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Die Welt · 1907-01-18 · 3 (18.1.1907) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Ideallande der Zukunft sozusagen eine neue „Tscherta" errichten will, indem man uns gewissermaßen anrechnet, daß wir schon andere edle Bestrebungen haben. Wenn wir nach Erez Israel werden aufbrechen wollen, werden wir es tun. Das ist unser Recht und unsere Freiheit. Aber aus unseren heiligen Bestrebungen eine Spottparole zu machen und uns zuzurufen nach der alten Manier der antisemitischen Straßenschreier: W Palestinu! (Nach Palästina!) das zeugt von einem sittlichen Tiefstande, von niedriger Gesinnung, die uns am liebsten nach rumänischer Art Ausländerpässe geben möchte, um für sich das Monopol zu haben, eine neue Kategorie „Einheimischer" zu sein. Eine solche Behandlung des Zionismus steht noch unter der Pogrommethode. Der Pogrom hat diesen Unterschied nicht gemacht. Die klassische Gesetzesformel: „Ausgenommen die Juden" hat nicht noch eine Unterrubrik von den Pogromsischikis erhalten: „Ausgenommen die Ziönisten". Von Not und Tod sind alle bedrängt worden ohne, Ausnahmen. Und was die Lasten und; Pflichten, die Abgaben und Steuern anbetrifft, sind wir auch „gleichberechtigt". Interessiert an der Lebenssicherheit, an der Freiheit, an der Kulturentwicklung des ruinierten und durch die Bureaukratie ausgesogenen Landes sind wir alle gleicherweise. Nur weil wir den Mut und die Ehrlichkeit gehabt haben, die Frage des jüdischen Volkes und seiner Solidarität scharf und klar vor der Welt aufzustellen, nur weil wir den jüdischen Jammer herausgeschrien, die ohnmächtigen Geister aufgeweckt, die schwachen Teile organisiert haben, weil wir hinwiesen und hinweisen auf ein normales Volksleben ohne Schaden für die andern, ja, im Gegenteil zum großen Nutzen der Zivilisation und Kultur — deswegen sollen wir nicht mitzureden haben, wo es sich darum handelt, einen Teil unseres Volkes zu retten von Unglück, Elend und Bedrückung? Die solche Gelüste hegen, mögen sie beizeiten dort ablegen, wo wir das ganze alte Regime lassen wollen mit seinen Protektionen und seinen Privilegien, seinen „Politischzuverlässigen", seinem „echten und unechten Rußentum". Wir weisen mit Verachtung sowohl den Bileainrat der christlichen Echtrussen zurück, die da sagen: W Palestinu!, als die Vespasianuslust unserer jüdischen Zionistenfresser, die eine falsche Beschuldigung daraus ableiten, was zu fühlen und zu erfassen sie nicht fähig sind. Weg mit den groben Händen! Unsere Aufgabe in der Duma ist es, die jüdischen Interessen zu verteidigen, die jüdische Not und Lebensunsicherheit zu beseitigen: die Ausnahmegesetze, die Chikanen, die Tyrannei, den Raub unserer Arbeit, das Hetzen und Verfolgen, dasr Ersticken von Talenten, das systematische Absperren aller Karrieren, die Leiden unserer Kinder, das qualvolle Sich-Herumschleppen von Witwen und Waisen, die schwere Last der Steuerschraube, die Haltlosigkei-t des jüdischen Arbeiters, die Qualen des jüdischen Krämers, das Chaos in den jüdischen Gemeinden, den Schandfleck der Korobka, den Druck des jüdischen Passeports, die Rechtlosigkeit des jüdischen Soldaten, die Martern des jüdischen Kolonisten, die Demütigung der jüdischen Synagoge, Schule und der Talmud Thora, — diesen verderbten ungeheuerlichen Zustand, der unsere Kräfte lähmt, das Leben verbittert, unser menschliches Antlitz verunstaltet, der auf uns lastet wie ein Stein, den wir mit jedem Nerv fühlen und den abzuwerfen wir vor Begierde brennen. Als Juden gehen wir in die Duma, mit unseren Klagen, mit unserem gewaltigen Protest. Wir gehen' hinein als dieselben Männer, die angefangen haben, das jüdische Volk zu organisieren, als dieselben, die der Wahrheit ins Auge geschaut haben. Wir werden uns nicht täuschen lassen, uns nicht auf andere verlassen, wir werden keine Antwort schuldig bleiben. Wir werden als Juden sprechen und das Jüdische sagen! In uns wird sich abspiegeln, in uns sich ausdrücken, aus uns sich kundgeben: Der Jude unter den Völkern. Unser Programm haben wir nicht von Fremden genommen. Wir haben es allein gemacht, und wir werden es allein vertreten. Wir können nicht versprechen, den Sieg zu bringen, wir können uns nur verpflichten,-mit aller Kraft