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Die Welt · 1907-01-18 · 3 (18.1.1907) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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muß durch Juden gelöst werden. Wir mögen noch so sehr unsere guten Freunde schätzen, wir mögen noch sehr hoffen, daß sie uns in unserem Kampfe unterstützen werden, — vertrauen und vom weiten stehen wäre dasselbe fehlerhafte Prinzip des Sich-auf andere-Verlassens, das so charakteristisch für das ganze alte Regime in Rulßland ist. Auch die alte ßureaukratie liebte es zu sagen, daß sie am besten wisse, was für die Bevölkerung gut jst. Nein!, ruft jetzt der erwachte Volksgeist mit Donnerstimme: Ich weiß besser, was ich brauche, und ich will es verkünden. Und das ist überall zu sehen: Der Arbeiter will laut aussprechen, was er verlangt und was ihn drückt, jede der kleinen unterdrückten Nationen will allein ihre Anliegen vorbringen, ihre Wünsche verteidigen: „Fragt nicht den Arzt — fragt den Kranken!" ') Es ist ein Irrtum, wenn man wähnt, die jüdische Frage in Rußland könne in Heimlichkeiten una Verstohlenheiten erledigt werden. Sie ist zu verwickelt und zu vielseitig. Und „man kann die Ahle nicht im Sack verstecken". ::::::) Offen, mit Mut und Energie, müssen wir als Juden auftreten — das ist das erste Gebot. Und je offener wir auftreten werden, um so eher wird man damit aufhören, bei uns allerhand Geheimnisse ausschnüffeln zu wollen und uns den Vorwurf anzuhängen, daß wir durch die Hintertüren anderer Programme und der Prinzipien anderer einschlüpfen wollen. So müssen wir uns vorbereiten zu einem neuen und schweren Kampfe: Zum ersten müssen die Menschenrechte prinzipiell für uns Juden anerkannt werden. Indem wir an dem großen Werke der allgemeinen Befreiung mitarbeiten, müssen wir bei jeder Gelegenheit die jüdischen Verhältnisse unterstreichen, müssen unsere Leiden, dasJJnrecht, die Barbarei, die uns begegnen, herausheben, wir müssen dafür sorgen, daß in die allgemeine Formel von Freiheit nicht gewundene Redensarten eindringen, derart, daß man uns später mit solch glatten Phrasen wird abspeisen können. Wir müssen in der Duma eine reale, gesunde, offene jüdische Politik treiben, Unterstützung suchen, wo sie gewissenhaft ist, wir müssen treu sein, aber nicht verblendet, mit anderen gehen, doch keinen Augenblick: der eigenen Pflichten vergessen. Jede Sache — mit einem Wort — müssen wir genau nach den gerechten Interessen derer abwägen, die wir zu repräsentieren haben. Zum zweiten: Wenn die prinzipielle Anerkennung der Menschenrechte durchgeführt sein wird, müssen wir auf Reaktionen gefaßt sein. Es ist nicht genug, zu bauen, man muß auch erhalten können. Oberall, sogar nach der großen französischen Revolution, haben die Juden nach der Emanzipation mit einer hartnäckigen und bitteren Reaktion zu kämpfen gehabt. Und wir haben ja schon jetzt einen Vorgeschmack der Reaktion, die auch im besten Falle nicht ausbleiben wird. Und es ist klar, daß man nicht nur uns, sondern auch unser Judentum angreifen wird. Man wird unsere Traditionen besudeln, unsere Ideale schmähen, unsere nationalen und historischen Prinzipien wird man verdrehen und verunstalten, unser Heiligstes wird man sich bemühen, durch allerlei Fälschungen in den Staub zu ziehen. Da wird es unsere Pflicht sein, die Wahrheit zu beweisen und zu kämpfen nicht allein für unsere