Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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es anhaltend, es zurücktreibend. Wenn es einen Schutz gibt, so kann er nur in uns liegen. Wir müssen in unserem eigenen Ich ein Bollwerk gegen alle wechselnden Geschicke, gegen alle wetterwendischen Launen der Jahre und Gezeiten errichten. An diesem Bollwerk, das unsere Väter hatten, haben alle Stürme der Jahrtausende fruchtlos gerüttelt. Es ist wahr, früher kämpfte man mit den Katapulten und Steinschleudern und Kreuzspeeren der brutalen Kraft, des kirchlichen Glaubens, heutzutage zieht man gegen uns die Mitrailleusen der Kultur oder der überfirnisten Barberei auf. Und was noch mehr ist — damals war „intra muros" alles wie ein Mann, fest, organisch aneinandergebunden, heute blicken sogar viele Kämpfer aus guten jüdischen Reihen sehnsuchtsvoll hinüber, — haben sie doch einen großen Teil ihrer Seele „extra muros" gelassen. Jetzt ist unser Halt schwerer, unser Kampf ein ungleicher. Aber für den wahrhaften Kämpfer ist das Schwere des Streites Reiz und Stärke zugleich. Und noch größere Kraft gibt ihm der Anblick der Mitkämpfer vor ihm, hinter ihm, neben ihm. Mut zum Kampfe wider alle Gewalten — das ist unser Wunsch zum neuen Jahre. Siegesgewiß den Blick durch alles Dunkel und Dämmern nach Osten gerichtet, — so wollen wir unsere zionistischen Scharen sehen. Unnütze Fragereien Ein bekannter englischer Denker sagte einmal, es sei für den Engländer charakteristisch, daß er über alle Dinge seine eigene Meinung zu haben müssen glaubt. Man frage einen Durchschnittsengländer, was er über das Problem der Marsbevölkerung denke, und man könne sicher sein, eine bestimmte Antwort auf die Frage zu bekommen. Das Gegenteil von diesem Alles wissenmüssen hat sich in den letzten Jahren in der Form der Enqueten ausgebildet. Wenn irgend eine Frage auftaucht, so halten es die meisten für ihre Schuldigkeit, vor allem die Meinung des anderen zu hören — und oft, sich darnach ein Urteil zu bilden. Ob es sich um tiefernste Probleme der Kunst, der Religion, des sozialen Lebens, oder um solche Nichtigkeiten wie'die Frage, ob die Sitte des Handkusses gut oder schlecht sei, handelt, sogleich sind Speiseträger der öffentlichen Meinung bei der Hand, Enqueten, Rundfragen zu veranstalten. Neulich ist auch die Judenfrage einer Enquete gewürdigt worden. Ein befreundetes Berliner Blatt hat es unternommen, bei allen dii maiores et minores in Deutschland anzufragen, was sie über das „Wesen der Judenfrage", über deren „Lösung" usw. denken. Bisher sind noch wenige Antworten veröffentlicht worden. Die wenigen — darunter eine von Ed. Bernstein — sind für uns leider ganz wertlos, sogar die von Bernstein. Alle die Antworten beweisen, daß im Grunde noch so wenig über die Judenfrage nachgedacht worden ist, daß die einzigen, die gewissermaßen eine ganze Anschauung in dieser Frage haben, die Antisemiten sind. Diese sagen klipp und klar: Wir wollen von den Juden nichts wissen. Ob sie nun, wie Chamberlain, ihren Judenhaß phüosophischrassentheoretisch deuten, oder ob sie ihn, wie die simpleren Kämpen des Antisemitismus, ökonomisch ableiten, immer haben sie ihre eigene Meinung in der Frage — und ihre Lösung. Nun aber kommen die Liberalen, die Leute, die weder Fisch noch Fleisch sind, und beginnen an der Frage herumzutüftein und herumzunesteln, sagen nicht ja und nicht nein, wollen keine Tiefen sehen, wo Abgründe klaffen, geben vor, Rosen zu schauen, wo einem Dorngestrüpp die Hände blutig reißt. In dieser Hinsicht ist auch die Antwort Bernsteins charakteristisch. Er schreibt: „Die Judenfrage ist meines Erachtens die Frage der vollen Einbürgerung der Angehörigen eines, als Einheit genommen, heimatlos gewordenen Volkes in das wirtschaftliche, politische und geistige Leben der Kulturvölker, unter denen sie Aufenthalt genommen. Da sich diese Völker auf verschiedener Kulturstufe befinden und eine verschieden geartete, einen verschiedenen Prozentsatz der Gesamtbevölkerung darstellende und unter verschiedenartigen Siedlungsverhältnissen lebende jüdische Bevölkerung haben, ist das Judenproblem auch heute noch nicht für alle Länder ein völlig gleiches Problem. Maßnahmen, die in einem relativ tiefstehenden Lande als zeitweilige Abhilfe für gewisse Mißstände wirken können, wie