früher als andere wittern, vorauseilend die charakteristischen Schlagwörter für sie prägen, sich dann leidenschaftlicher als andere mit ihr identifizieren, alle Konsequenzen aus ihr ziehen, um sie dann wieder kritisch zu zersetzen und eine neue Richtung aufzubauen. So bleiben sie das Salz der Völker und das Ferment der Kulturen. Ein Georg Brandes mag in dem Wahne leben, daß ihn nichts mehr mit dem Judentum verbindet, er mag sich noch so sehr als dänischer Chauvinist gebärden — Blut ist ein seltsamer Saft, er löst sich selbst in Weihwasser nicht auf. Seine Gehirnmoleküle sind jüdisch geblieben, seine Stilvirtuosität ist jüdisch, seine Analyse ist jüdisch, seine Freiheitsbegeisterung ist jüdisch, ganz ebenso wie die des jüdisch vollbewußten Autors der „Konventionellen Lügen" und der „Entartung". Wir wollen das Schaffen eines Ludwig Fulda nicht überschätzen, aber als charakteristisch wollen wir es hervorheben, daß er, der hervorragendste Vermittler zwischen französischer und deutscher Dichtung, den Naturalismus überwunden hat zu einer Zeit, da der öffentliche Geschmack ihm noch huldigte, daß er lange vor Hauptmann das Märchendrama inaugurierte und vor Maeterlincks „Monna Vanna" das stilisierte Höhendrama anstrebte. Nun aber ist es Zeit, daß wir uns jenen jüdischen Schriftstellern zuwenden, die über dieser Aufgabe nicht ihr eigenes Volk, ihre intellektuellen Pflichten diesem gegenüber vergessen haben. Immer größer wird in den letzten Jahren die Zahl der bewußt jüdischen Dichter, die, ohne im Zeichen des Zionismus zu schaffen, jüdischen Stoffen sich zuwenden. Vergebens würden wir unter den jüngeren jüdisch - französischen Autoren nach Liebhabern jüdischer Stoffe, Umschau halten. Ein Henry Bernstein, ein Francis de Croisset sind von dieser Strömung ebenso weit entfernt, wie etwa in Deutschland ein Oskar Blumenthal. Aber schon England besitzt in Stefan Philipps einen Dramatiker, der mit Liebe und Erfolg altjüdische Vorwürfe, wie Herodes und Marianne, bearbeitet. Die Niederlande haben uns in Heyermans einen jüdischen Dramatiker geschenkt, der es nicht verschmäht, das Ghetto auf die Bühne zu bringen. Von den polnisch-jüdischen Schriftstellern verdient Wilhelm Feldman genannt zu werden, der mehrere Erzählungen und Dramen dem zeitgenössischen jüdischen Stoffkreise entlehnte. Das Innigste und Lebensvollsteauf diesem Gebiete haben, wenn wir von den national-jüdischen Dichtern absehen, die deutschschreibenden Juden geliefert. Neben Ephraim Frisch, neben Georg Hirschfeld, vor allem Jacob Wassermann, der in seinen „Juden von Zirndorf" ein tiefes, gehaltvolles jüdisches Kunstwerk geschaffen hat. In Agathon Geyer, dem Helden seiner Erzählung, lernen wir einen Juden kennen, der das herrlichste Menschenexemplar ist, das man finden kann. Alle reinen Glieder der Rasse scheinen sich vereinigt zu haben, ihn hervorzubringen, ihn mit allen köstlichsten Eigenschaften auszustatten, die die Nation je besessen hat: „Kraft und Tiefe, sittliche Größe und Freiheit". Alle Beziehungen des Judentums zu den Ideen der Gegenwrart werden in diesem merkwürdigen Buche berührt. Die Juden erscheinen hier als Mitschöpfer der wahren, großen, umgestaltenden geschichtlichen Strömungen, aber auch als die ihrer Extreme und Parodien. 6. Nie gab es wohl ein literarisches Milieu, das heterogener und dabei einheitlicher, zersprengter und dabei fester verbunden gewesen wäre, als das national-jüdische der Gegenwart. Unter den verschiedensten Himmelsstrichen, über die ganze Erdkugel zerstreut, umringt von völlig anders gearteten Kulturen, den mannigfachsten sozialen Schichten angehörend, finden sich die national-jüdischen Dichter in einer Idee zusammen, die ihr ganzes Schaffen durchstrahlt: die Wiedergeburt ihres Volkes in seinem alten Heimatlande. Dieser Gedanke schwebt ihnen vor, er regt sie an, ob sie nun das jüdische Leben des Exils mit allen seinen Leiden schildern, ob sie glänzende Bilder aus der Vergangenheit Israels heraufbeschwören oder. sich in prophetischen Träumen ergehen; er ist die Quelle ihrer Ironie und ihres Pathos. Wir haben national-jüdische Dichter im Westen Europas, die über die weichen Teppiche künstlerisch geschmückter Salons schreiten, in aristokratischen Kreisen verkehren, mit leitenden Staatsmännern Händedrücke wechseln und in geistvoll scherzender Unterhaltung mit einem Flor vornehmer Schönheiten den Duft der intellektuell und ästhetisch raffiniertesten Zivilisationen einsaugen. Und mitten in diesem verführerischen, aristokratischen Prunk träumen sie wie Israel Zangwill von den Kindern des Ghettos, von armen, alten, gepeinigten russischen Jüdinnen, sie versenken sich in den tiefen psychologischen Konflikt des Assimilantentums und des jüdischen Vollsbewußtseins, wie Max Nordau in seinem „Doktor Kohn" oder Brieger-Wasservogel in „Rene Richter", sie greifen ins volle jüdische Leben der Gegenwart, aus dem ein neues, aufrechtes jüdisches Geschlecht geboren wird, oder sie malen ideale Freskobilder des jüdischen Zukunftsstaates, wie Theodor Herzl im „Neuen Ghetto" und in „Altneuland". Es ist ein charakteristisches Zeichen der elementaren Kraft, mit der die neujüdische Dichtung einsetzt, daß sie neben Schriftstellern von europäischen Namen viele Talente aufweist, die gleich den echten Volksdichtern früherer Zeiten den geistigen Schatz der