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Die Welt · 1907-01-04 · 1 (4.1.1907) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
1 (4.1.1907)
Date
1907-01-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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12 DIEE^EELT No. 1 die wir als Abgeordnete in die Duma entsenden wollen, Hauptforderungen, die auf unserer letzten Konferenz in Helsingfors ausgearbeitet wurden. Wir Zionisten, die die Vereinigung des ganzen jüdischen Volkes anstreben, begreifen vollauf, wie schädlich es für die Juden, die überall eine Minderheit bilden, sein wird, wenn unsere Solidarität zerstört werden wird. Deswegen haben wir in Helsingfors beschlossen, daß wir, indem wir eine besondere Wahlagitation führen, uns am letzten Ende der Mehrheit unterwerfen und ihre Beschlüsse ausführen werden, — ausgenommen nur der Fall, wenn solche Kandidaten aufgestellt werden, die vom jüdischen Volke nichts wissen wollen und eine Auflösung unter den andern Völkern erstreben. Nur bei allgemeiner Freiheit, bei Gleichberechtigung der Juden, bei Anerkennung des jüdischen Volkes, der jüdischen Sprache, der jüdischen Schule und unserer anderen nationalen Rechte werden wir für das Gesamtjudentum das erreichen, was sich in dpr Diaspora überhaupt erreichen läßt. Die Arbeit zur Stärkung unseres Volkes, seiner Vereinigung und Organisierung betrachten wir als einen sehr wichtigen Teil unserer zionistischen Tätigkeit, weil die Erstarkung des jüdischen Volkes, die Ansammlung und Festigung seiner Kräfte in der Diaspora uns auch den Weg zu unserem Endziel erleichtern wird, — der Schaffung eines Heims für unser Volk in Erez Israel, was die wahre und volle Lösung der jüdischen Frage und die wirkliche Befreiung des jüdischen Volkes bedeutet. ANTISEMITISCHE EXZESSE IN RUMÄNIEN Bukarest, 25. Dezember 1906. Sonntag den 23. ds. fanden in Crajova, der drittgrößten Stadt Rumäniens, große antisemitische Ausschreitungen statt. Die dortigen Zionisten hatten zur Feier des Makkabäerfestes eine große Versammlung einberufen, zu der auch der Rabbiner Dr. Niemirover und der bekannte zionistische Kämpfer Dr. Isac Leon aus Bukarest erschienen waren. Der Vereinssaal „Mizmor" war um drei Uhr nachmittags vollgedrängt von Hörern; ies sollten gerade die Ansprachen beginnen, als am Saaleingang ein fürchterliches Getöse und Gejohle laut wurde, und ehe man sich dessen versah, waren mehrere hundert Studenten, Schüler unter Anführung ihrer Lehrer (Staatsbeamte!) .und hauptsächlich Wahlagenten der rumänischen Regierung eingedrungen. Sie waren alle mit Knüppeln und sogar Äxten bewaffnet, und während ein Teil den Eingang gesperrt hielt, damit niemand entkäme, hieben die anderen rechts und links auf die Anwesenden ein. Es waren Minuten der höchsten Panik, denn auf alles hatte man eher gerechnet als auf einen solchen Angriff. Die meisten suchten durch Nebentüren zu entkommen, während im Saale die Eindringlinge drauf lös zu schlagen begannen. Bald lagen zahlreiche hilflose Verwundete auf dem Boden, unter ihnen auch Dr. Isac Leon, der sehr arg zugerichtet wurde. Endlich erschienen vereinzelte Wachleute, und es gelang ihnen, den Saal zu leeren. Die Bande jedoch, die vorzüglich organisiert war und kontinuierlich anwuchs, fing an, lärmend die Straßen zu durchziehen. An der Spitze befanden sich die Studenten und Schüler sämtlicher Schulen mit ihren Lehrern. Ihnen voran wurde die trikolore Fahne getragen. An sämtlichen jüdischen Läden wurden die Fensterscheiben eingeschlagen, und jeder Jude, der sich nicht schnell genug versteckt hatte, wurde fürchterlich geschlagen. Keine Autorität — augenscheinlich war alles mit im Bunde — intervenierte, und so dauerten die Ausschreitungen ungestört bis spät in die Nacht hinein. Als am Montag früh diese Vorfälle im Lande bekannt wurden, war der Eindruck unter der Judenschaft ein niederschmetternder, zermalmender. Ich war gerade daran, Ihnen diese Korrespondenz abzusenden, als ich soeben Mitteilung über Wiederholung der Ausschreitungen am Montag