Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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no. i — ---== die: jährlich, das heißt fast 47 Francs pro Kopf der Bevölkerung. Wenn man bedenkt, daß allein die Umgebung von Jaffa für drei Millionen Francs Orangen produziert und daß in wenigen Jahren allein von den jüdischen Kolonien pro eine Million für Orangen eingenommen werden, so kann man sich ein Bild machen, wie erst der Export sein wird, wenn alle vorhandenen Ebenen Westjordaniens in Gartenland umgewandelt sein werden. Jaffa ist bisher der Haupthandelsplatz, namentlich für den Import, da von dort aus das wenig produzierende, aber viel konsumierende Jerusalem versorgt wird. Diese Stadt bezahlt nämlich ihren Verbrauch im wesentlichen mit den Wohltätigkeitsgeldern und frommen Gaben der ganzen Welt; wird doch allein der Stadt Jerusalem durch die jüdische Chalukah jährlich eine Summe von zirka vier Millionen Francs zugeführt und noch weit größer sind die Beträge, die zur Erhaltung der Klöster, Missionen und wohltätigen Anstalten ins Land kommen, eine Summe, die man auf jährlich 15 Millionen Francs bewertet. Die südliche Küstenstadt Palästinas, Gaza, ist vor allem der Hafen eines großen Getreidegebietes, von wo namentlich die schöne Gerste der dortigen Ebenen ausgeführt wird; einem Export von acht Millionen Francs steht in Gaza ein Import von nur drei Millionen Francs gegenüber. Der dritte große und über den besten Hafen verfügende Exportplatz ist Haifa, das infolge seines Bahnanschlusses nach Damaskus und nach dem getreidereichen Hatiran schnell emporblüht. Haifa-Akkra importiert für 8 Millionen Francs und exportiert für 6xf-2 Millionen Francs; es dürfte aber wohl nicht mehr lange dauern, bis dieser Hafen Jaffa an Bedeutung überflügelt hat. Die TransportVerhältnisse Palästinas werden zusehends besser, namentlich tragen da schon die erwähnten neueren Eisenbahnen, das heißt die Strecke Haifa-Damaskus und die Hedjasbahn neben der älteren Bahn Jaffa-Jerusalem sehr wesentlich dazu bei, Palästina zu erschließen. Man beabsichtigt auch, durch eine Längsbahn in Zisjordanien Haifa mit Jaffa, respektive Jerusalem über Nabulus zu verbinden. Die Fahrstraßen lassen im allgemeinen zwar noch zu wünschen übrig, doch gibt es wenigstens einige recht brauchbare Straßen, und es wird gewiß nicht lange dauern, bis auch die neueste Erfindung des Westens, das Automobil, in den heiligen Stätten seinen Einzug hält. Bevor wir diesen Gegenstand verlassen, müssen wir auch darauf hinweisen, daß die Bodenschätze Palästinas, wenn auch bisher nicht ausgebeutet, doch nicht unbedeutend sind. Nicht nur gibt es Salzablagerungen in großem Maßstabe am Toten Meere, darauf soll ja auch die Sage von Lots Weib und Kindern beruhen, auch wertvolle Phosphate sind mehrfach gefunden worden; währen! das Wasser des Toten Meeres Kali und Brom in bedeutender Menge enthält, so findet sich in der Umgebung desselben auch Schwefel, Asphalt und — wenngleich nur in Spuren an der Oberfläche der Erde ausschwitzend — Petroleum. Daneben gibt es auch brauchbare Tone, Kalke, Marmor, Sand zur Glasfabrikation, die ja an dieser Küste zuerst entstanden ist, in Hülle und Fülle. Vor allem aber besitzt das Jordantal auch einen großen Schatz in dem starken Gefälle des Jordan, da dieser Fluß bei 370 Meter über dem Meer am Hermon