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Die Welt · 1907-01-18 · 3 (18.1.1907) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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nun, kurze Zeit nach Helsingfors, treten die nichtzionistischen Mitglieder des Verbandes, alle, die im Mai gegen die national-jüdische parlamentarische Gruppe gewesen waren, plötzlich als Partei unter dem Namen „Jüdische Volksgruppe" mit der ausgesprochenen Parole: „Gegen die Zionisten!" und der nicht ausgesprochenen, aber deutlichen: „Gegen die jüdischen Nationalisten überhaupt!" auf den Wahlplatz. Unter dem Wahlaufruf, den sie in den jüdischen Blättern veröffentlichen*), finden sich alle die Namen, die wir bereits kennen: Winawer, Ostrogorski, Trivus-Schmi, Sliosberg usw. — die Namen ein Programm — oder kein Programm? Es ist eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen Auftreten und Art dieser „Volkspruppe" und der neubegründeten „jüdischen Organisation" in Galizien, die wir in unserer letzten Nummer charakterisierten. Hier wie dort die Angst vor der „kleinen" (in diesem Zusammenhang nennt man uns immer „klein"), aber „wohlorganisierten" Gruppe der Zionisten, („wohlorganisiert" — auch ein beliebtes Wort bei deutschen, österreichischen und russischen Antizionisten, das alle unsere Kraft nur in die Form legen will, worauf die andern sich allerdings auch nicht einmal stützen können) hier wie dort die Wahrnehmung, dafo die Masse mit den Zionisten sympathisiert und darum hier wie dort, dem Zwange gehorchend, ein Aufputz mit „Jüdischkeit". Freilich sieht es damit bei der „Volksgruppe" noch sehr windig aus. Nachdem sie neun Zehntel ihres Aufrufes mit einer Befehdung des Zionismus ausgefüllt hat, stopft *) Übrigens ist in der „Volksgruppe", (nicht zu verwechseln mit der nationalen „Jüdischen Volkspartei", deren in der „Welt" veröffentlichtes innerpolitisches Programm dem der Zionisten ähnelt und deren Führer S. Dubnow sich scharf gegen die „Volksgruppe" verwahrte), schon eine Spaltung eingetreten, weil der veröffentlichte Aufruf nicht dem tatsächlich beschlossenen entsprach. sie ins letzte Zehntel ein paar jüdische Forderungen, die sie — .de'oi Helsingforser Programm der Zionisten entnimmt. Die Klarheit ist nun da, und sie ist wertvoll. Die Waffenbrüderschaft des „Verbandes" ist gesprengt. Hie Zionisten — hie Assimilatoren, ist die Losung. Unter ganz anderen Bedingungen treten diesmal die Zionisten in den Wahlkampf. In die erste Duma wählt man Zionisten als Einzelpersonen, die man als gute, warmherzige, alte Vertreter der jüdischen Sache kannte. Jetzt ist das Einzelpersönliche in den Hintergrund gedrängt. Die Zionisten haben ein geschlossenes, nationales Programm gebracht, es geht jetzt durchaus um die Sache. Der erste Erfolg ist schon da: Die Assimilation wurde gezwungen,, Farbe zu bekennen. Wenn sie sich so stellt, als ginge sie bloß gegen die Zionisten, nicht gegen das nationale Prinzip, so kann d|fe Experiment auf die Dauer niemand täuschen. Entweder sie wird den Kampf aufgeben müssen, oder sie wird das, was sie zum Scheine; oder aus Opportunität an jüdischem Programm aufgenommen hat tatsächlich durchzuführen gezwungen sein. In beiden Fällen wird es einen großen Sieg des nationalen Radikalismus bedeuten. Die Zionisten kämpfen einen schweren Kampf — alles steht gegen sie; was sich sonst innerhalb der Assimilation scharf befehdete, vereint sich in Furcht oder in Haß gegen den Zionismus. Viel Feind' — viel Ehr'! Wie immer die Würfel fallen, den Sieg wird niemand den Zionisten rauben, daß sie die jüdische Frage, die die andern verschleiern oder verdecken wollten, in den Mittelpunkt des Wahlkampfes in den „Tscherta" gestellt haben, so daß alle Juden auf diese Frage antworten müssen. AUS EINER PROGRAMMREDE*) Die heilige Pflicht eines jüdischen Deputierten in der Duma ist: für,die Menschenrechte zu kämpfen. ^Gleichberechtigung" ist ein westeuropäischer Terminus, der für die russischen Verhältnisse nicht passend erscheint. Dort, wo die andern alle Rechte haben und nur Juden von Rechten aus geschlossen sind, kann allerdings bloß davon die Rede sein, die