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Die Welt · 1907-01-11 · 2 (11.1.1907) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
2 (11.1.1907)
Date
1907-01-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 2 DIEIqKELT ihn 1 Penny kostet. Vom ersteren weiß kein Mensch etwas, der Name des letzteren wird weit und breit ausposaunt. Spaltenlange Berichte darüber in einer bestimmten Presse, mit diesem Rüstzeug ist er vollständig bewaffnet für die Unsterblichkeit. Sein Porträt wird als Aktualität gegeben, Ein Herr hat dem „Daily Telegraph" ein Briefchen geschickt, in dem er den Territorialismus verurteilt; er erklärt, bei seiner Assimilation zu bleiben — her mit dem Porträt! Ich begegnete vor einigen Wochen einem Herrn, von dem ich früher hörte, daß er in eine geographische Kommission gewählt worden ist. Ich hatte mir ihn vorgestellt, von Karten umgeben, mit dem Zeigefinger auf dem Globus, oder gar „auf Reisen". Ich war ganz überrascht, ihn in ganz gemächlichem dolce far niente zu finden. Auf die Frage wegen seiner Mitgliedschaft antwortete er mir lächelnd: Ja, ich sehe keinen Grund ein, weshalb ich dagegen sein sollte. Daß sein Name an die große Glocke kam — teils wußte er es nicht, teils kümmerte er sich nicht darum. Und nicht nur auf diesem Gebiete — auf allen Gebieten dieselbe Plattheit, dieselben Basarstereotypen. „Literary Society" — unter hundert sind kaum zwei, die Hebräisch verstehen; Menschen, die sich Judentumsgelehrte nennen — Hand aufs Herz! Sind sie im Stande, fehlerfrei Hebräisch zu schreiben? Vorträge in der Landessprache — ja, das ist leicht, das wird kopiert, übersetzt, und wahrhaftig, es ist doch keine zu große Leistung, daß ein Mensch seine Landessprache spricht — aber möge so einer in unser Bet-hamidrasch kommen! Beim „Leienen" —.ein „Stückchen Eben-Ezra", wenn Sie Hebraist sind, lieber Herr! Oder ein Stückchen „Maharscha" — wenn Sie Talmud verstehen, reverend gentleman! Entweder soll der „Bluff" entlarvt oder wenigstens verstanden werden. Im Osten hat man keinen Maßstab für diese Dinge — daher die Mißverständnisse. Die „memberships", die „messages", die „after-dinner-talks" sollen richtig bewertet werden. Sie haben einen gewissen Wert — Talmigold hat auch, wenn es in großen Massen vorhanden ist, einen gewissen Wert; aber sie haben nicht den Wert des Goldes. Lassen wir nicht die Phrasen auf uns einstürmen! Prüfen wir alles auf der Goldwage der objektiven Kritik. Reden sind gehalten worden — gut, prüfen wir, was herausgekommen ist. Man will helfen — prüfen wir, ob die Zwecke national oder assimilatorisch sind. Man kann nicht die eigene Lehre und zugleich die entgegengesQtzte als wahr anerkennen. Man gibt eine Unterstützung — gut, empfangen wir mit Dank, aber seien wir doch keine Kinder, und vergessen wir nicht, daß die Jca hundertmal soviel gegeben hat und daß wir sie trotzdem aufs schärfste kritisierten. Und so auch im Zionismus: Keine Lockungen, keine Übertreibungen — „lo thossif wTo thigra!" Von dem Phrasenhaften, Dekorativen, Mittelbaren — zurück zum Unmittelbaren, zum jüdischen „Szechel"! Von dem breitspurigen „Drasch" — zurück zum „Pschat", zu der richtigen Wertung der Tatsachen. Und so auch auf dem Gebiete jüdisch-wissenschaftlicher oder jüdisch-gesellschaftlicher Tätigkeit. Wir brauchen Kultur, aber der „Bluff" ist ein Auswuchs der Kultur; wir brauchen Publizität, aber die Sensation ist ein Auswuchs der Publizität. Und für diese Auswüchse sind wir noch zu arm, um sie ertragen zu können, denn sie suchen den Kern zu überwuchern. Deshalb weg mit dem „Bluff"! N. SOKOLOW DIE JUDEN IM FREIHEITSKAMPF Von Dr. SIMON BERN FELD 1. Mit dem Eintritt der Juden in die bürgerliche Gesellschaft sind sie zugleich in einen inneren Konflikt geraten, von dem sie sich wohl schwerlich werden befreien können. Sie sind oft genötigt, gegen ihre eigenen Interessen zu handeln, nicht