Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-01-11 · 2 (11.1.1907) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
2 (11.1.1907)
Date
1907-01-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316246--48906-3343821
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 2 DIE^ELT Löwenstein fröhlich zwinkernd zu dem besorgten Rat der Schlachta, der ihr bestes Material durch die Zionisten entrissen zu werden droht. „Erst komme ich ihnen jüdisch, — wenn sie wollen, hebräisch oder im Jargon — das zieht jetzt bei ihnen, und wenn ich sie habe, dann bringe ich sie euch zur weiteren Behandlung." Das ist die neue, die rückgratlose und darum heimtückische politische Assimilation, nicht mehr die wenigstens offene der Byks, nicht mehr die Assimilation mit Kontusz und Konfederatka, sondern die mit dem täuschenden Kapota-Überwurf. Es ist eine verpönte, aber doch oft gebrauchte Kriegslist, sich in das Gewand der Gegner zu kleiden. Die Japaner haben sie mit Erfolg angewendet. Aber keiner zweifelt, daß die Russen doch besiegt worden wären, auch wenn sie die japanische Uniform getragen hätten. Ob den Polen mosaischer Konfession die jüdische Kapota helfen wird? Auf der Versammlung im Rathaussaal von Lemberg war einer, ein Harmloser, der, nachdem alle Redner den Zionismus getötet hatten, seine Zweifel äußerte, ob es gut sei, eine so große Bewegung mit einem Federstrich zu vertilgen. Der Gute mag sich beruhigen: Wenn das so leicht ginge, hätten die Löwensteins nicht den letzten Versuch gemacht und sich zum schwersten Opfer entschlossen, das sie überhaupt zu bringen vermögen: Das wenigstens zu scheinen, was sie zu sein so ganz und gar nicht lieben: Jüdisch. Finnländer für die Judenemanzipation In Finnland> das inf zug auf die Judengesetzgebung bisher nicht weit hinter Rußland zurückstand, mehren sich die Stimmen, die diesem des vorwärtsstrebenden Landes unwürdigen Zustand ein Ende machen wollen. „Die Annäherung an das edle Volk, das uns gastlich aufnahm", sagte Dr. Tschlenow anläßlich der Helsingforser Konferenz, „wird uns vielleicht von großem Nutzen sein". Wie ein freundliches Echo darauf erscheint die nachstehende Meldung: In Serdobol (Finnland) fand vor einigen Tagen ein Volksmeeting statt, das der Judenfrage gewidmet war. Das Volksmeeting hat folgende Resolution angenommen und dem Finnländischen Senat vorgelegt: „Das Volksnieeting in Serdobol drückt seinen äußersten Protest derjenigen Regierung aus, die durch Einführung der Begrenzungsgesetze für Juden, wie z. B. des Gesetzes von 1889, das Land und das finnische Volk mit Schande bedeckt hat. Die Versammlung wendet sich einstimmig an die jetzige Regierung, in der Hoffnung, daß der Senat sofortige Mittel ergreifen wird, um die Judenfrage im Landtage im Jahre 1907 zur endgültigen Lösung zu bringen". Es ist ein schönes Zeichen erwachenden Gerechtigkeitsgefühls. Hoffentlich folgen ihm bald Taten. Wir Juden sind ein Volk der Zukunft, ein Volk von Träumern kommender besserer Zeiten, — sind es schon darum, weil unsere Gegenwart so trübe ist. Aller Sehnsucht voll sind unsere Träume. Und der heißesten einer, weil es der Traum der Ärmsten ist, ist der von einem goldenen Zeitalter, wo jedes Land ein „Zukunftsstaat" sein wird, mit Gerechtigkeit und Gleichheit für alle, auch für uns Juden. Was soll es frommen, solchem Träumen Argumente und Logik entgegenzusetzen? Welcher Wahrheitsforscher kann Träumenden, Wünschenden beweisen wollen, daß Optimismus oder Pessimismus dem Zukünftigen gegenüber berechtigt sind? Da steht Glaube gegen Glaube — und alle Antwort liegt im Schöße der Zeit. . . Von Zeit zu Zeit aber verirren sich Vorläufer des Zukünftigen in unseren Alltag — nüchterne und rauhe