Juden den anderen gleichzustellen. Bei uns in Rußland aber sind auch die anderen rechtlos, wenngleich nicht so rechtlos wie wir, die „Knechte der Knechte". Und es wäre eine schmähliche Hilfe gewesen, hielte man tfen alten Zustand aufrecht und änderte nur die Gesetze, die im besten Falle gute oder schlechte Launen der Kabinets-Gesetzmacher gewesen sind, im schlimmsten Falle Erpressungsapparate, um aus der Bevölkerung Leben und Vermögen herauszupressen. Der alte Zustand ist unhaltbar geworden. Die krampfhaften Anstrengungen, die die interessierten Kreise machen, um notdürftig alles zu verhüllen und zu verdecken, können nur die Konvulsionen vermehren und den Zerstörungsprozeß verlängern, der das Fundament von gesellschaftlichem Leben, von Existenz und Erwerb untergraben hat. Der verderbte alte Zustand wird ganz aufhören, wenn an Stelle von Verordnungen und Zirkularen, von Despotismus und Bureaukratismus „mit Peitsche und Zuckerbrot" das Recht zur Herrschaft gelangt. Dazu aber ist es nötig, daß Institutionen da seien, die dazu dienen, das Recht zu schützen und die die Macht haben, es zu schützen. Sie müssen kontrollieren und zur Verantwortung ziehen können, sie müssen gute Gesetze ausarbeiten und vorlegen, aber sie auch durchsetzen können. Darum brauchen wir in Rußland eine Konstitution. Wir brauchen sie nicht als eine Form und Formel, sondern als ein mächtiges, festes, durch alle Autoritäten garantiertes, über allen, hoch und niedrig, stehendes Regierungssystenr, das allen Völkern und allen Bevölkerungsgruppen, dem einzelnen und der Gesamtheit das Recht sichern, das Eigentum, die Ehre, das Gewissen, die Freiheit, die Arbeit und den Genuß schützen soll. *) Wir entnehmen obige Ausführungen der Rede eines zionistischen Kandidaten für die russische Duma. Eine Konstitution mit Privilegien für eine Klasse oder Schichte wäre wieder nur die Herrschaft der einen über die anderen gewesen. Die Mehrheit wäre wieder ohne richtigen Schutz geblieben, und doch braucht gerade die Mehrheit Garantien des Rechtes mehr als die höheren Klassen. Deswegen kann die Konstitution nur demokratisch sein. Eine Konstitution ohne Kraft, die Regierenden zu beherrschen und zur Verantwortung zu ziehen, ohne die Möglichkeiten, zu handeln, wie es für das Volk nötig ist, wäre nichts als ein Nachläufer des Despotismus, ein Sichaufputzen und Sich-den-Anscheingeben, — es wäre nur eine traurige Wiederholung der ersten Komödie, und die Reibungen und Reizungen, der innere Krieg, in dem alle verlieren, die gegenseitige Zerfleischung und Vernichtung würden fortdauern. Darum muß die Konstitution ausgerüstet sein mit dem R^fjfe die Bureaukratie zu lenken und diejenigen zu beseitigen, dieJjjMn Rechte den Weg verlegen — auch die Minister. J;^r Wenn wir eine solche elementare Ordnung der Garantien des Volkswillens schaffen, werden wir in diesem Rahmeß^rei arbeitten und in Ruhe die Schäden wieder ausbessern können, indem wir zugleich auf die Stimmen der Vertreter aller Klassen, Provinzen und Völker lauschen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Das ist unser allgemeiner Standpunkt. Handelte es sich auch nur um den allgemeinen Standpunkt, so wäre es schon für uns Juden wichtig, auch unsere Brüder in die Duma zu wählen, damit wir mitarbeiten können an dem großen Werke des Aufbaues eines neuen Regierungssystems, wir, die wir vom alten mehr als alle gelitten, wir, die die bittersten Klagen gegen dieses verderbte Regime zu führen haben, wir die als altes Kulturvolk nicht wenig beitragen können zum großen Kulturwerk der Wiederaufrichtung von Recht und Freiheit, wir, auf deren alter Fahne schon das heilige Wort geleuchtet hat: Ein Recht und ein Gesetz für den Fremden und den Eingeborenen. v, Darum allein schon ist es unsere Pflicht, Jude|n in di^Pfeia zu bringen, begeisterte Nationaljuden, die das Licht des Genius in dem Völkerareopag der rnssischen Reichsvörtretij|pint> zünden werden. Und doch ist das nur Nebenmotiv. Der Hauptgrund, weswegen wir Juden in der Duma brauchen, ist die große Frücht unserer Selbstwehr. Die jüdische'Präge

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