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Die Welt · 1907-01-04 · 1 (4.1.1907) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
1 (4.1.1907)
Date
1907-01-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DIE E|E ELT No. 1 kenner und Weltwanderer, die geborenen Gesetzgeber, Vermittler und Apostel, — das gärende, treibende, bewegliche Lebenselement. Die außenstehenden Beobachter scheinen die jüdisch e Seele #ar nicht zu kennen. Sie wissen dies und jenes von den Beschränkungen, von der Not der Zeit, vorn hungernden und frierenden Volke, von den Mühsalen und Qualen in den dichtbevölkerten Städten, von den Kämpfen und Sorgen um eine andere, bessere, gerechtere Gestaltung der Dinge. Hierin gipfelt ihr ganzes Wissen von der Lage der Dinge. Ja, sogar von alldem wissen sie auch nur blutwenig. Daß die Leiden und das berechtigte eigene Interesse bei der Freiheitsbewegung der Juden mitwirken,— unterliegt keinem Zweifel, aber der Hauptgrund liegt im jüdischen Intellektualismus, in der Eigenart des jüdischen Lernens, in der Regsamkeit des Empfindens. Die Juden sind eben ein anders geartetes Volk, enthusiastischer, empfänglicher für neue Ideen, vielleicht auch für Täuschungen, besorgen sogar oft zu eifrig fremde Geschäfte", — durchaus nicht aus egoistischen Motiven, wie die Herren Philanthropen annehmen, sondern zumeist rein-altruistisch, für das „Prinzip", für die „Idee", für die Gerechtigkeit. Pogromfeuer in Rumänien In keinem Lande Europas, — auch in Österreich und Rußland nicht, — herrscht ein so tiefeingewurzelter und boshafter Judenhaß, wie in Rumänien. Er geht durchs ganze Volk, beginnt oben bei der Regierung und endet beim letzten Knecht. Er ist wohlorganisiert, arbeitet durch viele Zeitungen und scheut keine List und keine Grausamkeit. Er ist ein stets anwendbares und nützliches Hilfsmittel für alles politische Strebertum, für alle Karrieristen der Gesellschaft. Minister und Beamte, Lehrer und Kaufleute bemühen sich, ihn stets neu anzufachen, um an dem Brande ihr Süppchen zu kochen. Das kleine, kulturarme rumänische Volk scheint seine ganze Kraft darauf verwendet zu haben — da es sonst nichts Eigenartiges hervorbringen kann — wenigstens den Antisemitismus zur nationalen Spezialität auszubilden. Wie sehr ihm das gelungen ist, wie blutig sich vor wenigen Jahren diese Spezialität auf den europäischen Bühnen präsentierte, das steht noch zu frisch in aller Juden Erinnerung, als daß das Gedächtnis daran erst aufgefrischt werden müßte. Seit den Massenaustreibungen von 1900 ist es, wenn möglich, noch schlimmer geworden. Ein kurzer Auszug aus einer Korrespondenz der „Frankfurter Zeitung" charakterisiert die Augenblicks- Situation. „Rumänien ist das Eldorado der Antisemiten. Keine Stimme erhebt sich da, um gegen sie aufzutreten. Minister, Universitäts- und sonstige Professoren, Politiker etc. alles macht in Antisemitismus. Ein sonst ganz guter Professor, der vielgenannte Herr Jorga, kämpft in verschiedenen Zeitschriften, die er herausgibt, in bekannter antisemitischer Manier. Herr Jorga — was anerkennenswert ist — bemüht sich nicht einmal, seinem Antisemitismus das bekannte wissenschaftliche Mäntelchen umzuhängen. Er führt den Kampf mit den bekannten Waffen des Radauantisemitismus, läßt an den Juden nicht ein gutes Haar, fordert offen deren Verfolgung und bedient sich einer Sprache, der sich ein gebildeter Mensch schämen müßte. Und mit diesen seinen Werken dringt Herr Jorga in die Schuljugend ein, unter der er sich die ineisten Anhänger um so leichter erwerben konnte, als die Lehrer seine Propaganda aufs wirksamste unterstützen uiad als sich im ganzen Lande kein Mann findet, der vorurteilslos und furchtlos genug wäre, um diesen gemeingefährlichen Treibereien entgegenzutreten. Ja die große liberale Partei unterstützt sie aufs wirksamste durch ihre offiziöse Presse, die von einem solch bornierten Antisemitismus ist, ds'lß man — würde man die hiesigen Politiker nicht kennen — befürchten müßte, das kommende liberale Regime könnte ein Plebwesches werden. Unter den Konservativen ist natürlich der Antisemitismus nicht geringer." Herrn Jorgas Agitation hat bald ihre bösen Früchte