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Die Welt · 1907-01-04 · 1 (4.1.1907) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
1 (4.1.1907)
Date
1907-01-04
Page
– (sequence 12)
Language
German
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14 DIE ELT No. 1 Innere. Und schwarze Rücken bewegen sich, bücken sich und Stimmen, die einen gedämpften, unterirdischen Ton haben, klingen in die Luft hinaus. . . Katakomben. Und in den „Propyläen", in den Gängen dieses Hofes bewegen sich Bettlergestalten, altjüdische Figuren, wie aus den naiven „Masse-Bücheln" entsprungen, wie aus den Erzählungen des Altmeisters Mendele Mocher Sforim herausgefallen. Man denke sich einen Rembrandt auf dem Wilnaer Schulhof! Die „Jodenbreestraat" in Amsterdam ist ja eine „Place de la Concorde" im Vergleich zu diesem Tummelplatz altjüdischen, vorsintflutlichen Lebens. Man frage den kleinen, schiefachsigen, krausköpfigen Bettler, der mit unbezahlbarer Ironie ins Leben hineinschaut, und prachtvolle Witze über sich und die Welt macht, was er über das „Sich-nicht-proletarisierenkönnen der jüdischen Massen" denkt! Er wird lachend antworten: Müssen sie es denn? . . . An einem schönen, klaren Wintermorgen kam ich in eines dieser Stübchen. Ich wollte sehen, wie es ohne Juden aussieht, sozusagen das Bild ohne Hintergrund in mich aufnehmen. Aus der Tiefe des scheinbar menschenleeren Zimmers hörte ich plötzlich eine junge Stimme ertönen. Eine eigenartige Melodie. Ein Jüngling, den ich auf den ersten Anblick beinahe für einen „Intelligenten mit proletarischer Psychologie" gehalten hätte, lernte in altüberkommener Weise Talmud. Der Singsang war der der „Chabad", eine mystische, seelenvolle, tiefe, sehnsuchtserregende Melodie. Wagner auf Chassidisch. Und was war der Text dieses mystischen Sanges: „Die Mauer der Vorhalle (im Tempel) hatte sechs Ellen" . . . Eine Disharmonie wird man sagen. Ja — das ist das jüdische Leben überhaupt. Eine merkwürdige Schöpfung — diese „Jüdischkeit". Es scheint für einen Augenblick, sie hätte wie jener mystische ungeheuer dumme Riese Katoblepas, ihre eigenen Füße aufgegessen, — und sie steht dennoch so fest und stark wie zuvor! Das ist ja das Rätsel des Judentums — sich immer neue Stützen, neue Fül3e schaffen zu können . . . Die vom „Schulhof" waren stark. Andere werden entstehen, die ebenso fest sein werden. — A. Cor. SALOMON BUBER Die Wissenschaft des Judentums hat einen schweren Verlust zu beklagen. Am 28. Dezember v. J. hat Salomon Buber im 80. Lebensjahre sein der Wissenschaft des Judentums und dem öffentlichen Wohle geweihtes Leben beschlossen. Weithin, bei allen, die dem Judentum irgendwie näherstehen, insbesondere aber in der engeren Heimat des Verstorbenen, wird diese Nachricht mit tiefer Trauer aufgenommen werden. Im nachfolgenden bringen wir eine kurze Lebenskizze des Verstorbenen (in dem unser Freund Martin Buber seinen Großvater verliert), und behalten uns vor, in unserer nächsten Nummer das Wirken und die Persönlichkeit Salomon Bubers eingehend zu würdigen. Salomon Buber war geboren in Lemberg am 2. Februar 1827. Sein Vater, Isaiah Abraham Buber, unterrichtete den aufgeweckten Knaben schon früh in allen hebräischen Wissenschaften. Seine Erziehungsmethode war von Anfang an darauf gerichtet, dem Sohne vor allem die hebräischen Wissenschaften zugänglich zu machen, und kein Buch war ihm zu kostbar und kein Lehrer zu teuer, wenn es sich darum handelte, die hebräischen Kenntnisse Salomons zu bereichern. Und wenn es das Streben des Vaters war, aus seinem Sohne einen „Großen in Israel" zu machen, so darf man wohl sagen, daß ihm sein Werk gelungen ist. Denn der junge Buber zeigte schon in frühen Jahren ein staunenswertes Wissen in allen hebräischen Dingen, aber auch die Bildung und die Kultur seiner Zeit war ihm durchaus nicht fremd. Es war insbesondere die Midraschliteratur, die ihn immer und immer wieder mächtig anzog. Die erste Frucht seines Studiums war eine neue Ausgabe der „Pesikta de Rab Kahana". Das