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Die Welt · 1907-01-11 · 2 (11.1.1907) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
2 (11.1.1907)
Date
1907-01-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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BLUFF Klischees für Sensationstitel, ein Frou-frou von Reklame, die durch grob-demagogische Mittel aufdringlich-schmierenhaft wirkt, die Alarmierung eines blöden Publikums, Phrasenmitrailleusen, Hochstablertriks und Reporterbomben, die am Ende dazu dienen, die Adresse eines Schuhmachers einer in atemloser Erwartung harrenden Menge kundzugeben, oder sie für öffentliche Zwecke durch einen Rumor zu unterhalten — wer kennt nicht diese Unart des Warenhäuserreportertunis, der hohlen, gespreizten, ephemären Maul- und Federtrommel mit ihren lockenden Marken und kautschukartigen Ausdrücken, mit ihrem raffinierten Aufputz, marktschreierischen Terminen und Vogelscheuchen-Typen? Es ist „Bluff". Das Produkt eines kulturlosen Parvenütums, auf Unverstand und Massenfang berechnet. Der „Bluff" ist die Parodie der Kultur, die groteske Verzerrung alles Echten. Für Augenblickszwecke verfälschte Reflexe und Echos der großen Ideen und der großen Worte. Täuschende Verquickungen, Pose und Gaukelspiel. Riesige Affichen, pompöse Titel, der tollste Spuk einer aufgepeitschten Krämerphantasie. Diese grausamen Geschmacklosigkeiten sind in England und Amerika sehr häufig. Ja, man muß eben die Schlacken einer bis zum Monströsen gesteigerten großstädtisch-industriell-mechanisch - massenhaften Entwicklung mit in den Kauf nehmen. Die Presse ist groß und ernst, und wenn ein Teil davon gelb-alarmistisch ist, bleibt immer noch das Gesunde obenan. Wo die Politik groß ist und mächtige Strömungen die Bevölkerung durchdringen, ist es kein Unglück, wenn sie zuweilen von künstlichen Tumulten durchtobt wird. Wo viele Dörfer schließlich vorhanden sind, kann auch das Stückchen bunter Scheinwelt der Potemkinschen Dörfer nicht zu viel schaden. Daß unter uns Juden, auf den wüsten Irrfahrten der Diaspora und auf den verschlungenen Zukunftspfaden, wo wir erst zu tasten begannen, sich eine gewisse Neigung zum Humbug und ein Schnappen nach Wundern aus dem Treibhaus der Plötzlichkeiten bemerkbar machen — dieses Symptom entreißt der Brust eines jeden Denkenden einen Notschrei. Die Judentragödie ist nicht dazu da, um in einer albernen Verulkung aufzugehen. Haben die Millionen Juden im Osten deshalb gelitten, damit irgendwelche Fetzen von zweifelhaften, minimalen und veralteten Hilfsmethoden für sie —übereilt und sprunghaft — renomistisch als ergiebiges Fressen für Eintagsreporter ausgebeutet werden? Das Erbarmen regt sich gegen den Mißbrauch. Das Erbarmen — weil man in den großen jüdischen Zentren in Osteuropa, wo es Glühende gibt, diesen Schabernak nicht kennt und weil man versucht sein wird, die leeren Faxen für Tatsachen, die Schaukelpferde für Rennpferde bester Rasse und die bunten Schmetterlingsflügelchen für Adlerflügel zu nehmen. Man weiß eben dort nicht, daß man ein Objekt für Barnums geworden ist. Es ist höchste Zeit, ein ernstes Mahnwort an die jüdische Öffentlichkeit zu richten. Weg mit dem Blendwerk und mit den reklamehaften Drapierungen, mit feigen Transaktionen, die sich als Heldentaten ausgeben, mit abgegriffenen Gedankenmünzen, die seit Jahrhunderten alltäglich von Hand zu Hand gehen und plötzlich, durch einen kräftigen Reklameruck, als Entdeckungen ausgeschrien werden! Unser Volk hat seit jeher Sinn für das Wesentliche, das Kernhafte. Es war immer gewohnt, den Dingen auf den Grund zu kommen. Jehuda Halevi sang: „Daß dich mit ihren Blüten ohne Frucht —die Griechen weisheittäuschend nichtversucht! "So soll das Volk bleiben, besonders in schweren Zeiten, wenn es wie ein Blatt im Winde vom Sturm getrieben wird. Es soll nicht leichtgläubig den Mund aufreißen und andächtig auf die Knie sinken, wenn man ihm irgend ein Ammenmärchen erzählt und wenn man ihm verlockende Dinge in Aussicht stellt. Wir würden dieses Ködersystem am meisten bei uns selbst im Zionismus verurteilen. Man