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Die Welt · 1907-01-04 · 1 (4.1.1907) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
1 (4.1.1907)
Date
1907-01-04
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Lesehalle bisher auch sachlich eine rein zionistische war, kommen in ihr jetzt alle Richtungen im Judentum in ca. 30 Zeitungen und Zeitschriften zur Geltung. Die Lesehalle ist an Wochentagen abends von 12 8 bis 1 * 10 Uhr, Sonnabends, Sonntags, sowie an den jüdischen und staatlichen Feiertagen nachmittags von 3 bis 6 Uhr, Sonntags außerdem von 11 bis 12 1 Uhr mittags geöffnet. Sonntags mittags und Mittwochs sind stets Vorstandsmitglieder anwesend. Leipzig. Herr Dr. Nobel, Vorsitzender des „Misrachi", ist zum 2. Gemeinderabbiner von Hamburg gewählt. Herr Dr. Nobel gehört bekanntlich zu den ersten gesetzestreuen Rabbinern in Deutschland, die sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit in den Dienst der zionistischen Idee gestellt haben. Köln. Zionistische Vereinigung. Im Saale der Rheinlandloge sprach am verflossenen Donnerstag vor mehr als 300 Personen Herr Redakteur N. Sokolow über das Thema: Was hat der Zionismus bisher geleistet? Um die Erfolge des Zionismus richtig abmessen z\i können, führte der Redner ungefähr aus, sei es erforderlich, die Gegenwart zu vergleichen mit der Zeit, die dem Zionismus voranging. Damals sei das Judentum in Gefahr gewesen, als Beute einer mißverstandenen „Aufklärungs"-sucht, von seinem Platze zu verschwinden. Das Judentum sei uneinig und ohne Bewußtsein seines Inhaltes gewesen, der höchste Stolz des Juden bestand darin, nicht als Jude erkannt zu werden. Zugleich aber reckte immer drohender und stärker die Judenfeindschaft ihre Arme aus. In interessantem und tiefdurchdachtem Vortrage kennzeichnete nun der Redner die Errungenschaften des Zionismus in ethischer und politischer Bedeutung. Unter dem Einflüsse des Zionismus habe das Judentum sich wieder auf sich selbst besonnen und sei sich seines Wertes und seiner großen Aufgaben wieder bewußt geworden. Der Zionismus habe endgültig den Wahn zerstreut, daß es eine Unehre sei, ein Jude zu sein, und habe so vielen und abervielen die Rückkehr zum Judentum ermöglicht, die bisher zerrissen und wurzellos abseits standen. Der Zionismus habe die Juden national geeinigt, habe die Klüfte überbiückt, die die Unterschiede des Rituals und der Kultur zwischen „Reformjudentum" und orthodoxem Judentum, zwischen den Juden des Westens und denen des Ostens hervorgerufen haben. Der Zionismus habe das Judentum national verklärt, das Judentum habe sich wieder auf sich selbst besonnen, und überall sehe man heute unter dem direkten oder indirekten Einfluß des Zionismus ein frisches, neues Leben im Judentum. So sei dem Judentum auch die Kraft wieder verliehen, allen Anfeindungen zu widerstehen. In politischer Beziehung habe der Zionismus nicht minder Großes erreicht. Er habe eine bedeutende Organisation geschaffen, die größte der Judenheit, er habe den Kongreß geschaffen, die Stätte, wo das jüdische Volk als Volk seine Beschwerden, Wünsche und Ansichten der Welt in würdiger Form vorbringen könne; er habe seine großen finanziellen Institute geschaffen, die Jüdische Kolonialbank und den Jüdischen Nationalfonds; er habe die Judenfrage vor der Welt, vor den Regierungen aufgerollt und sie zum Gegenstande der Weltdiskussion gemacht. Und die Aussichten des Zionismus seien nicht weniger erfreulich und würden von Tag zu Tag besser. Die Versammlung folgte den hochinteressanten Ausführungen des Vortragenden mit größter Aufmerksamkeit. Der Vortrag darf als eines der besten Mittel bezeichnet werden, die die Kölner zionistische Vereinigung bisher in ihrem Werbekampfe gebraucht hat, und seine Wirkung wird sicher nicht verloren gehen. rr 000000000000000 000 00 rr NOTIZEN 3> OOOOOOOOOOOOOOO C ■ Die Juden von Salonik*) Salonik liegt mit einer breiten, offenen Reede gerade dem Olymp gegenüber, -- dem Olympos selber, hoch und heilig, mit weißen Schneemassen und einem Bogen von blauen Bergen zu beiden Seiten. Die Stadt steigt ziemlich steil den Berg hinan, und rings um die ganze Stadtgrenze zieht sich eine der guten, alten Mauern mit Zinnen und Türmen und Scharten. Durch unzählige kleine, einsame Straßen, wo man vor den hohen Gartenmauern nichts sieht, erreichte ich eins der Tore in der Verteidigungsmauer. Da lag ein friedlicher Storch auf einem alten, hohen Neste, und durch das offene Tor gingen geputzte Juden und Jüdinnen mit Kindern; es war ein Samstagmorgen. Wenn ich ein Jude wäre und in