Werk zeichnete sich nicht durch die überaus sorgfältige Textbehandlung aus, sein bleibender Wert steckt vielmehr in dem ausführlichen Kommentar.und der Einleitung, die in übersichtlicher Weise alle die bisher aufgetauchten Meinungen und Streitfragen über die interessante alte Schrift nach streng wissenschaftlichen Grundsätzen anführt und klassifiziert. Das Buch, das von der bekannten Gesellschaft „Mekize Nirdamim" herausgegeben wurde, erregte bei seinem Erscheinen in der wissenschaftlichen Welt beträchtliches Aufsehen und wurde als hervorragendes Werk eingehend gewürdigt. Aug. Wünsche übersetzte die Einleitung sogar in das Deutsche und veröffentlichte sie in seiner Obersetzung des Midrasch. Die Vorzüge, die sein erstes Werk auszeichnen, strenge Sachlichkeit, und vor allem das Zurückgehen auf die Quellen, bilden auch den Vorzug seiner weiteren Veröffentlichungen. Salomon Buber war ein sehr fruchtbarer Schreiber und seiner Werke sind nicht wenige. Alle aber sind sie gleich hervorragend in ihrer strengen Wissenschaftlichkeit und in ihrer überaus klaren Anordnung und Schreibweise. Buber hatte den Fleiß und den Ehrgeiz, nichts halb zu tun. Sein immenses Wissen gestattete ihm, alle Quellen zu finden und zu benutzen, und wenn er einen Stoff behandelte, so war es sicher, daß es nichts gab, das jemals über die gleiche Materie geschrieben und gedruckt worden war, das er nicht gekannt und verwendet hätte. Dadurch war es ihm möglich, eine Menge Schreib- und Druckfehler zu berichtigen, die sich im Laufe der Zeit in die Texte eingeschlichen und den Sinn entstellt hatten, und seine Textausgaben sind direkt musterhaft. Alle Lesarten sind in Fußnoten vermerkt, da fehlt keine, u.nd mit seltenem Scharfsinn findet er die Erklärung mancher dunklen Worte und Stellen aus den verschiedensten Verdrehungen, Überlieferungen, Latinismen und Gräcismen. Fast jede seiner Textausgaben enthält in einer sorgfältig geschriebenen Einleitung, die oft den Text selbst an Umfang übertrifft, eine eingehende und sachliche Würdigung des Werkes, seiner Autoren und seiner Bearbeiter. Seine Erklärungen sind oft kühn, aber niemals unwissenschaftlich, und das haben auch seine wissenschaftlichen Gegner, die insbesondere mit seiner Tanchuma-Theorie nicht einverstanden waren, immer aufs neue anerkannt. Aus der großen Reihe von Werken, mit denen Salomon Buber die Midraschliteratur bereichert hat, seien nur folgende genannt: Tobia b'Eliezers Midrasch Lekach Tow, Wilna 1884; Midrasch Tanchuma, Wilna 1885; Sifre d'Agadta kurze Midraschim über das Buch Ester, Wilna 1886; Midrasch Tehillim, Wilna 1891; Midrasch Mischle. Wilna 1893; Midrasch Schemuel, Krakau 1893; Midrasch Ekah Rabatti, Wilna 1899; Yalkut Makiri, über die Psalmen, Berdytschew 1899; Menahem b'Salomons Midrasch Sechel Tow, Berlin 1900,1902. Aber auch in anderen Zweigen der hebräischen Literatur leistete Buber ganz Hervorragendes. Gleich sein erstes Werk, eine Biographie über den Grammatiker Elias Levita, verrät den denkenden Forscher. Eine ganze Reihe von Werken widmete er den jüdischpolnischen Gelehrten, und immer wieder stehen wir staunend vor dieser Fülle des Wissens und dieser souveränen Beherrschung des Stoffes. Er war Mitarbeiter an sämtlichen bedeutenden hebräischen Zeitschriften und Zeitungen. Man darf wohl sagen, daß Buber in den letzten Jahrzehnten seines Lebens der bedeutendste und angesehenste hebräische Wissenschaftler und Schriftsteller Polens war. Auch äußere Ehrungen blieben ihm nicht versagt. Nicht nur rechneten es die wissenschaftlichen und literarischen Vereine sich zur Ehre an, ihm ihre Ehrenmitgliedschaft anzutragen, auch die weltlichen Behörden wußten seinen klugen Rat und. seine große Geschäftserfahrung zu schätzen. Schon früh erhielt er den Titel eines k. k. Handelskammerrats, er war der Gründer und Leiter einer Reihe von Banken und Genossenschaften und Vorstandsmitglied fast sämtlicher philanthropischer Vereine Lembergs. / *

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