gezeitigt: In Crajova gab es Krawalle, die eine verzweifelte Ähnlichkeit mit den Pogrom-Vorläufern in Rußland haben. Die Juden Crajovas — es klingt mit Beziehung darauf, daß die Juden in Rumänien als „Fremde" behandelt werden, wie blutige Ironie, daß die erste Judenansiedlung in Crajova mindestens schon um das Jahr 1365 bestand, und daß es schon um 1700 daselbst eine große Judengemeinde gab — die armen Juden Crajovas können in den letzten Exzessen ein trauriges Jubiläum feiern: Es sind fast 25 Jahre her, seit sie einen echten, rechten Pogrom erlebten, mit Bomben, Plünderung, Synagogenbrand und Verwundeten. Diesmal aber ist die Sache allem Anscheine nach gefährlicher und nicht nur für die Juden Crajovas, sondern für alle Juden im Lande. Die rumänische Bestie ist gereizt durch den Blutgeruch, der aus dem benachbarten Russenreich hinüberdrang. „Wenn die antisemitische Hetze weiter geht", schreibt die „Frankfurter Zeitung", „und wenn geduldet wird, daß bezahlte agents provocateurs in der Mitte der Hauptstadt unter dem Vorwande, ein antisemitisches Blatt zu verschließen, zu Mord und Tod schlag auffordern, dürfte die Zukunft schlimme Ereignisse bringen". Hoffentlich erfüllen sich die Befürchtungen nicht. Aber die Situation ist jedenfalls bedrohlich genug, um die Aufmerksamkeit der europäischen Judenheit zu fordern. Es erscheiut hoch an der Zeit, daß sie ihre Stimme für die rumänischen Brüder erhebt. In halb sensa- Ein neues Projekt für auswandernde Juden fioneüer najD unklarer Form verkünden jüdische Zeitungen und manche Tagesblätter die Tatsache, daß die „Ito" genannte Jewish Territorial Organisation mit Unterstützung des bekannten amerikanischen Philantropen Jakob H. Schiff eine jüdische Ansiedelung in Texas begründen will. Da auch Fernerstehende über die Sache schon seit längerer Zeit mehr oder minder unterrichtet waren, müssen wir nicht die für nächste Zeit angekündigte Erklärung des Mr. Israel Zangwill über das Projekt abwarten, sondern glauben mit ziemlicher Sicherheit klarlegen zu können, um was es sich im Wesentlichen handelt. Bekanntlich besteht schon seit langen Jahren in den Vereinigten Staaten eine Bewegung unter den jüdischen Philanthropen, die darauf gerichtet ist, den Massenzustrorn der einwandernden Juden von New-York und anderen Großstädten abzulenken und eine „dispersion", eine Verteilung und Zerstreuung der Ankommenden auf den großen Flächenraum Amerikas sozusagen office-mäßig, auf administrativem Wege durchzuführen. Diesem Zwecke dienen mit größerem oder geringerem, meist geringerem Erfolge die sogenannten „removal committees". Zur Förderung dieser „dispersion" nun hat Herr Schiff eine halbe Million Dollars gestiftet, wie es heißt, unter der Bedingung, daß in Europa ein ähnlicher Betrag aufgebracht werde. Als taugliches Gebiet für eine solche Ablenkung wurde Texas in Betracht gezogen. Und die „Ito", hei(3t es, wird die Durchführung des Planes übernehmen. Es handelt sich also um keine Staatsgründung, keine autonome Siedlung, auch nicht einmal um eine systematische Kolonisation. Selbst zu letzterem Zwecke ist das in Betracht kommende Kapital viel zu geringfügig, es würde, — auch wenn die Ito nicht die schlimmen Erfahrungen Rothschilds oder der Ica machte, — kaum zur Installierung von 200 bis 300 vermögenslosen Familien reichen. Und zum zweiten ginge der Hauptzweck verloren, wenn man vermögende Leute zur Ansiedlung veranlaßte anstatt der armen, hilflosen Auswanderer, die eben als Ersatz für die für sie wertvollen Stützpunkte der jüdischen Gemeinschaft in Newyork bei der Ablenkung andere Stützen erhalten sollen, die aus dem Schiff-Fonds fließen müssen. Im ganzen also: ein Versuch, das Massige der jüdischen Auswanderung durch eine Abzweigung, durch eine neue Route einigermaßen zu beheben. Ob dieser Versuch lobenswert ist, — wie es die hochherzige Initiative des Herrn Schiff zweifellos ist, — läßt sich im voraus, ehe wir das System des geplanten Unternehmens kennen, nicht sagen. Das Mittel der „dispersion" ist jedenfalls nicht neu. Man könnte eine ganze Statistik der Bevölkerung suchenden Staaten Amerikas, derGrün-

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