Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 1 DIE getan, um Vorbeugungen zu treffen. Die wenigen Poale-Zionisten im Lande werden nach telegraphischem Übereinkommen am Sonntag in verschiedenen Städten Versammlungen abhalten und für den Selbstschutz agitieren, um für eventuelle Fälle gewappnet zu sein., Großangelegte antisemitische Agitation wird seit mehreren ELT: 13 Monaten und hauptsächlich mittels der von Schülern gelesenen Zeitschriften betrieben. An der Spitze befindet sich der bereits vorerwähnte Universitätsprofessor Jorga. Man gibt dieser Agitation den Anstrich von Nationalismus, so daß von der Regierung, — die sich ja auch sonst kaum rühren würde, — absolut nicht entgegengearbeitet wird. Ben Zion „WILNAER STIMMUNGEN" „Saison morte!" Alles schweigt. Über die Erde ist ein weißer Teppich gebreitet, — und man schreitet so weich und lautlos darauf, und über den Seelen der Menschen ruht ein weißer Schleier — von Müdigkeit. Man träumt nicht einmal. Früher lag man mit offenen Augen und starrte in die dunkle Zukunft hinein. Nacht war*s, — und man ahnte den kommenden Tag. Er kam; für einen Augenblick ging die strahlende Sonne auf — und verbarg sich wieder hinter den Wolken. Und siehe! — die Sehnsucht nach der Sonne hat nachgelassen. Man ist müde. . . . Das ist die Grundnote. Und hinter allen Kampfmelodien, die da intoniert werden, aus allen Marseillaisen, die durch die Luft brausen, zittert leise der Ton nach, verliert sich in der endlosen Ebene, schleicht sich an jeden Menschen heran, dringt in die Ohren zusammen mit dem Heulen des Windes und dem flimmernden Schnee — legt sich wie ein Alp auf die Seele. . . Man spricht von Wahlen, von der neuen Duma, vom neuen Kampfe gegen die Regierung, von den neuen Formen der Gesellschaft, man spricht von allem Guten, was das Menschenherz erhebt, — aber in allen Worten tönt ein Zweifel, in aller Augen ist ein Unglaube zu lesen. Nicht daß man an den Sieg der Regierung glaubte, — im Gegenteil. Man ist überzeugt, die Regierung werde in diesen und allen kommenden Wahlen unterliegen. Aber es entsteht die bange Frage: Was dann? Wird denn das Land Kraft genug haben, um den Sieg auszunutzen? Nacht ist es. . . Wächter, was sagt die Nacht? Wächter, wann kommt der Tag? . . Die Stadt der „Z. K." Früher war Wilna das geistige Zentrum des russischen, rabbinischen Judentums. Besonders in der Übergangsepoche, als einerseits das alte Judentum noch stark war und das neue sich Bahn brach. Dort prallten die beiden Welten am heftigsten aneinander; die Stadt des „Wilnaer Gaon" — und die der „Aufklärung"; der strengen, gehärteten, in allen Künsten der Dialektik gewandten, litauischen Juden, die einen eigenen Typus, eine scharf markierte Physiognomie hatten, — und der deutschsprechenden „Maskilim" und hebräischen Literaten, der Lebensohn, Gordon, Steinberg usw. Die Typen sind noch geblieben, wie ein Rassentypus überhaupt Generationen hindurch sich behauptet. Aber ein Typus ist eine Formel der Seele, der Kommentar ist die Peripherie, das Ergänzende. Die Formel ist geblieben, der Kommentar hat sich geändert. Jetzt sitzen die verschiedenen litauischen „Maskilim" und „Misnagdim", diese Asketen des Geistes, die Dogmatiker des jüdischen Volkes, in den verschiedenen Z.-K., d. h. den Zentralkomitees der zahlreichen jüdischen Parteien und Parteichen, die sämtlich in Wilna konzentriert sind. Man könnte fast sagen, Wilna sei der Generalstab des russischen Judentums. Da ist das Z.