Boten, die manchen unserer jüdischen Träumer aufschrecken und seine Träume arg zerstören. Zukunftsmusik Ein solcher Bote aus dem Reiche der Zukunftsstaatsträume war die „Affäre Serber", die sich kürzlich in Amerika abspielte. — In Amerika, wo alles auf das Praktische ausgeht, sind, wie bekannt, die zahlreichsten Versuche gemacht worden, kommunistische Gemeinwesen ins Leben zu rufen, Keime des Zukunftsstaates inmitten der heutigen Gesellschaftsordnung. Warum solche sozialistische Miniaturstaaten meistens zugrundegehen, welche objektiven Bedingungen zu ihrem Gedeihen in der Gegenwart noch fehlen — das geht uns hier nicht an. Wichtig für uns ist nur die Feststellung, daß die Schöpfer solcher Gemeinwesen sich subjektiv für vollständig reif für das sozialistische Zusammenleben halten. Sofern nun der praktische Sozialismus dieser Menschen auf seinem Wege der Judenfrage begegnet, kann uns die Art, wie diese „Zukunftsgründer" auf die Judenfrage reagieren, ein Fingerzeig dafür sein, ob wir berechtigt sind, aus dem sozialistischen Anschauungs¬ und Wirkungskomplex: allein eine Überwindung des Antisemitismus erhoffen zu können. Einer der ersten sozialistischen Führer Amerikas veröffentlichte vor einigen Monaten einen Artikel, worin er seine Genossen einlud, eine kommunistische Kolonie zu gründen. Als einer der ersten nahm »diese Einladung ein jüdischer Sozialist namens Serber an, den man in den sozialistischen Reihen für einen in jeder Hinsicht guten Genossen hält und der gerade ein feuriger Anhänger dieser praktisch-kommunistischen Idee ist. Serber nahm den regsten Anteil an der Verwirklichung des Planes," besuchte alle Versammlungen der Kommunisten und war voll Begeisterung für die ideale Gemeinde, deren vollberechtigtes Mitglied er bald werden sollte. Seine begeisterte Schwärmerei fand aber bald ein jähes Ende. Kurz vor der Verwirklichung des Planes als die Kolonie, unzweifelhaft auch dank den Bemühungen Serbers, auf eigenem Boden gegründet werden sollte, erhielt er eine Benachrichtigung, daß die Mitglieder der neuen Gemeinschaft ihn durch Mehrheitsabstimmung als „ungeeignet" für die geplante Kolonie erklärt hätten. Warum er ungeeignet sei, das wurde nicht auseinandergesetzt. Der empörte Serber veröffentlichte einen Brief in den New-Yorker „Times", worin er die Kommunisten und ihren Führer des Antisemitismus beschuldigte. Sofort erfolgte die Antwort. Man leugnete nicht, daß Serber ausgeschlossen wurde, weil er Jude sei, aber keinesfalls darum, weil die Mitglieder der geplanten kommunistischen Kolonie etwas gegen die Juden als solche einzuwenden hätten, sondern aus folgendem Grunde: Der Erfolg einer Kolonie — erklärten sie — hänge vor allem von der vollständigen und absoluten Harmonie unter den sie formierenden Genossen ab, und Serber, als Jude, kraft der besonderen rassentiimlichen Eigenschaften seines Charakters, seines Temperaments und seiner Neigungen, könnte diese Harmonie stören. So führten — gar nicht antisemitisch — die Herren Kommunisten den Beweis, daß es in der zukünftigen, „harmonischen" kommunistischen Gesellschaft keinen Platz für die Juden gebe. Ein neues Lied — ein altes Lied? .... Über die Affäre wurde in New-York viel gesprochen und geschrieben. Das Paradoxeste dabei—leideraber etwas, was sich immer von neuem wiederholt — ist, daß viele der jüdischen Genossen den Versuch machen, die Kommunisten zu rechtfertigen, indem sie beweisen, daß die Wichtigkeit der den Koloniegründern erwachsenen Aufgabe wirklich ein solches Verfahren von ihnen verlangte. Solche Traumfesten und Glaubenstreuen kann allerdings kein Strahl aus dem Reiche der Zukunft erleuchten.....

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.