erhalte: Es verbreitete sich in der Stadt das übrigens unbegründete Gerücht, daß am Nachmittag um 4 Uhr eine neue zionistische Versammlung stattfinden werde, und infolgedessen veranstalteten die Antisemiten unter dem Schutze der Polizei neuerdings Straßenkundgebungen. Die Demonstranten drangen in die offenen jüdischen Geschäftsläden ein und demolierten zahlreiche Läden gänzlich, andere teilweise. Viele Personen sollen sehr gefährlich verwundet worden sein. An der jüdischen Schule und im Tempel wurden die Fensterscheiben eingeschlagen, eine Synagoge wurde devastiert. Die Besorgnis ist groß, da das Gerücht verbreitet ist, daß die Ausschreitungen auch in der Nacht und am folgenden Tage fortgesetzt werden sollen. Etwa 200 Juden, österr.- ungar. Angehörige, wandten sich an ihren Konsul um Schutz. Der Präsident der jüdischen Gemeinde richtete an den Ministerpräsidenten folgendes Telegramm: „Seit gestern wird die jüdische Bevölkerung von Studenten, Schülern und verschiedenen Staatsbeamten, die in Banden die Straßen durchziehen, terrorisiert, welche die Scheiben einschlagen, die Geschäfte devastieren und unsere Glaubensgenossen mißhandeln, ohne daß wir Sicherheit und Schutz gefunden hätten. Es sind Gerüchte im Umlauf, daß sich die Szenen in der Nacht und am folgenden Tage wiederholen werden. Wir bitten, daß Maßregeln zum Schutze unseres Lebens und Vermögens ergriffen werden." .... Ich fahre jetzt nach Crajova und lasse Ihnen von dort fernere Mitteilung zukommen. Am Montag Abend, nach wiederholten Vorstellungen seitens einiger angesehener Juden und nach telegraphischer Anweisung des Ministerpräsidenten, intervenierten die Polizei und einige Gendarmeriepatrouillen; aber erst spät in der Nacht gelang es, die Banden zu zerstreuen. Am Dienstag früh wollten die jüdischen Geschäftsleute ihre Geschäfte nicht öffnen, und nur auf dringende Vorstellung des Staatsanwaltes, der mit der Untersuchung der Vorfälle betraut ist, taten sie es. Es wurde hierauf eine Deputation von einigen jüdischen Notablen vom Oberstaatsanwalt empfangen, der sie versicherte, daß er alles aufbieten werde, damit die Ruhe wieder hergestellt werde. Diese Versprechungen können aber nur wenig zur Beruhigung der jüdischen Bevölkerung dienen, da große Plakate für kommenden Samstag die Ankunft des bekannten Antisemitenhäuptlings Universitätsprofessors Jorga, der auch der moralische Urheber dieser Ausschreitungen ist, ankündigen, und dabei eine große Versammlung abgehalten werden soll, zu der die Schüler Vorbereitungen treffen- — Die einzige judenfreundliche Zeitung „Adevnrui" bringt erschreckende Details von den Vorfällen, die sich während der Ausschreitungen abgespielt haben, und weist darauf hin, daß die Haupturheber die Lehrer der dortigen Gvmnasien sind und andere wieder der liberalen Partei, die sich jetzt in Opposition befindet, angehören. Bittere Ironie liegt in der Resolution der Lehrerkonferenz, die im Auftrage des Ministeriums zur Bestrafung der Schüler zusammengetreten ist. Es heißt darin: „Da man die Namen der Hunderte von Schülern, die sich bei den Ausschreitungen aktiv beteiligt haben, nicht feststellen kann, wird man ihnen nur im allgemeinen Bemerkungen machend) und ihnen raten, in Zukunft sich an derartigen Vorfällen nicht zu beteiligen." Die Regierungsblätter finden kaum ein bedauerndes Wort über die Vorfälle, während die nationalliberalen Zeitungen in fettgedruckten Artikeln ihre große Zufriedenheit äußern und zu weiteren Ausschreitungen auffordern. Was die jüdische Bevölkerung im Lande anbelangt, so ist leider eine große Gedrücktheit zu bemerken, oder besser gesagt, man bemerkt nichts, da sich alles duckt und versteckt. Und trotzdem allgemein die Ansicht herrscht, daß diese schändlichen Vorgänge, — die unter der rumänischen Studentenschaft und der übrigen Jugend mit großer Begeisterung begrüßt wurden, — nur den Anfang einer langen Reihe von weiteren Ausschreitungen in allen übrigen Städten Rumäniens bilden, wird nichts (

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