etwa bloß aus patriotischen Rücksichten — dies wäre wenigstens ein Opfer zugunsten eines Ideals — sondern durch die Eigenart der Verhältnisse, unter denen sie leben. Es ist dies eine Schicksalstragödie, die um so tragischer ist, als sie unbemerkt und oft sogar unbewußt erlebt wird. Nicht einmal Mitleid erregt unser Volk mit ihr, und das Traurige ist wohl, daß die Juden selbst sehr wenig wissen» welch traurige und undankbare Rolle sie dabei spielen. Wir sind in Deutschland ziemlich unerwartet und überraschend in einen heftigen Wahlkampf geraten. Aus einem Ausgabeposten für die Kolonien ist mit einemmal ein Kulturkampf geworden. Die Zahl der Juden in Deutschland ist numerisch verhältnismäßig klein- In keinem Wahlkreis können sie darauf rechnen, aus eigener Kraft einen Kandidaten durchzusetzen und nur in wenigen Wahlkreisen kommen sie als beachtenswerte Minderheit in Betracht. Aber selbst wenn sie irgendwo bei den Wahlen ausschlaggebend wären, würde es ihnen an einer Wahltendenz fehlen, für die sie zu streiten hätten, an einer Fahne, um die sich scharen würden. Die Juden im Westen haben schon längst gewissermaßen ihre geistige Selbstenteignung durchgeführt. Man darf ihre Arbeitskraft, ihre Energie, ihre politische Intelligenz und ihre Begabung nicht unterschätzen. Aber sie können sich damit erst in zweiter Reihe dienen. Sie müssen sich mit diesen beträchtlichen Eigenschaften in den Dienst irgend einer Partei stellen, durch deren Sieg für sie nur mittelbar etwas herauskommen kann. Das ist aber so verquickt, die Interessen liegen so chaotisch durcheinander, daß die Teilnahme der Juden am Kampf zu einer Lächerlichkeit, zu einer Tragikomödie wird. In dem am 13. Dezember vorigen Jahres aufgelösten Deutschen Reichstag haben sich bei der letzten Abstimmung, die so folgenschwer werden sollte, Konservative, Nationalliberale, Freisinnige und Antisemiten zu einem Block vereinigt, um gegen die Verbündeten vom Zentrum, der Sozialdemokratie und den Polen in der Minderheit zu bleiben. Gleich nach der Auflösung des Reichstags wurde die Parole ausgegeben: Los vom Zentrum! An dieser Bewegung, die allerdings schon eine katzenjämmerliche Stimmung zeigt, beteiligen sich auch die Linksliberalen. Die jüdischen Wähler, soweit sie nicht der Sozialdemokratie angehören, müssen dem parteipolitischen Ruf der Freisinnigen Folge leisten. Nun ist es zwar zweifellos, daß dabei auch viel Strebertum zum Vorschein kommt, was in politischen Dingen als selbstverständlich gelten darf. Aber anderseits mag es bei manchen Juden ihre ehrliche und aufrichtige Überzeugung sein. Seit Jahrzehnten herrscht in Deutschland ein arger reaktionärer Geist, den heraufzubeschwören das Zentrum redlich mitgearbeitet hat. Ich spreche nicht von der politischen Reaktion, die mich, offen gesagt, kalt läßt. Außerdem muß man zugeben, daß gerade nach dieser Richtung oft vom Zentrum ein größerer Widerstand ausging, als selbst von den Nationalliberalen. Viel drückender empfindet es jeder freidenkende Mann, daß seit Jahren die geistige Reaktion immer stärker wurde, daß sie auf der freien Forschung, auf der freien Betätigung des menschlichen Geistes, auf der kulturellen Entwicklung bleischwer lastet. Und da mag wohl mancher Jude, der doch schließlich in diesem Staat und in dieser Gesellschaft leben muß, individuell an dem Kampf gegen diese Reaktion teilnehmen wollen oder müssen. Aber von der Ferne betrachtet hat es doch einen lächerlichen Beigeschmack, wenn Juden an einem Strang mit Antisemiten und Konservativen, die ihnen ihre bürgerliche Stellung streitig machen, ziehen. Und wenn das nicht lächerlich ist, so ist es tragisch. Denn schließlich arbeiten die Juden in diesem Fall gegen ihre eigenen materiellen Interessen. An sich ist es in der eigenartigen Situation, in der sich die Juden befinden, etwas

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