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Die Welt · 1907-01-04 · 1 (4.1.1907) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
1 (4.1.1907)
Date
1907-01-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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8 — — DIE2qKELT -= No. 1 DIE ZUKUNFT PALÄSTINAS*) Vor uns stehen folgende Fragen: 1. Ist Palästina überhaupt ein Land mit wirtschaftlicher Zukunft? 2. Wie stark mag die Aufnahmefähigkeit Palästinas für Ansiedler sein? 3. Eignen sich die Juden zu einer Kolonisation in Palästina? 4. Was haben wir zu tun, um die jüdische Kolonisation in Palästina zu fördern? Was die Eignung Palästinas betrifft, so ist Ihnen allen bekannt, daß es noch immer Leute gibt, die es für ein gottverlassenes, wegen der Kreuzigung Christi verfluchtes Gebiet halten: diese Ansicht war früher allgemein verbreitet und gab zu den verschiedensten Hypothesen Anlaß, wann der Fluch von dem Lande genommen werden würde. Die Eifrigsten meinten, das Land werde bis zum jüngsten Gerichte verflucht bleiben, andere meinten, der Zeitpunkt werde dann eintreten, wenn alie Juden zum Christentum bekehrt sein werden, aber es gab auch solche, die behaupteten, das Land werde erlöst werden, wenn das Türkenjoch abgeschüttelt sein werde oder gar, wenn sich die Juden aus einem Volke von Händlern und Wucherern in ein Volk von Ackerbauern im Lande ihrer Väter umgewandelt haben werden. Allen diesen Hypothesen wurde aber der Boden entzogen durch die Forschungen der Gelehrten und die Erfahrungen der ersten Siedler. Diese zeigten, daß das Land überhaupt nicht verwüstet sei, daß es, richtig behandelt, gute, zuweilen sogar glänzende Erträge abwirft, und daß es selbst klimatisch zu den begünstigteren Teilen des Mittelmeergebietes gehört. Besonders sind es die englichen Experten, Sir Charles Warren, Sir Charles Wilson und der schon erwähnte Colonel Conder, die, während sie in vieljährigen Reisen Palästina durchforschten, Gelegenheit genug hatten, das Land auch in wirtschaftlicher Beziehung allseitig zu studieren. Einmütig gelangten sie zu dem Urteil, daß das Land durchaus tauglich sei zur Kolonisation. Was diese Gelehrten und Militärs durch Erkundigungen herausfanden, das haben die deutschen Kolonisten, die württembergischen Templer, die seit 1868 im Lande weilen und mehrere blühende Dörfer anlegten, praktisch erprobt. Wenn der Bürgermeister Jung einer dieser Kolonien im Jahre 1902 veröffentlicht, daß man in guten Jahren pro Hektar an Weizen 2500 bis 3000 kg, an Gerste 2000 bis 2500 kg, an Mais 1500 kg, an Durrha 1200 "bis 1500 kg und an Kartoffeln 10 000 kg erzielt, so wird jeder, der etwas von Landwirtschaft versteht, zugeben, daß es recht befriedigende Resultate sind, und wenn es erst eines Beweises bedarf, daß dies nicht eitle Prahlerei ist, so liegt der Beweis darin, daß die Württemberger fortwährend Land hinzukaufen und gerade in der letzten Zeit wieder eine neue Kolonie angelegt haben und im Begriffe sind, eine zweite auf schon angekauftem Boden zu begründen. Es wäre ein leichtes, auch von den jüdischen Kolonien solche Beispiele zu entlehnen, aber ich kenne leider die Neigung unserer Stammesgenossen, sich nur durch das überzeugen zu lassen, was Leute anderen Stammes getan, resp. gesagt haben. Ich will nur anführen, daß in Mikweh Israel, der Ackerbauschule der Alliance Israelite bei Jaffa, im vergangenen Jahre (1905) der Sesam 15fache Erträge und der Weizen die 9 fache Aussaat erbrachte. Natürlich ist nicht alles Land so fruchtbar wie das geschilderte; es gibt große Strecken Bergland, die für Getreidekultur unbrauchbar sind, wohl aber für Wein und besonders für Olivenbau geeignet sind, während ein kleiner Teil des Landes, die sogenannte Wüste Judäa, auch für diese Kulturen ungeeignet ist, vielleicht aber doch später für neu einzuführende, in der Dürre lebende Pflanzen, z. B. Agaven, Kaktus usw., brauchbar sein wird. Von hervorragender Fruchtbarkeit ist das Jordantal, das nicht nur wie im Altertum herrliche Dattelpalmwälder sowie Myrrhen und Weihrauchbäume ernähren'könnte, sondern, wenn es erst der Bewässerung durch das Jordanwasser erschlossen sein wird, auch für die wertvollsten Kulturen, Baumwolle und Zuckerrohr, in höchstem Maße geeignet ist. Noch jetzt erinnern daselbst die verfallenen, primitiven Zuckerrohrmühlen an die vergangene hohe Kultur dieses schönen, wenn auch heißen Erdenstreifens. Im Osten der Jordanseite hingegen, im sogenannten Transjordanien. wo sich jetzt zahlreiche Herden von Rindern und Schafen tummeln, da ist das eigentliche Getreideland Palästinas, dort könnten sich wie im Altertum unabsehbare Weizen- und Gerstenfelder erstrecken bis zum fernen Osten, wo jetzt die Hedjasbahn erbaut ist, die vielleicht schon in wenigen Jahren das heilige Mekka mit Konstantinopel verbinden wird. Östlich davon schiebt : l Aus einem unter diesem Tilel im Wiener .li'idischen Kolonisaüonsverein ge- Iwutenen Vortrag des Herrn Pro!'