entspringt und bei 304 Meter unter dem Meere sich in das Tote Meer ergießt, also einen Fall von 674 Meter Höhe repräsentiert; die Heizkraft der Kohle kann also, falls sie nicht an Asphalt und Petroleum einen genügenden Ersatz findet, in den zukünftigen industriellen Anlagen durch Elektrizität überflüssig gemacht werden, die von großen, am Jordan zu errichtenden Zentralen mit Hilfe der Wasserkraft erzeugt werden kann. Sie sehen also, unsere erste Frage: „Ist Palästina ein Land mit wirtschaftlicher Zukunft?" ist unbedingt im bejahenden Sinne zu beantworten. Die zweite Frage: „Wie stark mag die Aufnahmefähigkeit Palästinas für Ansiedier sein?" kann auf zwei Wegen behandelt werden; einmal durch Vergleich mit den glücklicheren Zeiten Palästinas, anderseits durch Vergleich mit klimatisch und wirtschaftlich ähnlichen Gebieten. Während die jetzige Bevölkerung Palästinas ziemlich allgemein auf 600000 Seelen geschätzt wird, gehen die Schätzungen der Bevölkerungsziffer des alten Palästina sehr auseinander. Oberst Conder kommt nach seiner Besichtigung des Landes und der Untersuchung der alten Ruinenstadt zu dem Schlüsse, daß die Bevölkerung jener Tage die jetzige um mindestens 10 Millionen Seelen übertroffen habe; ernste deutsche Forscher, wie Socin und Schwoebei, berechnen die Einwohnerschaft des alten Palästina mit 96 bis 120 Einwohner pro Quadratkilometer, was ungefähr 3 Millionen Seelen ergeben würde. Nach Josephus freilich, der von 204 Städten in Galiläi spricht, von denen die kleinste über 15000 Einwohner gezählt habe, würde die Schätzung des Oberst Conder mehr berechtigt sein.*') *) Nach Tacitus Angaben waren in Jerusalem zur Zeit der Belagerung durch litus 600000 Einwohner versammelt, nach Josephus fanden während der Belagerung dieser Stadt sogar llluOOO Einwohner den Tod, während 94000 in die Sklaverei geführt wurden. §gELT- =—= 9 Palästina mit seinen 29000 Quadratkilometern ist ungefähr so groß wie die Provinz Posen oder wie Belgien; erstere hat 2 Millionen, letzteres 7 Millionen Einwohner, Posen ist ein mäßig fruchtbares Agrarland, Belgien vor allem Industrieland. Palästina läßt sich weder mit dem einen, noch mit dem anderen Lande vergleichen. Glänzend ist jedoch ein Vergleich mit Sizilien, da nicht nur die Größe, sondern auch das Klima, die geographische Lage, der Boden, die Vegetation, die oro- und hydrographischen Verhältnisse, die Agrikultur und Industrie sich in beiden Ländern sehr ähneln, so daß man getrost sagen kann, was wirtschaftlich für Sizilien gilt, gilt auch für Palästina. Während nun Palästina 600000 Seelen faßt und die Bevölkerung Siziliens im 16. Jahrhundert auch auf 800000 Seelen zurückgegangen war, wird letzteres Land schon jetzt von 3l/2 Millionen Einwohnern bewohnt; die Bevölkerung vermehrt sich rapid und würde, wenn nicht die glücklicherweise in Palästina fehlende Latifundien Wirtschaft dort herrschte, auch noch für eine längere Periode dort wachsen können. Siesehen also, 31 - Millionen, d. h. der sechsfache Betrag der jetzigen Einwohnerschaft, ist das mindeste, was wir in Palästina für die Zukunft erwarten dürfen. Was aber die Produktionsmöglichkeit des Landes betrifft, so sei nur darauf hingewiesen, daß Palästina in Anbetracht seiner großen Ebenen mit reichlichem Grundwasser mindestens ebenso viel Südfrüchte produzieren könnte wie Sizilien, wahrscheinlich