Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Statistik, sollte man diese gehaltlosen Redensarten ruhig den Antisemitenblättern überlassen. Was die Eignung zum Ackerbau betrifft, so wissen wir, daß sich in Rußland nicht weniger als 150 000 Juden, nach anderen Angaben sogar 200 000 Juden damit befassen; wir haben gesehen, welche gewaltige Ausdehnung die landwirtschaftliche Kolonisation der „Ica" in Argentinien schon erreicht hat, wir hören, daß es in den Vereinigten Staaten 1250 selbständige jüdische Farmerfamilien mit 4000 Seelen gibt; daß die Juden vorzügliche Pächter sind, zeigen die Erfahrungen in Ungarn, Qalizien und Rumänien. Auch in Palästina ist die Zahl der ländlichen, jüdischen Kolonisten nicht mehr gering; von den 80 000 Juden des Landes leben 7000 in den 25 jüdischen Dörfern auf dem Lande. Daß Städter sich nicht besonders zum Ackerbau eignen, ist eine allgemeine Erfahrung; auch bei uns sieht die Landbevölkerung mit Mißtrauen auf zugezogene Leute aus der Stadt, und gewiß nicht mit Unrecht. In den deutschen Kolonien in Südbrasilien klagt man, daß die Eignung der Deutschen als Kolonisten jetzt von den Slawen sehr überflügelt wird, und bringt dies mit der relativen Zunahme der Städter in Verbindung. Wie kann man also von den Juden verlangen, daß sie schon in der ersten Generation regelrechte Bauern werden? Namentlich mit den Frauen hapert es, da sich dieselben nicht daran gewöhnen können, selbst auf das Vieh zu passen, noch in der Nacht aufzustehen, den Gemüsegarten zu besorgen, und anstatt ihre Bedürfnisse in der Stadt zu kaufen, sich dieselben soweit irgend möglich selbst herzustellen. Der merkantile Charakter des Städters steckt den Juden meist mehr im Blut, als dem Städter anderer Volksstämme; für eine reguläre Ackerwirtschaft vom alten Stil passen die Juden daher sehr viel schlechter, als für den modernen, mehr merkantilen Ackerbau im amerikanischen Sinne; sie fühlen sich als Fabrikanten, der Acker oder der Fruchtgarten ist ihre Fabrik, es gilt möglichst viel in möglichst kurzer Zeit herauszuholen, mögen auch die Arbeitskräfte teuer sein; es liegt ihnen daran, nicht zu sparen und Ökonomie zu machen, sondern zu produzieren und viel zu verdienen. Es kann einem Zweifel nicht unterliegen, daß dies die Landwirtschaft der Zukunft ist, und gerade die Fruchtbaumkulturen und die feinere Viehzucht, Milchwirtschaft usw. sind besonders geeignet, dieser Entwicklung den Weg zu bahnen. Daß es aber auch unter dem alten System viele jüdische Bauern gibt, die Musterhaftes leisten, weiß jeder, der Palästina besucht hat, und ebenso hat sich der landwirtschaftliche Sachverständige des deutschen Generalkonsulates in Ägypten über die im Jahre 1900 angelegten und seitdem unterstützten jüdischen Dörfer in Klei'nasien, die er vor zwei Jahren inspiziert, außerordentlich lobend ausgesprochen. Es gibt in Palästina sogar einige jüdische Bauern, die recht wohlhabend geworden sind, während der Durchschnittsreingewinn der Kolonisten ca. 900—1200 Frcs. pro Jahr beträgt, was für einfache Lebensführung reichlich genügt. Besonders erfreulich ist es aber, daß die in den Kolonien aufwachsende Jugend sich ganz und gar den dortigen Verhältnissen anpaßt, auch ist Hebräisch für die Jugend die allgemeine Umgangssprache geworden. Soviel über die Frage der Eignung des Juden zum Ackerbau; daß er nicht nur zum Handel, sondern auch