Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 3 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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nichts einzuwenden hat, erfolgte die brüske Bemerkung, daß für die Gendarmerie die Ansichten des Zensors nicht maßgebend sind. Abgesehen von den Repressalien der Polizei, wird die zionistische Organisation noch von zwei anderen Seiten in heftigster Weise angegriffen. Der eine Gegner ist der „Bund", dessen Parteiblätter eine gute Hälfte ihrer publizistischen Artikel und Korrespondenzen dem Zionismus widmen und in gehässigster Weise, ganz im Tone von „Nowoje Wremia", die Zionisten verleumden und anfeinden. Als dritter Gegner endlich präsentieren sich die verkappten Assimilatoren des Vereins der Vollberechtigung, die eine Extraorganisation zu diesem Zwecke geschaffen haben, die jüdische Volksgruppe. Aber darüber ein zweites Mal. (Vgl. zu letzterer Bemerkung unsere heutigen Ausführungen in der „Revue der Woche".) S. Wie uns ein Telegramm aus Wilna meidet, sind indessen alle Verhafteten freigegeben worden. MODERNE JUDISCHE DICHTUNG Von Dr. ALFRED NOSSIG 1. Die Altertumsforscher erzählen uns von einer wunderbaren Beobachtung, die sie bei der Ausgrabung von ägyptischen Mumien gemacht. In das Bändergewinde, das die königlichen Leichen zusammenhält, hat sich manchmal ein uraltes Samenkorn verirrt. Probeweise warfen es die Gelehrten in fruchtbaren Boden — und siehe da, ein Halm sproß auf. Die Keimkraft, die sich vor Jahrtausenden in der kleinen Kapsel aufgespeichert, war nicht versiegt. Unsere Vorfahren scheinen bei den alten Ägyptern die Kunst der Mumienbehandlung erlernt zu haben. Aber sie haben ihre Lehrmeister übertroffen. Als unser Volk politisch starb, da schnürten sie es kunstgerecht in die Bänder des Zeremonialgesetzes ein und legten es in den Sarkophag des Ghettos. Wenn aber der Deckel des Sarkophags sich öffnet, wenn das Bändergewinde aufgerollt wird, dann vollzieht sich ein größeres Wunder als das des Samenkorns: die Mumie selbst schlägt die Augen auf, sie erhebt sich und lebt. Wir sind heute staunende Zeugen eines solchen Erwachens. Die jüdische Dichtung der Gegenwart ist nur eine der Erscheinungsformen des gewaltigen Prozesses der Neubelebung einer totgesagten Nation. Die fesselndste allerdings und die überraschendste. Fesselnd, weil sie uns den Genius des jüdischen Volkes in seiner reinsten, verklärtesten Gestalt zeigt, weil hier der Erwachungsprozeß, fernab vom Kampfe der politischen Parteien, in Schönheitsrhythmen widerhallt. Überraschend, weil das heutige jüdische Schrifttum in seiner üppigen Fülle beinahe an ein Feuerwerk gemahnt, das schon ausgebrannt schien, als dünner, fahler Lichtfaden emporsteigt und eben, als es schon völlig zu verlöschen droht, plötzlich in vielfarbigen Feuergarben am dunklen Himmel erglänzt. 2. Dieser Farbenreichtum verleiht der jüdischen Dichtung eine Sonderstellung unter den Literaturen der modernen Völker. Vergebens würden wir uns nach einer anderen literarisch tätigen Nation umsehen, deren Harfe so viele Saiten aufweist und in so zahlreichen Idiomen erklingt. In sämtlichen germanischen, slavischen, romanischen Sprachen, Ungarisch und Arabisch schreiben und dichten heute die Juden. Dabei besitzt aber ihr Schrifttum eine nur ihm eigentümliche Form: Denn auch in dieser Hinsicht bekunden die Juden ihre charakteristische Vielseitigkeit und Fruchtbarkeit; sie haben nämlich zwei Nationalsprachen, das Hebräische und das Jüdische. Die moderne Neubelebung des Hebräischen ist eine Erscheinung, die heute allen Gebildeten bekannt ist. Man weiß, daß nicht