Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 2 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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no. \ die: wir müssen uns auf uns besinnen — und, ehe es zu spät ist, den Sprung ins Leben wagen." . . . Der Sprung ins Leben? Aber welchen? Der Sprünge sind ja viele — es gitt sogar einen Todessprung! Von diesem ist offenbar hier nicht die Rede, denn es heißt weiter: „Das Judentum befindet sich jetzt in einem Zustand der Genesung und Verjüngung. Tausende junger Juden wissen nicht weiter, aber wollen weiter; wissen, daß es ein Weiter und Voran geben muß..." Wohlan denn, wer klopft, dem wird geöffnet, — suchende Juden finden ihren Weg. Oder ist etwa nicht der Weg vorhanden? Sieht ihn denn nicht jeder von uns, jeder, der sehen will? Hat denn nicht der Wille bereits eine feste Gestalt angenommen, ist nicht das Fluktuierende, Unstete der Sehnsucht in die Form des Zielstrebens gebannt worden? Was suchen denn wir alle, alle, die ein neues Judentum wollen, anderes, als die Leibwerdung der Idee, die Konkretisierung des Lebenstraumes des jüdischen Volkes? Und wenn unser Weg nicht der richtige ist, welcher ist es denn? Und wir hören immer und immer wieder das Wort vom „Neuen Judentum". Alle sagen es, wenige verstehen es, und die es verstehen, kennen kaum den wahren Inhalt des Wortes, ahnen kaum die wirkliche Gestalt, die das schöne Wort annehmen könnte. Hier, in diesem sprunghaften, umprägenwollenden Versuch wird vor uns die Frage aufgerollt — und gewissermaßen beantwortet. Zuerst die Begründung. Das Judentum steht im Gegensatz zur Welt. Judentum an sich ist Kampf. Wir sind Feinde aller, alle sind unsere Feinde. „Wir Juden sind kaum denkbar im ganzen Verlauf der Weltgeschichte ohne Feinde." Wenn wir Juden der Jetztzeit die Feindseligkeit anderen Völkern gegenüber aufgegeben haben, so ist es nur eine Entäußerung unserer Urwesenheit, eine Verläugnung unseres Ichs. „Wir wollen keinen Feind kennen. Doch wir wollen auch keinen erkennen. Daraus folgt aber, daß wir unsere Individualität zu verlieren Gefahr laufen, vielleicht sie schon verloren haben." Und weil wir von Feinden umgeben sind, müssen wir uns in uns zurückziehen, in uns selbst leben, den Anker des Lebens auf den tiefsten Boden unserer eigenen Persönlichkeit senken. Unser Selbst? Aber da lauert bereits die zweite, viel tiefere Frage. Haben wir ein Selbst? Sind wir wirklich ein einheitliches Volk» ein festgefügtes, in sich abgerundetes, einer Wurzel entstammendes? Und wir bekommen zur Antwort: Nein. „Die Juden sind noch jetzt in völkischer Hinsicht, was sie von ihren Geburtsepochen her als dunkle Erinnerung noch haben: das Volk der vielen Völkerschaften... . . .Wir sind Mischlinge. .. Es gibt keine jüdische Rasse: es gibt eine Vielheit jüdischer Rassen." Und hier wird uns das Wort Renans in Erinnerung gebracht: „11 n'y a pas un type juif, il y a des types juifs." Und weil wir keine einheitliche Abstammung haben, haben wir auch keinen einheitlichen Mythos, keine selbstgestalteten Traditionen. Was konnte nun ein solches Mischvolk zusammenhalten? Warum stoben diese Stämme nicht auseinander, warum atomisierte sich nicht dieses merkwürdige Menschengemengsel, das in keinem organischen Zusammenhang zueinander stand? Und wir bekommen die uralte Antwort: Die Idee war es, die die Kettenglieder aneinanderschmiedete, die Idee des Monotheismus. Das jüdische Volk ist somit ein Werk der — Priester, ein Werk des bewußten Willens einzelner. „Nie fühlte sich das ganze jüdische Volk als Ganzes, nie wollten die Fluchtgedanken ganz versinken. Das Volk hätte untergehen müssen, wenn nicht auch eine genügend starke und sichere Klasse es zusammenhielte. . . . Die Priester waren die einzigen, denen die Erhaltung des Ganzen zum Ziel war, um das sie schwer kämpfen mußten." Und so entstand das Judentum! Und nicht bloß dieses. Nicht nur das Judenvolk allein hatten die Priester im Auge. „Was zur Entscheidung kam, wurde nicht nur das Los des jüdischen Volkes: es war die Richtung des menschlichen Geistes, es war das Schicksal der