Lebensrechte, sondern auch für unsere Ehre. Und nach allem, selbst wenn das Prinzip auf dem Papier gesiegt hat,' wird der Kampf darum beginnen, das Prinzip im Leben zu verwirklichen. Zu diesem Zwecke werden wir unsere ganze Volkskenntnis zusammenraffen müssen, unsere ganze praktische Erfahrung vom jüdischen Leben, um das bezeichnende Wort zu gebrauchen, den ganzen jüdischen „Szechel", damit wir vermeiden und verhüten, daß man uns so abtue wie in Galizien, wo wir auf dem Papiere Emanzipierte, in Wirklichkeit Parias sind. Diese ernste Erwägung führt uns zur Frage der Organisation. Nicht nur, wie ein Teil meint, wegen der nationalen Rechte — davon wird noch später die Rede sein —, sondern auch um die normale Emanzipation durchzuführen, müssen wir fest organisiert sein. Wir müssen uns verteidigen können gegen die Möglichkeit von Boykott und sozialem Antisemitismus. Die schriftliche Emanzipation gibt keine Schutzwaffen gegen diese Angriffe. Diese Schutzwaffen liefert nur die tiefe jüdische Volkssolidarität und das spezielle Verständnis der jüdischen Dinge, das Verwachsen-Sein und völlige Verbunden-Sein mit den ganz besonders eigenartigen Verwicklungen und Entwicklungen der jüdischen Masse. Leider kann man die Kraft dazu nicht aus Bücherweisheit holen. Da hilft es nicht, mit liberalen oder anderen Phrasen herumzuklingeln. Wir sehen das deutlich an dem Beispiele der Juden des Auslandes. Haben wir .wenig , Gelehrte, wenig Theoretiker, die fähig sind, von hohen Katlijederri zu lehren, wenig Berufspolitiker, die erfolgreich mit den .Politikern aller Völker konkurrieren könnten in der Aufstellung von f\ Jüdisches Sprichwort. **l Russisches Sprichwort. Programmen und Prinzipien? Für die jüdische Frage ist das wertlos, weil ihnen das Originelle, das Schöpferische, das Volkstümliche, das Ursprünglichst-Jüdische (das „Pintele Jidu) fehlt. Und wenn das vom Auslande gilt, um wieviel mehr gilt das in Hinsicht auf unsere Verhältnisse! Denn die Judenfrage im Auslande kann kaum verglichen werden mit der Judenfrage bei uns. Weder quantitativ noch qualitativ ist irgendwo in der Welt das Judentum so gestellt gewesen, wie hier, umgeben von so chaotisch ungeheuerlichen Bedingungen, so anders geartet, wie die Leute ringsum, so gedrückt und doch so begabt, so auseinandergepreßt und doch so sehr durch Parteiungen geteilt. Und wenn die Erfahrung bewiesen hat, daß in anderen Ländern die theoretische Emanzipation nicht genügt, um wieviel weniger würde sie erst bei uns genügen. Und nun die nationalen Bedürfnisse! Wir wollen doch nicht nur als gesicherte Staatsbürger leben, wir wollen doch auch Juden sein, wir wollen doch nicht die Seele für den Leib verkaufen. Unsere Besonderheiten sind uns nicht 'weniger teuer, als anderen die ihrigen. Und indem wir in unsere Besonderheiten höhere Kulturformen einführen wollen, wollen wir das doch aus uns heraus mit eigener Initiative tun, nicht durch eine fremde Maschinerie, nicht durch einen Zwang von außen, auch nicht zum Aufputz, um anderen damit n\ gefallen. Wie weit wir imstande sein werden, uns normal einzurichten, ist nicht genau zu bestimmen. Wir reden uns nicht ein, aus Rußland Ere^: Israel zu machen, und wir wollen kein auserwähltes Volk in der Diaspora sein. Und wie weit sind wir davon entfernt, einen nationalen Chauvinismus großzuzüchten! Gehören wir doch zu denen, die eingesehen haben, die überzeugt davon