-K. des „Bundes", der das jüdische „Proletariat" monopolisiert hat, dort wieder macht das Z. K. der S. S. (Zionisten-Sozialisten) ihm den Platz an der Sonne des Marxismus streitig. Daneben das Z. K. der „Sejmist3n", einer Stimmungspartei, die sich nur aus Furcht vor der „öffentlichen Meinung" zum Soizalismus bekennt, dann . . . aber wer kann sie alle aufzählen. Man gehe in das uralte, dunkle, primitive Kaffeehaus in der „Großen Gasse" — und man wird sie alle sehen, alle die „Herren der jüdischen Gasse". Ein kleines, dumpfes, rauchiges Lokal. Dort sitzen Tag und Nacht junge und früh gealterte Männer trinken Tee, rauchen unaufhörlich, spielen Schach und — leiten die Geschicke des „jüdischen Proletariats". Im selben Lokal saßen vor einem Menschenalter die alten „Aufklärer" und tranken Tee, und rauchten und spielten Schach und — „leiteten" . . . Und nach einer Menschengeneration werden dort wieder Menschen sitzen und trinken und rauchen — und leiten — ... Jetzt heissen sie „Bundisten", S.-S., S.-D. „Sejmisten" — wie werden sie dann heißen? Der Gott, der Eisen wachsen läßt, wird auch schon für die Namen sorgen. Und die „Geleiteten"? Sie scheinen den Unterschied nicht gemerkt zu haben. Die Gassen von Wilna, die „Jüdische", die „Rudnitzer", die „Deutsche" usw. — lang wie der jüdische „Golus", schmal und eng wie die Doktrin eines „Bundisten", schmutzig und arm, wie ganz Rußland und Polen zusammengenommen — führen ihr eigenes Leben, gehorchen ihren eigenen Gesetzen. Unveränderlich — ein ruhender Pol in der Parteien Flucht. Der größte Dichter, der phantasiereichste Mensch könnte sich diese Straßen nicht anders vorstellen, könnte keine andere Form für sie finden. So war es in den Zeiten des „Kongresses der vier Länder", so war es zur Zeit des genialen Rabbi Elija Hagaon, so ist es jetzt. Damals bot man auf den Straßen vielleicht Gebetbücher zum Verkauf an, heutzutage stehen Juden mit roten Dienstmännermützen oder auch ohne „Uniform" und rufen: A „Volkszeitung" zwee Kopikes, een Kopike a hajntiger „Tageblatt", a Kopike a bombe, geharget dem Gubemator .. zwee Kopikes".. -- im Grunde ist es dasselbe. Der „Schulhof". Eine „Z.-K."Wirtschaft ins Religiöse übertragen. Wohl in keiner anderen Stadt gibt es ein ähnliches Gebilde. Man denke sich eine Straße von einer unmöglichen geometrischen Form. Ein Winkel überläuft den anderen, kreuzt ihn, um sich dann seinerseits zu verirren, zu verlieren in diesem Knäuel von Linien und Häusern und Höfen. Es ist ein Jargon der Architektur. Anstatt einer einzigen schönen, großen Synagoge, zahllose „Stübchen". Klausen und Bethäuschen. Jede Nuance des jüdischen Ritus ist dort vertreten. Da steht das Stübchen der „Ljubawitscher Chassidim", da beten die „Ljachowitzer" usw. Wodurch unterscheiden sich die einen von den anderen? Ja, wodurch unterscheiden sich z. B. die Minsker Poalei-Zion von den Witebsker? Ein Uneingeweihter kann das nicht verstehen — und die Eingeweihten müssen es wohl oder übel verstehen, sonst würden sie sich doch nicht voneinander unterscheiden. Ein eigenartiges Leben herrscht auf diesem Schulhof. Die da drinnen kümmern sich nicht um das zwanzigste Jahrhundert und nicht um Marx und auch nicht um die Probleme des jüdischen Volkes. Für sie steht das Leben auf einem Flecke. Mag es da noch so muffig und dumpf seih,— was kümmert's sie? Das sind ja die „Geleiteten"! ... In einem dieser Stübchen wird ununterbrochen Tag und Nacht ge„orent", d. h. gebetet. Ein merkwürdiges Wort —- alt und katholisch seiner Abstammung nach, „Orenen", das klingt, wie „ora pro nobis"!, das klingt wie ferne, fremde Glocken. Wie kam nur dieses Wort, dieser Begriff nach Litauen? Was will dieser Römerlaut auf dein Wilnaer Schulhof? Man „orent". Scharen von Juden gehen aus und ein. Das Stübchen ist im Erdgeschoß gelegen. Ein paar Stufen führen hinunter. Es herrscht ein Halbdunkel — nur einige Unschlittkerzen beleuchten das