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Die Welt · 1907-01-11 · 2 (11.1.1907) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
2 (11.1.1907)
Date
1907-01-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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8 DIE^I Peinliches, daß sie an einem Streit sich beteiligen müssen, in welchem die Vaterlandsliebe von mehr als zwanzig Millionen Deutschen angezweifelt wird. Außerdem aber hat gerade das Zentrum oft einen schweren Angriff auf die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden in Deutschland, sei es aus politischer Klugheit oder aus Gerechtigkeitsgefühl, energisch abgewehrt. Es geschah dies beispielsweise, als der preußische Justizminister Schönstedt im Jahre 1896 eine diskretionäre Gewalt über die Zulassung der Assessoren zum Justizdienst erlangen wollte. Dieser Versuch ist nur am Widerstand des Zentrums gescheitert. Wenn man als Jude solchen Erwägungen Raum gibt, so lädt man auf sich das Odium der eigennützigen Gesinnung. Das ist aber nicht das Schlimmste, denn in solchen Fragen muß man sein ELT No. 2 eigenes Gewissen zu Rate ziehen. Das Schlimmste dabei ist, daß der Jude mit sich selbst in einen schweren Konflikt gerät. Seit mehr als sechzig Jahren haben die Juden in allen Staaten für die Freiheit gekämpft, ohne Rücksicht darauf, ob ihre Lage dadurch eine Besserung erfährt. Es ist dies natürlich, da die Juden als Menschen dasselbe Bedürfnis für Freiheit haben, wie alle anderen. Daß ihnen die errungene Freiheit nicht in gleichem Maße dient, daß sie ihnen oft nach der andern Richtung nachteilig wird, das ist eben ihr Schicksal. Die Geschichte leistet sich den grausamen Scherz, Juden im Bunde mit Konservativen und Antisemiten für dje Abschüttelung des unerträglich gewordenen römischen JocfrsjJtän zu lassen. < „WIR JUDEN"*) Die „Judenfrage-Literatur" ist um ein neues Buch bereichert worden. Es ist nicht nur neu — sondern auch seltsam. Es ist wohl Drolliges und Seltsames über und von Juden geschrieben worden. Und nicht ohne Grund. Wohl selten kam ein westeuropäischer Jude bloß durch Nachdenken, auf rein intellektuelle Weise, zum Verständnis, d. h. zum Verstehenwollen der Judenfrage. Das reine, abstrakte Denken kann in dieser Hinsicht nicht als Leitstern dienen. Die Notwendigkeit des Seins oder Nichtseins eines Volkes läßt sich nicht durch Argumente restlos beweisen oder widerlegen. Hier sprechen andere Motive mit — die Motive des Seins. Es ist wohl noch keinem gelungen, eine wirkliche Apologie des Judentums zu geben. Denn Apologie heißt Verteidigung, setzt Gegner voraus, baut auf der Widerlegung der Gegengründe. Und historische Erscheinungen sind eben aus Bejahung und Verneinung entstanden, sind Produkte der Gegensätze. Wenn es nun ein fruchtloses Unterfangen war, eine Apologie der Vergangenheit des Judentums zu schreiben — und das haben alle Apologien von Philo bis zur letzten und modern seinwollenden, der von Dr. Güdemann, bewiesen — wie fruchtloser, ergebnisarmer mußte eine Apologie der Zukunft sein, eine Verteidigung des Rechts der Juden auf eigenes Leben? auf eine selbständige Existenz. Solche „Notwendigkeiten" können nur demjenigen bewiesen werden, der in ihnen und mit ihnen lebt. Man kann einem Menschen den Grund seiner eigenen Existenz erklären, und er wird ihn verstehen — weil er es will, man kann keinen davon überzeugen, daß die Existenz im allgemeinen, d. h. die Existenz anderer notwendig sei. Somit hat jede Zukunfts- und Lebensphilosophie des Judentums nur dann irgend einen Wert, wenn sie von Juden zu Juden gesprochen wird, wenn sie nur der Niederschlag, die gedankliche Formung des im Volke selbst schlummernden Willens ist. Dann kommt's eigentlich nicht auf die Gründe, auf die Methode dieser Philosophie an. Wenn sie nur eine Bejahung des Volksseins ist. Als ein solches Buch des Ja-Sagens gibt sich das seltsame, formlose, beinahe