nur der nie versiegte Strom der theologisch-wissenschaftlichen Literatur in dieser Sprache heute breiter fließt als je, daß nicht nur zahlreiche Jahrbücher, Wochenschriften und Tagesblätter ihrer Pflege dienen, sondern daß auch begabte Erzähler und Lyriker sich aufs neue jener klassischen Klänge bedienen, die einst den Lippen der Propheten und Psalmisten entflossen. Dein Neuhebräischen, das nur ein bereichertes Althebräisch ist, den Charakter einer Literatursprache abzuerkennen, wäre unmöglich. Anders steht es mit dem Jüdischen. Noch ist selbst unter unseren Glaubens- und Stammesgenossen, ja besonders unter diesen, die Zahl derer Legion, die das Jüdische verächtlich Jargon nennen und es als verdorbenes Deutsch, als Korrelat von Schmachtlocken und halbasiatischer Unreinlichkeit, kurz als eine Schande der Judenheit betrachten. Diese Auffassung erscheint angesichts der quantitativen und qualitativen Entwicklung des Jüdischen völlig unhaltbar. Eine Sprache, deren sich weit über sieben Millionen Menschen bedienen, die in Rußland, England und Amerika eine durchaus moderne Tagespresse erzeugt hat, die über eine unübersehbare Bücherliteratur verfügt, ist kein Jargon mehr. In dieser Sprache dichtet ein Morris Rosenfeld, dessen Schöpfungen fast alle anderen Schrifttümer sich angeeignet haben. In New-York dienen ihr große Theater, auf denen neben den Namen von Gordin und Goldfaden, Shakespeare und die besten Modernen jüdisch gespielt werden, auf denen eine Tragödin wie Agathe Barsescu mit einem jüdischen Ensemble auftritt. Zweifellos: der Jargon, Mame-Loschen, wie er im europäischen Osten, Yiddish, wie er in England und Amerika genannt wird, ist heute eine Schriftsprache, eine Kultursprache. Er zählt linguistisch zu jener Kategorie von Sprachen, die wie die romanischen aus der Verschmelzung von zwei oder mehreren Idiomen oder Dialekten entstanden sind. Das Gallo-Lateinische, das Hiberisch-Lateinische mag den Römern jahrhundertelang als abscheulicher, barbarischer Jargon geklungen haben; und tioch sind klassische Schrifttümer, das Französische und Spanische, daraus erwachsen. Und ebenso bereitet sich im Jüdischen, dieser seltsamen Exilsprache der Juden, in der alle Etappen ihres historischen Leidensweges linguistische Niederschläge hinterlassen haben, wo auf den mittelrheinisch-deutschen Stamm hebräische, slavische und englische Elemente gepfropft sind, eine interessante literarische Blüte vor. Wohlgemerkt: sie bereitet sich vor. Die jüdische Dichtung, die Jargondichtung sowohl als die anderssprachige, ist heute eine Verheißung, nicht eine Erfüllung. Der ihrer Rasse eigene Kritizismus bewahrt glücklicherweise die jüdischen Literarhistoriker und das jüdische Publikum davor, die Werke der jüdischen Dichter als Offenbarungen, als makellose Kunstwerke oder gar als die Gipfel der modernen dichterischen Produktion aufzufassen. Nicht auf die Höhe, bloß auf die Fülle der literarischen Hervorbringung der Juden habe ich einleitend hingewiesen. Diese Fülle ist eine so große, daß ich weit entfernt, den Gegenstand zu erschöpfen, mich hier auf einige Streiflichter beschränken muß. Diese Fülle und besonders die Vielsprachigkeit bewirken es, daß die Orientierung in der literarischen Produktion der Juden erschwert wird und daß man in Verlegenheit geraten könnte, wie diese Produktion von der anderer Völker abzugrenzen sei. Es gibt indes einen Gesichtspunkt, der uns aus dieser Verlegenheit hilft. Jedermann weiß, daß die jüdische Literatur der Gegenwart in zwei Hauptgruppen zerfällt: eine bewußt jüdische und eine unbewußt jüdische, eine offene und maskierte, eine, die