soll nicht erwarten, daß irgend etwas im Handumdrehen erreicht werden wird. Man soll nicht an den Oberflächen kleben bleiben und die Kraft in leerer Deklamation verzetteln. Man soll nicht die öffentliche Meinung zwischen Mitteilung und Berichtigung pendeln lassen. Man soll nicht von der Hand in den Mund leben. Der Volkswille soll wachsen, soll sich vertiefen und verfeinern: originell soll er sein, mit echt jüdischem Wissen soll er sich rüsten, mit Sachkenntnis soll er sich für die Entwicklung einer großen Tatkraft waffnen. Man soll eingedenk sein, daß durch die bloßen Dekorationen, durch die Meetings und die fremden Phrasen das Unmittelbare verloren geht. Und der Zionismus ist der Inbegriff des Jüdisch-Unmittelbaren. Er ist die Synthese jahrtausendlanger Erfahrungen, das Aufgeben des Goluth- Optimismus. Wir haben diesen Optimismus zerfetzt, die Illusionen zerstreut, das Problem der jüdischen Leiden haarscharf klargestellt, und all unsere Energie soll darauf gespannt sein, unserem Ziele immer näher und näher zu rücken. Manche pompöse, rhetorische Momente waren nur äußerliche Schnörkel, zum Teil unwesentlich, zum Teil durch das Bedürfnis der Publizität gerechtfertigt, und auch sie sollen auf ein Minimum beschränkt werden. Doch ist jedenfalls der Kern da, und er ist neu und kräftig. Wenn man aber aus der alten Hilfsmittelrüstkammer die abgebrauchtesten Methoden hervorholt und sie als weltbewegende Erfindungen gelten lassen will, wenn man sich mit fremden Federn schmückt, oder wie das Mädchen aus der Fremde: für jeden eine Gabe, durch launig übersprudelnde Redekünsteleien, mit Vertuschung der Prinzipien allen gerecht werden will, wenn man die abgedroschensten Banalitäten, die ein journalistisches „Baby" zu wiederholen sich scheuen würde, als funkelnagelneue Theorien auftischt, — ach, du lieber Gott, wohin soll denn das führen? Es wäre doch wahrlich besser, das Reden überhaupt einzustellen und den Dingen freien Lauf zu geben. Die Fortbewegungsfähigkeit der Juden war seit jeher vorhanden, die Lenkbarkeit des Goluthluftschiffes hingegen ist eine Chimäre. Doch das nebenher. Es hat dieselbe Berechtigung wie alle andern momentanen Palliativmittel. Es ist auch ein Verdienst, ein traditionelles, notwendiges Verdienst. Es soll mit Dank empfangen werden, — aber kann es einen größeren Blödsinn auf Gottes Erde geben, als diese Dinge, die den ältern Kategorien ähnlicher Art arg nachhinken, als epochemachende Wendepunkte nationaler Pioniere hinzustellen? Das Humbugelement ist dem jüdischen Wesen und dem jüdischen Verstand fremd. Das jüdische Problem ist zu tragisch, als daß man es dulden könnte, daß es durch aufgeblasene Plattheiten bizarr gemacht werde. Im Judenland — nennt es Ghetto, wenn ihr wollt, es war jedenfalls natürlicher und echter als das neue Ghetto — kannten wir keine hohle Vereinsmeierei, keine Meetings, die am Ende so viel kosten, daß für den Zweck nichts übrig bleibt, keine Bankette, wo jeder für sich zahlt und wo man sich beim after-dinner-talk gegenseitig bejubelt. Unsere Brautpaare wurden nicht porträtiert, unsere Parnessim wurden nicht interviewt — und sprach oder schrieb unter uns jemand über jüdische Wissenschaft, so war es unbedingt einer, der ein Kapitel Jesaias, einen Abschnitt Mischnaioth, ein Blatt Gemara — lesen und verstehen konnte. Es waren keine Übersetzungen aus Übersetzungen, keine Flunkereien über Genealogie, Archäologie und Philologie der Kedarleomer-Periode. War die Tätigkeit eine zionistische, so war sie eine Tätigkeit. Man sammelte ganz ohne Meetings und „resolutions" in einer mittelgroßen Stadt 1600 Schekalim, gerade so viel, wie erst vor einigen Jahren ein ganzer Weltteil — mit ungeheueren Reden, mit Organisationen und einer Flut von Titeln — gesammelt hatte. Und es war nur Alltagssache, daß ein Mann, der schwer für seine Existenz zu kämpfen hatte, eine Reise machte, die ihn um den fünften Teil seines Jahreseinkommens brachte, um dem Kongreß in Basel beizuwohnen. Ein „member. of the Committee" schickt höchstens ein „message", was

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