sind, daß ihnen das Ideal des jüdischen Lebens und die Vollkommenheit nur dort erstehen kann, wo Juden einst waren und wieder einmal sein wrerden: die wirklichen Herren ■— bei uns. Und wir verstecken diese Fahne nicht. Nein, wir tragen sie mit Stolz undSelbstbewußtsein. Aber so wie unsere Väter nicht gesagt haben: „Wir warten auf den Messias, indessen kann man sich ruhig taufen lassen," so wenig wird es uns einfallen, zu sagen: „Unsere nationale Vollkommenheit wird in der Zukunft erreicht werden, indessen mag man sich assimilieren." Und da wir uns nicht assimilieren wollen, und da wir nicht wollen, daß unsere Kulturinteressen, unsere Gemeinde, unsere Schulen, unsere Literatur, unser geistiges Leben, unsere Geselligkeit, unsere gegenseitige Selbsthilfe usw. unter dem Zwange einer neuen ßureaukratie unterjocht oder durch eine ungeheure Nivellierungsmaschine, die aus allem einen Brei macht, zermalmt werden sollen, haben wir es als unsere Pflicht erkannt, eine Reihe von nationalen Forderungen zu erheben, für die wir kämpfen müssen. Dieser Kampf wird nicht leichter sein als der um die sogenannten bürgerlichen Rechte. Wir unternehmen ihn, weil für uns bürgerliche und nationale Rechte nicht gesondert existieren; wir wollen nur Menschenrechte kennen, und Menschenrechte bedeutet nicht nur das Recht auf Erwerb und Leben, es bedeutet auch das' Recht auf Entwicklung und Pflege der ideellen und kulturellen Güter. Es ist für uns keine Frage, daß wir mit derselben Energie, mit derselben Kraft der Überzeugung wie für unsere Existenznotwendigkeiten für unsere geistigen Werte, für ihre selbständige und gedeihliche Entwicklung eintreten müssen. Und auch auf diesem Gebiete müssen wir wie auf dem der bürgerlichen Rechte auf Schwierigkeiten gefaßt sein, auf die Tendenz, unser selbständiges Streben durch Phrasen verschleiern zu wollen, auf Reaktionen, die nachher ausbrechen werden, auf Boykott und falsche Beschuldigungen. Die jüdischen Abgeordneten in der Duma nehmen eine schwere Aufgabe auf sich: Wir haben gegen uns das alte Regime, das Schritt auf Schritt seine Positionen verteidigen wird, wir haben gegen uns die vereinigten schwarzen Kräfte, die finstern .Mächte mit ihren Pogromen und falschen Beschuldigungen. Wir haben gegen uns die Einerseits-Anderseits-Parteien, die fähig sind, uns zu verraten und auszuliefern, wir haben gegen uns die drohenden Tendenzen künftiger Reaktionen und sehr viel Unkenntnis in Hinsicht auf unsere Lage und sehr viel Unwissenheit in Hinsicht, auf unsere Ideen, nicht nur bei Fremden, sondern sogar bei den Eigenen, die fremd geworden sind. Für uns haben wir nur die Kraft der Wahrheit. Aber in.einer solchen Zeit wieder jetzigen muß die Wahrheit mit allen politischen Kampfmitteln kämpfen. Es ist nicht genug, mit dem zu kommen und das zu wiederholen, was die andern über die künftige Freiheit sagen. Unsere Ziele müssen wir erst groß machen durch den besondern Inhalt, den wir ihnen geben, unsere Machtmittel sind schwach, wir müssen sie stärken durch Organisation und müssen dazu alle Kräfte zur Hilfe nehmen, die sich in nd ersetzten Rerjode bei uns zum Leben entwickelt haben. . . Es ist traurig-lächerlich, wenn man sagt daß wir, weil wir uns als Zionisten bekennen, nicht das Recht haben sollen, hierzulande Interessen zu vertreten. Es ist eine Schande, wenn man uns in dem

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