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Die Welt · 1907-01-11 · 2 (11.1.1907) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
2 (11.1.1907)
Date
1907-01-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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DIEEqKELT No. 2 als recht zurückgebliebene Geschöpfe behandelt. Welcher Irrtum! Für mich, ich gestehe es, war das Auftreten der Juden aus Rußland das größte Ereignis des ersten Kongresses" — so schrieb einst Theodor Herzl. Seither hat man in Westeuropa viel zugelernt, man hat begonnen, die russischen Juden als Idealisten, als Kämpfer, als Träger einer eigenartigen Kultur zu achten — aber noch immer können sich viele, die in jüdischen Dingen „arbeiten", besonders die von der Philanthropie, nicht daran gewöhnen, daß sie nicht nur die russischen Juden nicht zu patronisieren haben, sondern daß sie sogar in vielen Dingen bei ihnen in die Schule zu gehen hätten. Ein Gabriel Riesser, stünde er heute auf, würde wähnen, die Welt sei aus den Fugen geraten. Was galt er doch zu seiner Zei). für einen mutigen Vertreter der Judenrechte! Und wie wenig würde man es ihm heute danken, ließe er seine flammende Forderung um Gerechtigkeit für die Juden, für die er dem Vaterlande alles, alles hergeben wollte, nur nicht Wahrheit und Glauben, auf dem heißumstrittensten Kampfplatz für jüdische Rechte, inRußland,ertönen, — in diesem Rußland, wo die Juden so ganz und gar rechtlos sind, und wo sie jetzt doch mit aufrechtem Stolz alle Menschenrechte fordern, alle Volksrechte, bis ins kleinste, ohne jedes demütigende Äquivalent. Es liegt ein Widersprach in diesem Nichts-Haben und Alles- Fordern, der ans Groteske grenzt. Die „schwarzen Banden" heulen, das Gespenst der Pogrome lauert wieder vor den jüdischen Häusern, die reaktionäre Regierung knechtet die Juden mehr als alle anderen, die Hoffnungen auf ein Besserwerden sind gequält, schwankend — und innerhalb der russischen Juden erheben sich in dieser Zeit die großen Gruppen der Zionisten und Nationaljuden und fordern Vollberechtigung, Autonomie, Garantien für die nationalen Minderheiten, Anerkennung der nationalen Sprache, der Sabbatruhe usw. Die Klugen und Klügsten, die den Wahlaufruf der Zionisten lesen werden, werden vielleicht sagen: Blütenträume, denen zu reifen kaum beschieden sein wird. Wir wissen es nicht, können es noch nicht wissen, ob die volle Expansion der jüdischen Volksindividualität — soweit sie in der Anomalie des Diasporazustandes überhaupt möglich ist — in Rußland realisierbar sein wird. Aber das Eine wissen wir, daß es unserem Volke zum Ruhme gereicht, wie die russischen Juden, oderzumindest ihre festesten Repräsentanten, der Freiheit, wenn sie kommen sollte, gegenübertreten wollen. Nicht ihr Selbst ihr darbringend, sondern es von ihr fordernd. Nicht der Emanzipation entgegenfliegend, sondern ihr mißtrauend, weil sie in ihrer ersten Umarmung das Volkstum ersticken könnte, wenn es sich nicht mit Kraft rüstet. Mit seltsamen Gefühlen müssen die Emanzipierten lesen, daß sie von den getretenen Juden des Ostens nicht nur nicht beneidet, sondern als warnendes Exempel hingestellt werden. „Es soll uns nicht so gehen wie den österreichischen Juden, deren Abgeordnete aus Klubzwang für Gesetze stimmen mußten, die gegen die Juden gerichtet waren, usw.", so heißt es u. a. in dem Wahlaufruf der Zionisten. Nicht durch die gewundenen Verklausierungen der napoleonischen, nicht unter den auf vollständiges Aufgeben der jüdischen Nationalität hinzielenden Bedingungen der Mittelstaaten Europas wird sich die Emanzipation der russischen Juden vollziehen. Es ist eine starke Avantgarde unter ihnen, die alles will oder nichts. Und darum wird die Emanzipation — wenn sie einmal erfolgt — dem jüdischen Volke eine Kerntruppe ganzer Juden erhalten. Epigonen der Assimilation Die offizielle galizische Judenheit — wohlverstanden nicht das polnische Judentum, sondern das Polentum mosaischer Konfession — beginnt ernstlich mobil zu machen. Ernstlich, und zwar mit einem Raffinement, gegen das die polonisierende Assimilationstaktik des verstorbenen Byk geradezu treuherzige Ehrlichkeit war. Wir nannten Byk den letzten politischen Repräsentanten der konsequenten polnischjüdischen Assimilation. Das