sogar bedeutend mehr, während augenblicklich Sizilien etwa 30mal so viel Orangen, Zitronen usw. exportiert wie Palästina. Wieviel mehr Einwohner würde aber Palästina erst zu ernähren vermögen, wem seine industriellen Chancen, die Gunst seiner Lage im Knotenpunkte dieses Kontinents, und last not least die Vorzüge seiner alten Geschichte in richtiger Weise ausgenutzt würden. Auf die industrielle Entwicklung mit Hilfe seines Bodenschatzes und der Wasserkräfte haben wir schon hingewiesen, zu welchen Industrien aber die gewaltige Fruchtbaumkultur der Zukunft, der Seidenbau und die vermehrte Viehzucht noch Veranlassung geben mögen, läßt sich kaum übersehen. Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden die Züge, welche die europäischen Hauptstädte mit Südafrika verbinden, der Länge nach durch Palästina brausen, dann wird die stetig zunehmende Schiffsflotte, die den Suezkanal passiert, sich mit palästinensischem Gemüse, Obst und Fleisch in Port Said versorgen. Wer vermag aber erst den Fremdenstrom zu ermessen, der sich später nach Ausbau der Häfen, der Vervollständigung _ der Eisenbahnen und Straßen, der schon jetzt schnell zunehmenden Verbesserung des Hotelwesens, der Modernisierung der wertvollen Bäder und Thermen des Jordantales in das heilige Land ergießen wird; die gewaltigen Einnahme:!, die Ägypten schon jetzt aus dem Fremdenverkehr erzielt, mögen als Maßstab dienen: jeder, der Ägypten besucht, würde, wenn es bequem, schnell und billig zu erreichen wäre, auch Palästina aufsuchen, und wie viele fromm Gesinnte würden aus religiösen Bedürfnissen ausschließlich Palästina besuchen! Schon jetzt nimmt der Fremden.'ufluß jährlich zu, die neuerbauten guten Hotels auf der Route Jerusalem —Nazareth sowie ein Dampferverkehr auf dem Tiberiassee im Anschluß an die Eisenbahn dorthin werden schon in den nächsten Jahren viel zur Vermehrung des Fremdenverkehrs beitragen. Sie sehen also, von welchem Standpunkte aus wir Palästina auch betrachten, es ist und bleibt ein Land großer Zukunft, und mit Recht sagt in der gewiß nicht judenfreundlichen „Kreuzzeitung" vom 14. November am Schlüsse eines sehr anerkennend gehaltenen und sachverständigen langen Artikels über die jüdische Einwanderung in Palästina der ständige Mitarbeiter der „Kreuzzeitung", Rektor 0. Eberhard: „Wer das Warten gelernt hat, kann in diesem Lande noch große Dinge erleben. Es ist wie das verwunschene Königshaus, noch schlummert es, aber es ist schon nahe am Erwachen und wird mit dem Schlummer sein Aschenbrödelkleid abstreifen. Dann geht es einer Zeit entgegen, wo in dem Lande wieder — bildlich geredet — Milch und Honig fließt." Nachdem wir uns bisher mit dem Lande und seinen Aussichten befaßt haben, kommen wir jetzt zu der jüdischen Seite der Frage. So häufig hört man sagen: das Land mag ganz gut sein, aber die Juden taugen nichts, sie sind nun einmal Krämer und Händler, und wer sie zu Ackerbauern umwandeln will, muß scheitern, wie ja auch so manche vergebliche Versuche bewiesen haben. Außerdem vertragen sie sich nicht untereinander und es würde eine mehr als polnische Wirtschaft die notwendige Konsequenz eines Judenlandes sein. Vor zwanzig Jahren mag es schwer gewesen sein, diese Argumente zu widerlegen, jetzt, wo es eine langjährige, jüdische Kolonisationsbewegung gibt und vor allem eine gut ausgebildete jüdische