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Die Welt · 1907-01-04 · 1 (4.1.1907) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
1 (4.1.1907)
Date
1907-01-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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he DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG a JAHRG. KÖLN, 4. Januar 1907 pTirfe rf?nn"ft PüD "<T No. 1. J Dl REVUE DER WOCHE □I DI . . Es ist nun einmal Sitte geworden in den „Blättern, die u|«hji v die Welt bedeuten", am Ende des Jahres noch einmal .5 -markanten Ereignisse Revue passieren zu lassen, die schon schwommene Vergangenheit der 365 Tage noch einmal aufzucken und das Geschehene, ehe es ganz entgleitet, in konzentrierte ,n zu fassen. Wir von der jüdischen Presse haben ja diese hdenkliche Beschäftigung der Retrospektive zweimal im Jahre °jsten. Wir haben zweimal Neujahr: Neujahr als Juden — und ,ahr als „Europäer", als „Menschen", die sich der Kulturangenschaft des Weltkalenders nicht entschlagen können. Und rufen wir in den goldigen Septembertagen: „L'schono towo!" & müssen als höfliche Leute am eisigen Januartag uns dem rpsjt Neujahr!" anschließen. \Wejnn wir also abermals anhalten, gedanklich einen Grenzstein tzend, -der zeitlich im Fluß der Dinge gar nicht besteht, — was i die Synthese unserer Erfahrungen, unserer Erwartungen, unserer /ünsche? Wir bewußten Juden haben ja eine bestimmte Methode er Geschichtsbetrachtung, einen sicheren Kompaß für die Richtung nserer Fahrt, — aber wird das jüdische Schiff inmitten der Stürme nd Wirbel, immer zwischen Scylla und Charybdis, auch seinen Kurs alten können? Kein Volk ist so schwer daran, so sehr äußern Gewalten, nlosen Zufällen preisgegeben, wie das unsere. Jedes Volk hat ,en Weg, sieht nicht nur mehr oder weniger klar die Richtung weiteren Bewegung, es weiß und fühlt mit angeborener Sicherdaß Überraschungen es nicht ganz aus der Bahn werfen können - daß jede Veränderung, jedes Ereignis, mag es auch noch so hwerwiegend sein, doch das Innere, Ewig-Bleibende im Volke cht von Grund aus umstürzen oder verwandeln kann. Denn auch ie Formen, mögen die Eingriffe von außen noch so jäh sein, wechseln nur allmählich, schrittweise. Sogar ein so erschüttertes 'taatswesen wie Rußland, das in unsäglicher Qual sich windet, lickt mit einer festen Hoffnung in die Zukunft. Mag die Form lese oder jene sein, das Wesentliche bleibt doch unversehrt: Den Anspruch auf das Sein wird kein Mensch dem Russen rauben. Nur unser Volk hat nicht einmal diese letzte, allerdings größte iewißheit. Unsicher, mit zur Gewohnheit gewordenen Zweifeln, rwartet es das Zukünftige. Wissen wir, ob unser Sein uns gewährt bleiben wird? Nicht bloß das Leben als Individuen — das aag ja in den Kulturstaaten gesichert sein —, aber das Leben des 'olkes als solches und unsere Existenz als Teile dieses Volkes, ils organische Elemente einer Gesamtheit? Die ihres Volkstums bewußt, selbst ihre Geschichte machen wollen, blicken tiefversonnen in die Zukunft. Die jüdische Voraussicht sucht von vornherein, um gewappneter zu sein, die neuen Schwierigkeiten zu entdecken, zu ahnen, die das künftige Jahr aufrichten kann — die Gefahren von außen und innen. Das Unbestimmte, das Unbekannte, die ans Chaotische grenzende Formlosigkeit der jüdischen Gegenwart werfen ihre Schatten auf die Zukunft. Und so oft, da wir schon glaubten, die Gestaltung unseres Wünschens und Strebens zu sehen, die Zukunft schon fest in den Händen zu haben, entgleitet uns ein Stück, und wir müssen neuen Rat suchen, neue Kraft. Es ist gut, daß wir wenigstens gelernt haben, die größte Gefahr, die des blinden Optimismus, zu bannen. Es gab eine Zeit, da wir, die zukunftwollenden, bewußt fordernden und strebenden Juden, geglaubt haben, wir ständen vor den Toren unseres Zieles. Wir wähnten, ein plötzlicher, fröhlich-starker Ruck werde genügen, um die große, amorphe Masse in Form und Bewegung zu bringen, aus den zerstreuten, widerspruchsvollen Teilen ein harmonisches Ganzes erstehen zu lassen. Aber der magische Zauberschlag kam nicht — und wir mußten die andere Arbeit lernen, die mühselige, langwierige des Bauens und Aneinanderfügens, Stück für Stück. Und mußten lernen, daß das Walten der dunklen Mächte um uns jeden Augenblick das Werk von Jahren zerstören oder untergraben kann. In dieser Hinsicht war gerade das letzte Jahr sehr lehrreich. Die Pogrome vom Oktober 1905, die ihre grausige Note in das folgende Jahr weiterschwingen ließen, die Massaker von Bjelostok, Siedlce, der ganze Jammer der Ungewißheit, die in Rußland zum Dauerzustand wurde, all diese desorganisierenden Ereignisse haben ihr übriges getan, die lockeren Massen noch mehr zu atomisieren, die Kräfte der jüdischen Bevölkerung noch weiter zu zersplittern. . . Wenn wir das verflossene Jahr Revue passieren lassen wollten, so würde uns unter einem bestimmten Gesichtswinkel — und nicht einmal sub specie aeterni — alles so wirr, so sinnlos erscheinen. Blutige, grausige Hekatomben sind gefallen — zwecklos. Hoffnungen sind wach geworden und mit der Morgenröte schon eingeschlafen. Und nicht einmal die Möglichkeit einer Prognose, wie es in jenem furchtbaren Wetterwinkel werden wird, hat uns das alte Jahr zurückgelassen. . . „Es ist ein pudelnärrisch Jahr gewesen, Gottlob, es ist zu Ende. . ." Es gibt für uns keine Sicherheit, kein festes Zeichen, daß das neue Jahr nicht wieder grausam in unser Räderwerk greifen wird,

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