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Die Welt · 1907-01-04 · 1 (4.1.1907) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
1 (4.1.1907)
Date
1907-01-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 1 DIE^KELT 5 ich sehe nicht die Notwendigkeit davon ein!" Jedenfalls wäre ein Mensch, der bei anderen über Zweck und Inhalt seines Lebens sich Rat holen würde, einer solchen Antwort würdig. Dasselbe kann man auch von einem Volkstum sagen. Hat das jüdische Volk wirklich eine Bestätigung seiner Daseinsberechtigung nötig? Und wenn auch alle sieben Weisen von Griechenland samt den einundsiebzig Greisen vom Synhedrion uns das Recht auf das nationale Sein und Streben absprächen — welchen Wert hätte das für uns? Grau ist jede Theorie, noch grauer — unser geschätzter, gewiß mit den besten Absichten erfüllter Berliner Kollege, der „Generalanzeiger", verzeihe uns diese ketzerische Meinung — die Enquete, die Sammlung von Gedankensplittern höflicher Menschen über das Tiefste und Stärkste, was ein Volk besitzt. Rußland Dem künftigen Historiker wird wahrscheinlich die gegenwärtige politische Situation als eine Kette von unlösbaren Widersprüchen erscheinen. In den inneren Beziehungen des Landes herrscht ein Chaos, in dem sich sogar ein Zeitgenosse nur mit Mühe zurechtfinden kann. Wenn man Vergangenheit und Gegenwart des Landes betrachtet, so erkennt man, daß das Freiheits-Manifest vom 17. Oktober weder mit der gegenwärtigen noch mit der vorangegangenen Politik der Regierung etwas Gemeinsames hat. Vielleicht werden uns Memoiren, gleich den Hohenloheschen, die psychologischen Motive erklären, von denen die maßgebenden Personen geleitet wurden, als sie im Oktober 1905 plötzlich Recht und Freiheit verkündeten. Jetzt aber müssen wir den Akt des Manifestes als eine Tatsache behandeln, über die nachzugrübeln umsoweniger hilft, je mehr sie zu der ganzen Politik der Regierung im Gegensatz steht. Die bureaukratische Reaktion umfängt immer weitere Kreise des inneren Lebens Rußlands. Aber zugleich — und das ist das Merkwürdige — strebt die Reaktion nach Verwirklichung der Idee der Volksvertretung. Ja, noch mehr: im Namen des Manifestes, unter Berufung auf den Freiheitsakt verstärkt sich die Reaktion mit jedem Tage. Darin besteht der größte innere Widerspruch. Als zweiter krasser Widerspruch repräsentiert sich die Politik des Kabinetts Stolypin. Auch hier werden „im Namen der Konstitution" Repressalien eingeführt, die der Idee der Freiheit geradezu Hohn sprechen und nur dazu dienen, die alte Ordnung zu befestigen. Zu gleicher Zeit wird die Organisation der „echt russischen Leute", welche die „Revolution zugunsten der Monarchie" auf ihre Fahne geschrieben hat und durchaus anti-konstitutionell ist, von der „konstitutionellen" Regierung unterstützt Nicht weniger widerspruchsvoll sind die Beziehungen zwischen der Regierung und dem „Vereine vom 17. Oktober". Seitdem der Verein durch seinen Führer Gutschkow erklärt hat, daß er die monarchistischen Vereine zu seinen Alliierten zählt, wurde es klar, daß der Verein sich endgültig auf den Boden der bureaukratischen Reaktion gestellt und dem Programme der Regierung angeschlossen hat. Plötzlich aber, (es geschah vor kurzem in Moskau auf dem Turnier der Oktobrist mit den Kadetten), erklärte Bobrischtchew- Puschkin im Namen des ganzen Vereines, „daß sie mit der gegenwärtigen Regierung nicht solidarisch seien". Worin sie mit der Regierung nicht solidarisch sein wollen? im konstitutionellen Programm", oder in der „monarchistischen Taktik?" Unnützes FragespieL . . Und so breitet sich dieser Nebel, diese erstickende Atmosphäre der Unsicherheit, über die ganze innere Politik Rußlands. Das beste Beispiel dafür bildet die" Behandlung der Judenfrage. Der Ministerrat hat die Judenfrage einer mehrmaligen Prüfung unterzogen. In der letzten Zeit widmete er ihr zwei volle Sitzungen. Bs wurde ein umfangreiches Material gesammelt und ein noch umfangreicheres Expose zusammengestellt. Aus den Archiven wurden die Arbeiten der Pahlenschen Kommission geholt, — aber die Judenfrage wurde wieder nicht gelöst. Man