. (). War bürg. sich noch ein Gürtel Weideland ein zwischen dem Getreideland und der Wüste, teils für Rinder, teils für Schafe und Angoraziegen geeignet, jedoch ließe sich hier auch sehr lohnend die Zucht edler arabischer Pferde betreiben, ja selbst Straußenzucht dürfte dort in nicht zu ferner Zeit rentabel sein. Das jetzt hauptsächlich zum Getreidebau verwertete Land der Ebenen Zisjordaniens ist eigentlich zu wertvoll hierfür, das heißt nicht in Anbetracht der jetzigen Landpreise, sondern im Hinblick auf die bestmögliche Rentabilität, die aus dem Lande zu erzielen ist. Es ist eigentlich zum Gartenland prädestiniert, dort wird sich dereinst ein Orangenbaum an den anderen reihen, soweit es der Stand des Grundwassers erlaubt. Wo derselbe zu tief ist, werden Mandeln, Aprikosen, Rosinen, Feigen die Ebenen bedecken oder riesige Olivenhaine, welch letztere zwar erst spät Ernten geben, aber den langen Zinsverlust durch ihre wertvollen Erträge, durch die Zwischenkulturen und durch ihre alle anderen Fruchtbäume weit übertreffende Lebensdauer wieder ausgleichen. Geben doch die Ölbäume dort noch im Alter von 300 bis 400 Jahren Erträge, ja man kennt Exemplare, die über 1000 Jahre alt sein sollen. Daß die Erträge dieser Baumkulturen diejenigen des Getreidebaues weit übersteigen, ersehen Sie daraus, daß man augenblicklich bei Mandelbaumkultur mit 8 Prozent, bei Orangenpflanzungen mit 15 bis 20 Prozent Dividenden rechnet, im letzten Jahre haben selbst minderwertige Orangengärten 15 Prozent ergeben, Die Rentabilität der Olivenkultur läßt sich schwer berechnen, weil sie so langsam steigt; immerhin kann man in späteren Jahren eine Verzinsung des hineingesteckten Kapitals mit 10 bis 15 Prozent fast mit Bestimmtheit annehmen, ja selbst Verzinsungen mit 20 bis 30 Prozent sind nicht selten. Nur der Weinbau macht gegenwärtig eine Krisis durch, da die Kultur der Rebe im letzten Jahrzehnt in schnellerem Tempo ausgedehnt wurde, als der Zunahme des Absatzes entsprach. Manche Kolonisten ersetzen daher ihre Weinberge jetzt durch Mandel- und andere Kulturen. Die Gesamtmenge des in Palästina von den jüdischen Kolonien produzierten Weines, ca. 60000 hl, ist aber zu gering, als daß man ernste Befürchtungen für die Zukunft zu hegen braucht. Wenn erst die Weinbau treibenden jüdischen Kolonien ebenso wie die deutschen Dörfer daselbst ihre eigenen kleinen Keller haben werden und also unabhängig sind von den beiden Riesenkellern in Rischon le Zion und Zicron Jacob, die Baron Rothschild gebaut hat und die jetzt den Kolonisten übergeben worden sind, so wird sich schon der Absatz genügend heben, zumal ein Teil des Weines zu einem recht guten Kognak destilliert wird und ein anderer Teil jetzt, nach der in Ungarn üblichen Methode bereitet, als vollwertiger Tokayer in den Handel gelangt. Auch neuere Kulturen, wrie der Tabakbau, die Anpflanzung von Geranien, Erdnüssen usw., scheinen sich zu bewähren, ferner hofft man auch den früheren bedeutenden Baumwollbau des Landes wieder beleben zu können, und die Seidenkultur dürfte dereinst hier eine ebenso bedeutende Rolle spielen wie am Libanon, welches von Beirut allein für 22 Millionen Francs Seide jedes Jahr exportiert. Die Viehzucht ist, wie im ganzen Orient, noch sehr rückständig; was sich aber bei rationeller Wirtschaft machen läßt, das zeigen die Deutschen in Sarona bei Jaffa, die sehr gute Einkünfte vom Milchverkauf beziehen, und die gleiche Erfahrung macht ein deutscher Landwirt in Konstantinopel. Trotzdem das Unternehmen kaum ein Jahr besteht, ist die Milch schon so beliebt, daß bei weitem nicht das gewünschte Quantum geliefert werden kann und ein Schweizer Konsortium im Begriffe steht, ein großes Aktienunternehmen daraus zu machen. Wir haben bereits schon das große, aber in Palästina noch ziemlich brachliegende Feld der Industrie betreten. Großbetriebe gibt es bisher nur recht wenige in Palästina, außer den beiden großen Weinkellereien, vor allem eine von einer jüdischen Gesellschaft betriebene Ölfabrik in Lydda, eine gleichfalls in jüdischen Händen befindliche Maschinenfabrik, respektive größere Reparaturwerkstätte in Jaffa, eine Reihe Mahlmühlen, zum Teil auch von Juden geleitet, respektive ihnen gehörend, einige von Deutschen betriebene kleine Bierbrauereien, Seifenfabriken, eine Zementwarenfabrik, ferner sehr primitive, meist Arabern gehörendeWebereien, Töpfereien, Gerbereien, Färbereien. Jüdischerseits wird jetzt eine Spinnerei, Weberei und Seifenfabrik geplant. Man sieht, hier ist noch ein großes Feld vorhanden und die Entwicklung der benachbarten Stadt Beirut zeigt, daß sich auch in industrieller Beziehung im Orient, selbst unter der türkischen Herrschaft, noch vieles machen ließe. Was den Handel Palästinas anbetrifft, so ist er durchaus nicht unbedeutend. Import und Export beträgt je zirka 28 Millionen Francs

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