zu kämpfen. Wir können nur geloben: Unsere Fahne, die Fahne des jüdischen Rechtes und der jüdischen Ehre, voll zu entfalten und diese Fahne rein zurückzubringen. BRIEF AUS WILNA Von einem mit dem Zentralkomitee der russischen zionistischen Organisation in enger Fühlung stehenden Korrespondenten erhalten wir folgende Zuschrift: Bald nach dem Helsingforser Delegiertentag konstituierte sich das dort gewählte Zentralkomitee. Von den vier auswärtigen Mitgliedern, die ins Komitee gewählt worden sind, sind drei nach Wilna übersiedelt, u.zw.: Rechtsanwalts. Rosenkium, Dr. D.Pasmanik und L. Jaffe. Es begann eine äußerst intensive, energische Arbeit des neuen Kollegiums. Die Beschlüsse des Delegiertentages wurden zusammengefaßt, systematisiert und in Druck gelegt. Gleichzeitig wurde das umfassende Zirkular Nr. 1 (in der vorigen und der vorliegenden Nummer der „Welt" veröffentlicht) über den Delegiertentag erlassen, und die taktischen Pläne der zionistischen Organisation für die Wahlkampagne ausgearbeitet und in Zirkular Nr. 2 niedergelegt. Ein sorgfältig ausgearbeiteter Wahlaufruf (von uns veröffentlicht. Anm. d. R.) war in 80000 Exemplaren in russischer und jüdischer Sprache verbreitet worden, und noch immer treffen Bestellungen darauf ein. Gleichzeitig wurde an den Entwurf eines systematischen Organisationsplanes herangegangen. Es wurden zu diesem Behufe vorläufig fürs erste zehn jüngere agitatorische Kräfte nach Wilna eingeladen, die mit einheitlichen Instruktionen in verschiedene Orte entsendet werden sollten, wo die zionistische Arbeit im abgelaufenen Jahre unter dem Mangel an Agitation gelitten hatte. Auf der ersten Sitzung nun, die am Donnerstag den 28. Dezember a. St. stattfand und auf der die Herren Rosenbaum, Pasmanik und Lüne den für die Agitation ausersehenen Personen die Instruktionen und nötigen Aufklärungen zu erteilen hatten, erschien die Polizei und verhaftete die ganze Gesellschaft. Die Versammlung bestand aus 19 Personen. Außer den oben Genannten war auch Herr Leo Motzkin anwesend, der vor einigen Tagen zur Beratung über manche Fragen der Wahlpolitik in Südwestrußland beim Z.-K. in Wilna eingetroffen war. Die Namen der übrigen männlichen und weiblichen Teilnehmer an der Sitzung sind wohl den westlichen Ziönisten wenig bekannt. (Tir, Bregmann, Baß, Karol, Gorelik, Wolowelski, Taneisew, Katzeneilsohn, Gin, Puffko, Frl. Leibowitz etc.) Die Sitzungfand im Lokal der Redaktion „,Das jüdische Volk" statt. Die Untersuchung des Lokales dauerte über 2 Stunden. Konfisziert wurden sämtliche Handschriften und Papiere der Zeitschrift. Auch das Protokollbuch des Z. K. und sonstige Dokumente wurden beschlagnahmt. Sämtliche 19 Personen wurden ins Gefängnis „unter passender Ehrenwache" abgeführt. Da es um 4 Uhr nachmittags geschah, erregte es ungeheures Aufsehen. Die Verhaftung wurde auf Befehl der Gendarmerie ausgeführt. Die letztere erhielt aus Petersburg Benachrichtigung, daß am 27. oder 28. eine Konferenz stattgefunden habe. Die Spionage wurde gleich auf die Lokalitäten des Z. K. und der Redaktion des Parteiblattes, die in einem Hause placiert sind, gerichtet. Heute ist schon der vierte Tag, und die Verhafteten sitzen noch fest. Die drei Mitglieder des Zentralkomitees, die in Wilna in Freiheit geblieben sind (das dritte ist zur Anteilnahme an der Wahlkampagne inzwischen abgereist) wandten alles auf, um die Befreiung durchzusetzen. Wie es scheint, hängt aber das weitere Schicksal nicht von hier, sondern von Petersburg ab. Bei dieser Gelegenheit wird wohl endgiltig die Frage des Verhaltens des Ministeriums des Innern gegenüber der Tätigkeit des Zentralkomitees der zionistischen Organisation entschieden werden müssen. Sonnabend den 30. Dezember abends wurde eine Sendung — ca. 2000 — unserer Wahlaufrufe auf dem Bahnhofe angehalten und der die Sendung abfertigende Kommis verhaftet, aber am folgenden Tage freigelassen. Sonntag früh fand eine Konfiszierung der Wahlaufrufe in der Druckerei selbst, wo dieselben gerade in der Maschine waren, statt. Auf die Antwort des Druckereibesitzers, daß er sämtliche vorgeschriebenen Formalitäten befolgt und eine Bescheinigung des Zensors habe, daß derselbe gegen den Inhalt

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