Menschheit. . . Und dieser harte Kampf, den die Idee führen mußte, um sich als jüdisches Volk zu verwirklichen, hat seine Spuren hinterlassen. „Das Judentum hat eine hohe historische Potenz in sich: die Summe der ungeheuren feELT-- 9 inneren Kämpfe, die es zu bestehen hatte. Nie wird das Vergessen möglich sein als im Tode." . . Wer wahrt uns aber vor dem Tode, was sichert uns die Fortdauer? Und wir hören darauf: „Wir sollen nicht sterben, wir wollen leben. Wir wollen nicht vergessen; wir wollen kämpfen. . . . Das Judentum lebt und weiß davon." . . . Und was seines Lebens bewußt ist, ist kraft dieses Bewußtseins lebendig. Genügt aber der bloße Wille, das nackte Wissen von sich sich selbst? Verlangt ja auch das Leben ein Wissen u m sich selbst? Was ist unser „titre d'existence"? Unser Autor wiederholt die vor Jahrtausenden geprägte Phrase: „Wir sind das auserwählte Volk Gottes." . . Und er purzelt selbst über dieses Wort: „Das auserwählteste? Nein. Das beste? Nein. Das größte? Nie und nimmer. Nur — aber hierin sind Weiten — das zu einem Ziele auserwählte, zu einem Dienste bestimmte, zu einer Erfüllung gesegnete, zu einer Mission entsandte Volk Gottes. Wir sind der Kern der Menschheit." . . . Es wäre eine Ungeheuerlichkeit, wenn nicht eine Korrektur nachfolgte. „Der Kern der Menschheit!" Aber es folgt darauf die Einschränkung: „Es gibt keine Menschheit. Sie ist Idee, sie ist Erfüllung, sie ist Ziel. Uns Juden für ewig. Denn wir sind die Verkörperer der Idee der Menschheit. . . . Weil wir die ersten Verwirklicher sind! Weil das Judentum aus einem Völkerchaos ein Volk, aus einer Vielheit eine Einheit wurde, ist es die erste Verwirklichung des Ideals der kosmischen Einheit, der Menschheit Und da es in seinem Grundwesen ein Volk des Zieles war — muß es weiter sein, muß ein Ziel haben, zu dem es strebt, ein Ideal, nach dem es sich sehnt. Ein Volk des Zieles! Hat es nicht auch Delitzsch gesagt, als das Symbol des jüdischen Seins, der „El" als „Ziel" deutete, als „Streben"? Welches soll nun das Ziel des Judentums sein? Selbst-sein. Aber wie? Und wir hören: „Das Judentum muß wieder zu einer kulturell-nationalen Einheit werden, wie es schon längst eine kulturell-historische Einheit ist. Es muß als ausgeprägt ebenbürtiges Element in die Reihe der Völker treten. Es muß sich ein nationales Leben wiederschaffen, die Organe seiner neuen Einheit formen. Ohne das neue Judentum ist der neue Jude ein im Weltall schwirrendes Atom. Die neuen Juden sind schon da. Das neue Judentum muß kommen." . . . Das neue? Wie soll es gestaltet sein? Heißt das neue Zerstörung des alten? Heißt es wie Nietzsche sagte, auf den Ruinen des alten Tempels einen neuen errichten? Was antwortet der Nietzscheaner, der zu uns aus diesem Buche spricht? Er sagt, „ein Jude ohne Gott sei eine Lüge"? Wo ist aber das „Neue" daran? Wo sind die Keime der Entwicklung? War denn das alte Judentum ohne Gott? Und ist es denn die sich assimilierenwollende, „schlechte" Judenheit? Und muß es die neue unbedingt sein? Die Frage ist gestellt und wird immer quälender, drängt immer mehr nach Antwort. Was soll das neue Judentum sein? Wir hätten erwartet, daß aus dem Reich der jüdischen Mystik uns die Töne des Neuen kommen werden, aber uns wird zur Antwort: „Es ist nicht gut, Mystik lehren zu wollen ... Es ist nicht gut, ein Volk zur Mystik zwingen zu wollen. Die jüdischen Priester des Mittelalters wußten ihre Macht nicht immer gehörig zu leiten: in sich selbst! Sie zwangen dem Judentum eine Mystik auf. Das war schon eine Sünde . . . Man wird sie (die Kabbala) im neuen Judentum wohl fallen lassen müssen." , . . Und das Buch schließt, wo es anfangen sollte: „Noch vieles ist zu sagen; doch jetzt hat das neue Judentum das Wort." ... Hier sollte man ansetzen — auf diese Frage sollte man Antwort geben. Und dann würden wir auch diese wüste Metaphysik, diesen nietzscheanisch sich geberdenden Ton verzeihen. Das Buch ist Nietzsche gewidmet? Warum? Es könnte ebensogut Hegel gewidmet sein. Nietzsche hat nie auf der Metaphysik der Vergangenheit seine Philosophie der Zukunft bauen wollen, er,