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Die Welt · 1907-01-11 · 2 (11.1.1907) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
2 (11.1.1907)
Date
1907-01-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XI. JAHRG. KÖLN, 11. Januar 1907 pninb r6nn"tf raü "rD No. 2. □I IUI REVUE DER WOCHE im Dl didaten nur in absolut aussichtslosen Wahlkreisen aufgestellt. Und die Nationalliberalen glauben, den ihnen wegen ihres Prinzips, jüdische Kandidaten unter keinen Umständen zu nominieren, gemachten Vorwurf am ehesten dadurch widerlegen zu können, daß sie ein- und denselben jüdischen Rechtsanwalt in zwei Wahlkreisen aufstellen, in denen jede Gefahr, daß ein Nationalliberaler gewählt werde, so sehr ausgeschlossen ist, daß sie es sogar riskieren können, den Wählern einen Juden zu präsentieren. Man weiß nicht, was mehr zu bewundern ist: die offene und freche Mißachtung der deutschen Juden seitens solcher Parteien, deren Gründer in erster Linie und zum größten Teile Juden gewesen sind, oder der absolute Mangel an Würde und Selbstbewußtsein, der einen Juden bewegen kann, sich selbst zum Mittelpunkte dieses tollen und abgeschmackten Clownspasses zu machen. Kläglich, kläglich — und am kläglichsten ist die Haltung der deutschen Judenheit selbst, die trotz dieser plumpen Antisemitismen der liberalen Parteien sich immer noch für gut genug hält, diesen Leuten ihre Stimmen und Wahlgelder zu geben. Und wo bleibt angesichts dieser jämmerlichen Farce der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, wo der Verband der deutschen Juden, mit seinen volltönenden Generalversammlungs-Gelöbnissen, auf dessen erste Tat man nunmehr schon seit mehr als zwei Jahren wartet? Ist ihr Einfluß so gering, daß sie zumindest solch peinliche Blamagen nicht verhindern können, (gar nicht zu reden von dem positiven Ziel, daß die deutsche Judenschaft jüdische Parlamentsvertreter auch außerhalb der sozialdemokratischen Fraktion des Deutschen Reichstages erhält,) dann mögen sie doch soviel Ehrgefühl haben, ihre Unfähigkeit einzugestehen und den politischen Schauplatz ganz räumen. Freilich, wenn wir den Wahlaufruf des Zentralvereins lesen und finden, daß der Verein nicht einmal den Mut hat, seine Mitglieder zum Kampfe gegen getaufte Freisinnsjuden aufzufordern, dann wird es uns wohl klar, wie weit bei solchem Mangel an Mannhaftigkeit der Verein von positivem politischem Selbstbewußtsein entfernt ist. So wird die deutsche Judenheit an der Stätte, wo die Schicksale der Völker des Reiches entschieden werden, wieder keinen Vertreter ihrer Interessen haben, und so fehlt es auch sonst an allen wichtigen Stellen an Repräsentanten und an Einfluß. Demgegenüber erscheint die Organisierung der Synagogengemeinden als ein kleines, noch ganz* unzureichendes Mittel. Vor der Emanzipation »Es gibt einen gewissen westeuropäischen Hochmut, welcher die östlichen Juden 2 Es ist Qeutsch^jüdische Organisationssorgen intra et extra ^|eder viel von einer Gesamtorganisation der preußischen Juden i Rede. Nachdem der Rosinsche Entwurf des Deutsch-Israelitischen tieindebundes, der bekanntlich eine Zwangsorganisation auch in litigiöser und ritueller Hinsicht vorsah und die deutsche Judenheit frrfner oder später der „Reform" ausliefern sollte, in der Versenkung verschwunden ist, steht nunmehr ein neuer Entwurf zur Diskussion, der seinem Ursprünge nach der Deutschen Allianz nahe steht. Es scheint, daß diese Organisation mit ihrem Entwurf mehr Glück lf&ben wird als ihr Vorgänger, der Gemeindebund. Offenbar hat f^Ünkurrenz auch in diesen Dingen ihr Gutes. Der neue Entwurf $$|$ieidet die Einseitigkeit des Rosinschen Vorschlages und kann ^Wft, einige nicht unwichtige Verbesserungen und Einschränkungen vorausgesetzt, als brauchbare Grundlage eines Gesetzes über die staatsrechtliche Stellung der jüdischen Genieinden in Preußen gelten. Wie es heißt, ist denn auch die preußische Regierung zurzeit damit beschäftigt, ein Gesetz auszuarbeiten, das sich im wesentlichen den Vorschlägen der Allianz anschließt. Es wäre gewiß ein großer Fortschritt, wenn endlich die jüdischen Gemeinden Preußens in einer Weise organisiert würden, die eine gedeihliche Entwicklung der großen und vor allem ein yJL$Bf0!lp\men" der kleinen Gemeinden sicherte. Es gibt in Deutschland so wenig Judentum und so wenig Organisation, Versuch der Stärkung und Erhaltung begrüßt werden ^sollte nicht so getan werden, als ob mit einer Zusammenptsächlich auf dem Gebiete des Kultus die organisatorische ^erschöpft sei. Was dem deutschen Judentum fehlt, ist vor allem die äußere Geschlossenheit, eine politische Organisation, die das gesamte deutsche Judentum umfassen und vertreten, die die deutschen Juden in den Stand setzen würde, sich die Rechte zu wahren und zu sichern, die ihnen zukommen und die ihnen vorenthalten werden. Und gerade jetzt — anläßlich der Wahlen zum Deutschen Reichstage — zeigen sich ja so recht die Früchte der jahrzehntelangen Vernachlässigung und Unterdrückung jeder Möglichkeit, die deutschen Juden als Juden zusammenzuschließen. Wiederum sind sie darauf angewiesen, ihre Interessen von Parteien vertreten zu lassen, die mit ihnen nichts zu tun haben wollen, wiederum, ist ihnen — durch eigene Schuld — jede Möglichkeit ihres Stammes und ihres Glaubens ihre Stimme zu ^Uud was noch schlimmer ist: zur Nichtachtung tritt w^^SPlflpitfet 4)ie freisinnigen Parteien haben jüdische Kan-

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