will ja auch nichts lösen. „Wenn man wissen könnte", sagte eine hochstehende Persönlichkeit, „wie die nächste Duma ausfallen wird, ob in ihr die linken oder die rechten Parteien das Übergewicht haben werden, dann wäre es anders. Da es aber bis jetzt noch vollständig unbestimmt ist, so wäre jede, wenn auch nur zeitweilige Veränderung der Gesetze für Juden gefährlich: denn werden die neuen Verordnungen liberal sein, so wird sie die rechte Duma abschaffen. Und wenn im Gegenteil diese Verordnungen zu wenig bieten werden, so werden sie der linken Duma nicht gefallen. Im übrigen wären solche Verordnungen gegenwärtig auch darum unzweckmäßig, weil sie den Juden einen nur geringen Nutzen bringen könnten." Und so hat der hochweise Ministerrat wieder einmal beschlossen, das gesammelte Material der Duma vorzulegen und ihr die Lösung der unglückseligen Judenfrage zu überlassen. Man sagt, daß der Zar, geleitet von Pobjedonoszews Geist, der größte Gegner jeder Reform auf dem Gebiete der Judenfrage sei. Es wird wohl stimmen. Die Juden aber haben aufgehört, nach oben zu sehen. Sie rüsten sich zu den Wahlen, zur Eroberung des Rechtes aus eigener Kraft. Die russischen Juden und die Freiheitsbewegung ^^j^11 Stellung mancher Phrasen einmal deutlich gesagt werden, daß die Juden in Rußland nicht nur, weil sie persönlich leiden, sondern auch, weil sie denken, — der freiheitlichen Bewegung so sehr zuneigen nud ihr dienen. Unsere Brüder in Rußland, unter den drückendsten Verhältnissen aufgewachsen, fortwährend im Kampf mit unerhörten Widerwärtigkeiten, suchen, so wie sie zu einigem Bewußtsein, zu reiflichem Denken kommen, soweit es nur in ihren Kräften steht, die wahrgenommenen Lücken in ihrem Wissen zu ergänzen, sparen die mühselig im Schweiße ihres Angesichtes erworbenen Groschen, kargen sich das bißchen der zur körperlichen Ruhe und Erholung bestimmten Zeit ab, um an ihrer geistigen Ausbildung zu arbeiten. Das ist das volkstümliche, traditionelle „Lernen". Man lernte früher Talmud, man lernte die mittelalterlichen Chlurah-Sepharhn, man lernte die Haskalah, und man „lernt" jetzt Marx. Man lernt. Geschult und gereift" in der Not des Lebens gehen Männer, Jünglinge und oft Kinder mit einem Ernste und einem Eifer ohnegleichen an das Lernen, an die Theorien; sie haben an sich — ein Geschenk ihrer nationalen Abstammung — ein leichteres Verständnis«, eine raschere Auffassungsgabe und rinden siel» bald überall zurecht. Sie durchstöbern alles von hüben und drüben, alles, was ihnen nur irgend zugänglich ist. Sie sind kein ergiebiges Material für eine autokratische Regierung, denn sie sind zur Kritik angelegt. Sie bilden sich über alles ein selbständiges Urteil und treten als selbstdenkende Männer im politischen Leben auf. Sie wissen, was sie sind, was sie sollen und was sie wollen. Sie denken, grübeln und philosophieren noch gar zu viel. Die meisten sind Autodidakten. Sie sind ganz anders geartet als die Groß- oder Kleinrussen. Die haben eine Masse, die das Denken erst zu lernen anfängt, —und einen mehr oder weniger „geordneten1' Mittelstand, liier existiert das Forschen und Lernen als allgemein-menschlicher Beruf nicht. Der Knabe, zum Jüngling herangereift, macht ein in wohleingeteilten Portionen genau präpariertes Studium durch. Hierauf wird ihm eine bestimmte Brottätigkeit zugewiesen, die ihm zu Gebote stehenden, freien Stunden werden oft nur darauf verwandt, Geld und Gesundheit loszuschlagen; dann bereitet er sich für das praktische Leben vor, das bißchen aus der Schulzeit angesammelte armselige Wissen wird, statt ergänzt und vervollständigt zu werden, zum großen Teil verschwitzt, •— und so ist (von den selbstverständlichen Ausnahmen abgesehen) — der gute Philister fix und fertig. Von Selbstdenken ist da nichts wahrzunehmen. Die dürftige Tageslektüre der Zensurblätter erspart das Selbstdenken, die Kenntnis fremder Sprachen ist selten, und man reist nicht viel. Unter den Juden ist das alles ganz anders. Sie sind die geborenen Denke!" und Lerner, die geborenen Kritiker, die geborenen Sprachen-

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