zum Handwerk und Gewerbe sich eignet, darüber braucht man in einer Stadt, wo so viele jüdische Handwerker leben und zum großen Teil auch recht gut gedeihen, nicht besonders zu streiten. Auch von den 800 000 Juden New Yorks kann begreiflicherweise nur ein kleiner Teil aus Händlern bestehen, die meisten waren schon vor ihrer Wanderung nach Amerika Handwerker, und in den Städten des russischen Ansiedlungsrayons sind die nichtjüdischen Handwerker in der Minorität. Ebenso eignen sich die Juden, entgegen der westeuropäischen Auffassung, auch für schwere Arbeiten; es gibt in Rußland große Mengen Flößer und Holzhauer, in Saloniki bilden die Juden die Zunft der Lastträger, jüdische Schmiede, Schlosser, Kutscher, Maurer gibt es im ganzen Ansiedlungsrayon in Massen. Auch in Jerusalem werden die neuen jüdischen Stadtviertel größtenteils von jüdischen Maurern erbaut, jüdische Schlosser und Schmiede erhalten in Jerusalem sogar vielfach Aufträge für christliche Institutionen, Kirchen, Klöster usw. Daß aber die Juden nach Palästina auswandern wollen, zeigen die vielen diesbezüglichen Anfragen, die unsere Palästinakommission in Berlin erhält; desgleichen das Anwachsen der jüdischen Bevölkerung Palästinas, besonders Jerusalems und in der neuesten Zeit auch Jaffas. Die ländliche jüdische Bevölkerung Palästinas wächst jährlich um 5°«., die städtische bedeutend schneller. Während Palästina schon mehr Juden zählt als seinerzeit aus der babylonischen Gefangenschaft zurückkehrten, beherbergt Jerusalem jetzt 45 000 Juden, die zwei Drittel seiner gesamten Bevölkerung ausmachen; in ganz Palästina stieg die jüdische Bevölkerung in den letzten 30 Jahren von 20 000 auf 80 000. Noch wichtiger ist, daß die Einwanderung auch progressiv steigt; in diesem Jahre sind dreimal so viel Juden in Palästina eingewandert wie im vergangenen Jahr, und allein in Jaffa sind im ersten Halbjahre 1906 1747 Juden angekommen, darunter 798 weiblichen Geschlechtes und 598 Kinder unter 15 Jahren; die meisten befanden sich in erwerbsfähigem Alter, über 60 Jahre waren nur 109 Personen; 44°/o der Einwanderer waren Handwerker, nur 33(>o Kaufleute; wie man sieht, besaß also die Einwanderung eine so gesunde Zusammensetzung wie nur möglich. Von weit größerer Bedeutung ist, daß jetzt auch Kapitalisten in Palästina einzuwandern beginnen, Leute, die dort industrielle Unternehmungen gründen wollen, ja selbst Studierte ziehen dorthin, die sich dort als Ärzte, Lehrer usw. niederzulassen gedenken. Sogar in Deutschland beginnt man, einer Übersiedlung nach Palästina nicht mehr zu spotten, sondern hie und da ernsthaft ins Auge zu fassen; ja es sind sogar schon neuerdings gut gelegene Terrains in Palästina von westeuropäischen Juden aus Spekulation oder zum Villenbau angekauft worden. Auch der Komfort in Palästina wächst zusehends und der Zeitpunkt dürfte nicht mehr fern sein, wo man sogar regelmäßige Konzerte und Theater in Palästina nicht mehr zu entbehren braucht. Es ist auch eine bekannte Tatsache, daß je größer ein jüdisches Zentrum wird, um so größer auch seine Attraktionskraft ist; wenn erst Jerusalem 100 000 jüdische Einwohner besitzt, so wird es in industrieller Beziehung viel schneller fortschreiten als jetzt, wo man es doch noch als jüdische Kleinstadt bezeichnen muß. Aber auch die Entwicklung der ländlichen Kolonien ist jetzt gesichert. Fortwährend vergrößern