war er auch. Er fühlte sich als Pole, und wollte seine Gefühle allen polnischen Juden einimpfen. Er wollte es, sagte es und tat danach und war den Nationaljuden ein böser Gegner. „Der Letzte seines Stammes", so schrieben wir anläßlich seines Todes. „Gegen Ende seines Lebens sah er die Gebäude wanken, die er mühsam aufgerichtet; er sah den drohendenj Einsturz, und er nahm noch einmal alle Kraft zusammen, die Schäd zu flicken. Zu spät! Seine Erben, das Heer, der polnisch-jüdischt Assimilanten, sind noch zahlreich genug, aber ihr Teil ist nicht nt^&/ das der stolzen Baumeister, sie müssen schützen, stützen, Därtfülp bauen gegen die anstürmende Flut. Wie lange werden sie es vermögen? Es ist das Leben, das heranflutet, das elementare, jüdische Leben, dessen Wogenschlag von Tag zu Tag gewaltiger wird." Und nun treten sie auf den Plan, Byk's Epigonen. Aber mit welch armseliger Feigheit, mit welch klügelndem Phrasentum, darauf berechnet, rechts und links zu täuschen! Jawohl, das jüdische Leben war da — das sahen sie, konnten sie nicht mehr übersehen. Während sie in den Kultus-Gemeindestuben ihren Ehrgeiz durch Titel ohne Taten befriedigten, während sie in den Polenklubs dienten und dienerten (Taten ohne Titel, um der Liebe willen) hatte das gedrückte Volk, dem die Zionisten die Augen geöffnet hatten über die Würdelosigkeit der Führer, über die unselige Gesinnungslosigkeit, die sich Politik nannte, mit einem plötzlichen Ruck sich aufgerichtet. Und schon war die Gefahr, daß bei diesem Ruck die alten Führer abgeschüttelt und in den Staub geworfen würden, nicht nur ein Schreckgespenst der Zukunft. Die Reichsratswahl in Brody hatte der Assimilation gezeigt, daß der Gegner schon die Zinnen ihrer einst so stolzen Festung umklammerte. Den Angstschweiß auf de& Stirn, mußten sie damals zugeben: Jawohl, die Zionisten sind ein Macht geworden. Und jetzt half nicht mehr das alte Spotten od Totschweigen, jetzt hieß es: Sein oder Nichtsein. Jetzt galt es, Gegner fest ins Auge zu fassen und sich der Haut zu wehren denn noch ein Weilchen, und es konnte zu spät sein. V %% Und sie beriefen eine Versammlung ihrer Getreuen nach Lemberg. (Zionisten ist der Eintritt strenge verwehrt — stand an der , Türe geschrieben.) O, über die Tapferen! Im Handumdrehen hatten> \ sie sich maskiert, hatten über den polnischen Pelz den jüdische^ l Kaftan geworfen. Ist es nicht wie ein Wunder, daß man plötzli^ ] aus dem Munde des Dr. Löwenstein, des Mitgliedes des polnisc|j^(|-< Nationalrats (der die Funktionen eines polnischen Wahlkomitees bewegliche Klagen über die mangelnde Gleichberechtigung der Juden hört, daß Herr v. Horowitz, der sich so oft schon gegen jüdische „Separierung und Sonderinteressen" verwahren mußte, mit Emphase für die Schaffung einer jüdischen Organisation und die Vertretung jüdischer Interessen eintritt, daß er bei aller Gegnerschaft gegen den Zionismus zugeben zu müssen erklärte, daß sogar „gemäßigte Elemente" etwas faul fänden im Königreich „Galizien und Lodomerien" und daß „gewissen Postulaten der Jugend unmöglich die Berechtiguug versagt werden könne"? Die Sache wäre wunderbar und erfreulich zugleich;.i^p^-^ nicht ein feiger, demagogischer Trik wäre. Das Volk, gewordene Volk, soll durch „Jüdischkeit" geködert werd die Wahlzeit geborgt wird. Das Volk versteht ja nicht so Winkelzüge einer doppelzüngigen Politik und überhört bei den jüdischen Klängen, die zu seiner Freude aus wundenen Phrasen heraustönen, die-anderen verschleierten Melodien. Es hört vielleicht nicht, wie das ganze Talmi-Judentum den Herren von der Repräsentanz nur eingegeben ist von ihrer blassen Zionistenfurcht, daß der edle Herr v. Horowitz so überlaut von der jüdischen Organisation spricht, daß er so ungeduldig zu jüdischen Taten aufruft, weil „Vertröstungen für die Zukunft nicht genügen, weil man mit bloßen Zusagen angesichts des Überhandnehmens der radikalen (sc. zionistischen) Agitation nichts ausrichten kann". Und hört vielleicht auch nicht die zweite Melodie, daß mit der jüdischen Organisation — wie es recht verkrümmt in der Resolution heißt—am erfolgreichsten den national polnisc teressen gedient sein wird. Ein fein ausgeheckter Plan. „Laßt mich nur macherrValsi;

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