z. B. die Bildung von jüdischen Sondervertretungen politischer Natur, werden in vorgeschrittenen Ländern überflüssig und reaktionär. Denn die allgemeine Entwicklungstendenz der Kulturwelt geht zur Verwirklichung der vollen, bezw. allseitigen staatsbürgerlichen Gleichheit und alle, auf Abstammung gegründeten Sondervertretungen müssen früher oder später der Verwirklichung dieser Gleichheit Hemmnisse in den Weg stellen. In einem Lande, wo die staatsbürgerliche Gleichheit überhaupt noch nicht oder etwa nur in der formalen Gleichheit vor dem Gesetz besteht, kann eine administrative Autonomie jüdischer Gemeinden als solcher auf der Linie des Fortschritts liegen, sie ist aber keine „Lösung der Judenfrage". Von Lösung der Judenfrage kann nur dort die Rede sein, wo jede soziale Sonderstellung der Juden aufgehört hat. Es gibt hier nur eine Verschiedenheit der Erleichterungsmittel, nicht aber eine Verschiedenheit der Lösungen. Die Errichtung oder Wiedererrichtung eines eigenen jüdischen Staatswesens stößt auf unüberwindliche Schwierigkeiten. In Europa wäre sie erst dann möglich, wenn sie aufgehört hätte, notwendig zu sein; ein außerhalb Europas gegründetes jüdisches Gemeinwesen würde von der Masse der in Europa lebenden Juden nicht als ihr Stammland anerkannt werden. So wenig sich gegen die Organisation jüdischer Auswanderung aus Ländern einwenden läßt, in denen Juden in Siedlungsverhältnissen und Rechtszuständen leben, die ihnen eine wirtschaftliche und allgemeinkulturelle Hebung unmöglich machen, so vieles spricht gegen die Idee, solche Auswanderung mit dem Plan der Herstellung eines jüdischen Staates zu verquicken. Vor allen Dingen würde jede derartige Verquickung die Auswahl der geeignetsten Gegenden für die Auswanderung schädigen. Das Verkehrsleben der Gegenwart, wie es sich als naturgemäße Wirkung der modernen Produktionsentwicklung herausgebildet hat, hat zwar die bestehenden Nationalitätenunterschiede nicht aufgehoben, aber es hat doch zu einer fortschreitenden Verringerung der die Nationen trennenden Momente geführt. Immer dichter wird das Netz kommerzieller und geistiger Organisationen, die über die Grenzen der einzelnen Staaten hinweg die Kulturmenschheit verbinden. In einer solchen Epoche und im Angesicht einer solchen Kulturentwicklung kann die Lösung der Judenfrage nur in der Entnationalisierung der Juden als solcher bestehen. Weder in religiöser noch in allgemein kultureller Hinsicht kann das Judentum heute beanspruchen, noch eine besondere Mission für die Menschheit zu vertreten; es können nur Juden im Hinblick auf die Geschichte und die Leiden ihres Volkes die höchsten, allgemein menschlichen Kulturbestrebungen unterstützen. Das schließt selbstverständlich die Berechtigung von Vereinigungen für die Förderung der unterdrückten und zurückgebliebenen Elemente des Judentums nicht aus. Auch ist es selbstverständlich, daß die Freiheit des religiösen Bekenntnisses durch das Vorstehende nicht berührt wird. Es muß aber hinzugefügt werden, daß eine Religion oder religiöse Satzungen, die, statt allgemein menschlichen Bedürfnissen und Bestrebungen zu entsprechen, lediglich der Forterhaltung von Stammesabsonderlichkeiten dienen, für die die Voraussetzungen längst entschwunden sind — wie z. B. das Festhalten an einem besonderen wöchentlichen Ruhetag im Gegensatze zu dem heute an kein religiöses Bekenntnis mehr geknüpften Sonntag — die volle Einbürgerung der Juden in das wirtschaftliche, politische und geistige Leben der ihre Wirte bildenden Kulturvölker notr wendigerweise aufhalten, d. h. es zu keiner vollen Lösung der Judenfrage kommen lassen würde." Bernstein hat überhaupt den Liberalismus im Blut. Er ist auch im Sozialismus ein Ja- und zugleich Neinsagender. Er ist es auch in der Judenfrage. Er will Gegensätze versöhnen und sieht keine Probleme. ... Aber wir wollen mit ihm und allen zukünftigen Beantwortern der Enquete nicht diskutieren, und zwar aus prinzipiellen Gründen. Wenn ein Individium sich plötzlich an seine Freunde, Bekannte und Feinde mit der Frage wenden wollte, was sie eigentlich von der Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit seines Daseins hielten, so müßte es sich auf eine Antwort gefaßt machen, die ein Franzose auf eine ähnliche Versicherung gab: „Sie sagen ja, Sie müssen leben! Aber