sich die zur Stabilität gelangten älteren Kolonien ihrem Umfange nach durch Zukäufe von Land, jährlich wird das Areal der Pflanzungen größer; wenn jetzt in den allerletzten Jahren schon 400 Hektar Orangeland, 500 Hektar Mandeln und 600 Hektar Oliven bepflanzt wurden, von den ca. 2 500 Hektar umfassenden Weinpfanzungen ganz abgesehen, so wird schon die Fläche in einigen Jahren für mehrere Millionen Francs Erträge bringen; repräsentiert doch schon das Orangeland einen Wert von 5 Millionen Francs. Es kann einem Zweifel nicht unterliegen, daß diese Entwicklung in wenigen Jahren in weit schnellerem Tempo weiter fortschreiten wird. Schon bilden sich Privatgesellschaften unter den palästinensischen Ansiedlern, reiche Privatleute kaufen oder begründen Pflanzungen für sich und ihre Kinder, und gerade jetzt stehen wir im Begriffe, eine große Pflanzengesellschaft mit einem Anfangskapital von mindestens 500 000 Mark zu begründen, nach dem Muster und Vorbild unserer deutsch-kolonialen Plantagengesellschaften. Je eher man dazu übergeht, in Palästina Plantagenbau zu treiben, um so größer sind die Gewinnchancen; denn die Bodenpreise sind im schnellen Steigen begriffen; in manchen Lagen haben sie sich in fünf Jahren sogar verdoppelt, immerhin sind sie noch gering gegen gleichwertiges Land in Italien, Sizilien oder gar Südfrankreich. Manche Kolonisten sind schon durch Bodenspekulation, andere durch Anlage und Verkauf fertiger Pflanzungen zu Geld gekommen. Wenn der bisherige Zuzug von Kolonisten noch nicht sehr bedeutend ist, so liegt es einerseits an den schwierigen Verhältnissen des Bodenerwerbes, anderseits an den infolge gänzlichen Mangels an Bodenkredit relativ großen pekuniären Erfordernissen der Ansiedlung; mit einem Vermögen von weniger als 12 000 bis 15 000 Kronen sollte man keinen selbständigen landwirtschaftlichen Betrieb in Palästina beginnen. Zum Schlüsse müssen wir noch die klimatischen Bedingungen besprechen. Das die Juden das Klima Palästinas gut vertragen, kann einem Zweifel nicht unterliegen; ist es doch die ursprüngliche Heimat, und wenn sie sich auch jetzt teilweise an nordischeres Klima angepaßt haben, so fühlt sich die zweite Generation in dem palästinensischen Klima ebenso wohl wie die Araber, noch viel wohler als die Deutschen, obgleich auch diese, nachdem sie eine längere Akklimatisationsperiode überstanden haben, jetzt viel besser in Palästina gedeihen als früher, was sich schon in der großen Zahl von Kindern ausspricht. In vielen Teilen Palästinas gibt es zwar Malariafieber, an einzelnen Stellen sogar in der gefährlichen Form des Schwarzwasserfiebers, aber durch einfache Mittel ließen sich die meisten Orte leicht gesund machen, und wo die Dörfer lange genug bestehen und durch ihre Kultur den Grundwasserspiegel erniedrigt haben, verschwindet das Fieber bald. Die Städte lassen sich sogar durch einfache hygienische Maßregeln völlig sanieren, während sich die sumpfigen Gebiete durch Kanalisation oder Anlage von wertvollen Eukalyptuswäldern im Laufe der Jahre entwässern lassen, was an einigen Punkten schon mit großem Erfolg versucht wurde. Selbst die Kolonie Chederah, das verrufenste Sumpfnest unter den jüdischen Kolonien, beginnt schon infolge der großartigen Eukalyptuspflanzungen, welche Baron Edmund v. Rothschild dort anlegen ließ, und durch die zunehmende Agrikultur daselbst allmählich zu gesunden.