groteske Werk, das den phrasenhaften Titel: „Wir Juden" trägt. Dieser Titel ist abgeschmackt. Wenn Dehmel z. B. „Wir Welt" sagte, so hatte das „Wir" in der Gegenüberstellung, Gleichstellung mit dem Worte „Welt" etwas Symbolisches, Vielsagendes, Ahnenlassendes. Was sollen wir uns aber unter dem Titel: „Wir Juden" denken? Eines will der Autor uns von vornherein andeuten — und er deutet es so an, daß wir darauf stoßen und beinahe darüber stolpern —, daß es ein Buch eines bejahenden Juden ist. Das Buch ist Friedrich Nietzsche gewidmet — warum? Was ist vom Geiste des großen Verneiners in dieses Buch übergegangen? oder hat sich die Note Nietzsches irgendwie in das Judentum, das neue Judentum, wie es der Autor versteht, eingeschlichen, sich ihm eingefügt? Wir werden es bald sehen. +) „Wir Juden" von Ch. Müntz, Verlag Oesterfefd & Co., Berlin 1907. An der Spitze des Buches steht als Motto das schöne Wort: „Metaphysik lehrt Pflichten". Und dieses Motto kann als Leitfaden in dem Irrsal der Worte, in dem Wirrwarr der Phrasen, die das Lesen des Buches beinahe unerträglich, das Verständnis oft beinahe unmöglich machen, dienen. Es ist ein Kreis, in den der Gedankengang des Autors eingeschlossen ist. Ein Volk kann nicht leben, wenn es nicht seine Pflichten sich und der Menschheit gegenüber kennt und erkennt. Pflichten können nur aus der Kenntnis der Beziehungen zwischen dem Ausschnitt und dem Ganzen, zwischen Volk und Menschheit gelernt, erkannt werden. Aber die Metaphysik ist nur die Philosophie der Tatsache, die Idee, die zur Tat wird____ Also die Zusammenhänge erkennen — und aus den Zusammenhängen die Pflichten. Kennt das jüdische Volk diese seine Pflichten nicht, — seine „metaphysischen" Pflichten? Und wir hören die Antwort: „Wir, das auserwählte Volk, leben nur noch des Lebens wegen, also überhastet, jeden Augenblick die nächste Minute nur vor den Augen und einen dichten Schleier dahinter, den zu lüften uns der gebietende Impuls fehlt. Unsere Stützen waren nie sicher, jetzt wanken sie wieder; aber früher hatten wir noch den Glauben, jetzt glauben wir gar an unser Volk nicht mehr. Früher irrten unsere Schritte von Land zu Land, von Volk zu Volk; jetzt irren wir schon in uns selbst, schweift schon irr- und wirrgeführt und suchend unser Geist. . . . Jahrtausendelange Verfolgungen haben das Judentum wahnsinnig gemacht. Als Ganzes erweckt es bald Mitleid, bald Grauen, bald Verachtung, bald Unwillen." .... Das ist eine Anklage, die ein Jeremias dem sündigen Volke ins Gesicht schleudern konnte. Die Juden sind und müssen unterdrückt sein, so ist's im Buch der Geschicke geschrieben. Und wenn wir Gleichstellung verlangen, verlangen wir Unmögliches. „Wir verlangen die Anerkennung unserer Gleichstellung, sind aber den andern nicht gleichgestellt und können es im heutigen Laufe der Dinge nicht werden: weil man uns fürchtet." . . . Wer fürchtet uns? Wir, einfachere Beobachter und Mitjuden, hätten diese Hasenfüße von Nichtjuden doch nicht für gar so feige gehalten. Warum sollte man uns fürchten? Wir sind ja machtlos wie noch nie, ohne eigene Kultur, ohne die große Macht des Geistes, die einst unser Ruhmestitel war. Was hätte z. B. das mächtige, unverwüstliche England unserseits zu befürchten? Und was Deutschland? Ist denn das bischen Spiritus judaicus wirklich so sehr der Weltkultur schädlich? Über diese Frage läßt sich unser in Axiomen und Aphorismen redender, jeremiasierender Nitzscheaner nicht vernehmen. Und da man uns einmal fürchtet, so wäre es wirklich eine allzu große, kindische Glaubensseligkeit, auf die Gerechtigkeit, auf das Pflichtgefühl der Völker uns gegenüber zu bauen. „Wer auf Pflicht baut, soll wissen, wie das Pflichtgefühl entsteht. Er wird sehen, daß es Heroen der Pflicht unter den Völkern nicht geben kann." . . Und darum „müssen wir bedenken, was für uns auf dem Spiel steht,

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