Nordeuropa wohnte, wo sie immer hören müssen, daß sie schwarz und klein und schiefbeinig sind, würde ich jedes Jahr nach Salonik wie in ein Bad reisen. Ich würde meine Stammverwandten aufsuchen, den zobelverbrämten Kaftan und die hellen, feinen Unterkleider anlegen; und in der Freude über die Schönheit des auserwählten Volkes, wie sie sich hier bewahrt und entwickelt hat, würde ich meine Beine strecken und meinen Rücken gerade richten und meine Seele mit Verachtung gegen die Nordländer mit den hohen Hüten und den wässerigen Augen erfüllen. Nie habe ich schönere Männer als diese Juden in Salonik gesehen, die am Sabbatmorgen in den Straßen oder außerhalb der Mauern spazieren gingen, und nie einen feineren Ausdruck auf den Gesichtern. Ein Wohlwollen, das keine Angst davor hatte, sich zu zeigen, und doch eine Würde, die hoch erhaben war über die halb verlorene englische Steifheit, worin wir alle gern ein wenig herumpfuschen, besonders auf Reisen. Mit zwei jungen Juden, die ich für Brüder hielt, ging ich lange zusammen. Es kam dadurch, daß ein mit Heu und Unkraut beladener Esel uns drei in eine Ecke zusammendrückte, wo wir alle mit Stielen und Gras behangen wurden. Wir lächelten einander zu bei dem gemeinsamen Mißgeschick, — konnten natürlich gegenseitig kein Wort verstehen; aber wir lasen uns gegenseitig die Halme ab, und wir fühlten, jeder auf seiner Seite: hätten wir nur reden können, so wären wir Freunde und Gleichgesinnte gewesen; wir verstanden, daß etwas Gleiches und etwas Gemeinsames uns verband, aber konnten nur mit den Augen erklären, daß wir uns verstanden. Indessen fuhren wir fort zusammen zu gehen — wie *) Diese Schilderung ist der Reisesttidie „Salonik" des verstorbenen norwegischen Dichters entnommen, die mit anderen Skizzen in dem Buche ..Menschen und Tiere" i übersetzt von Dr. Friedrich Leskien und Marie Leskien-Lie, Verlag von Oeor^ Merseburger in Leipzigi erschienen ist. zufällig — die Straße hinauf. Bisweilen kamen wir im Gedränge dicht aneinander, und wir lächelten; und so freuten wir uns gewissermaßen gegenseitig unserer Gesellschaft. Sie waren hochgewachsen wie das ganze Geschlecht vom portugiesischen Schlag. Haar und Bart von ungewöhnlicher Schönheit, warme, braune Haut und kluge Augen, und vor allem eine Ruhe und eine Sicherheit, die sie weit von dem unterschieden, was man sonst unter Juden versteht. Und dazu kam, daß in Salonik all die schwere und grobe Arbeit von den Juden besorgt wurde, — zum Beispiel im Hafen. Am Samstag, wo sie also in ihren langen, pelzverbrämten Kaftans spazieren gingen, war kein Boot am Kai aufzutreiben. Und bei der Löschung des Schiffes zeigte es sich, daß an diesem Tage, wo wir als Auslader und Lastträger die Bekenner anderer Götter hatten, nicht der dritte Teil verrichtet wurde; außerdem eilte die ganze Bande an Land, lange ehe die Sonne unterging, weil ein wenig Wind zu wehen anfing. Erst der Anblick dieser Nachkommen der alten Juden machte mir die Geschichte des Josephus, die ich halb ungläubig diesen Winter gelesen habe, begreiflich. Denn der Eindruck von den Juden, den wir aus unserer biblischen Geschichte bekommen, ist im Grunde der, daß sie ein kleines, umhergetriebenes Volk waren, rings um einen Tempel, von dem wir wußten, daß er zu Schutt und Asche werden würde. Aber in den Juden von Salonik findet man die unbeugsame Kraft wieder, von der Josephus erzählt, ein Heldenvolk, — so ziemlich das hartnäckigste, das die Römer zu beugen hatten, mit einer Hauptstadt, deren Prachtbauten in der Ferne wie ein hoher, schneeweißer Berg erschienen..... Alexander L. Kielland Vom „Jüdischen Kolonisationsverein" Der „Jüdische Kolonisationsverein" in Wien versendet soeben seinen ersten Tätigkeitsbericht, enthaltend das Protokoll der ersten ordentlichen Generalversammlung, den Bericht des Zentralkomitees sowie Kassen- und Sekretariatsbericht. Der hübsch ausgestatteten Publikation entnehmen wir, daß der Verein eine lebhafte Tätigkeit entfaltet, um die von ihm vertretenen Ideen zu propagieren und für den Verein Mitglieder zu werben. Es ist ihm auch bereits trotz der kurzen Zeit seines Bestehens gelungen, eine größere Anzahl Mitglieder zu erhalten, welche an Mitgliedsbeiträgen und einmaligen Spenden Kr. 9583.36 eingezahlt haben. Die Propaganda für den Verein, der die Aufgabe hat, „allein oder in Verbindung mit anderen, gleiche Ziele erstrebenden Institutionen die planmäßige Ansiedlung von Juden in Palästina und seinen Nebenländern zu fördern", wird jetzt auch auf die übrigen

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