Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 51 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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zum Teil trostlosen Zustand der Bevölkerung in Stadt und Land wirtschaftlich wie moralisch zu heben und einer allgemeinen Gesundung der Verhältnisse und Personen die Wege zu bahnen. Aber ist nicht der Entschluß, Handwerker des Bezalel zu werden, gleichbedeutend mit der Aufsichnahme des Cherem (Bannes), mit dem Verlust der Chalukah (des Almosens) und mit anderen Unzuträglichkeiten seitens der berufenen Religionsvertreter? So wird der Kenner der jüdisch-palästinischen Verhältnisse im Gedenken an die drei Bildungsschulen Jerusalems fragen. Diese werden von den fanatischen Rabbinern der Stadt immer aufs neue mit dem „Banne" belegt, und dessen empfindlichste Wirkung besteht eben in der Entziehung der Unterstützung, welche von den jüdischen Komitees Europas bezw. der Welt zur Verteilung an die Chachamim, die orthodoxen Rabbiner Jerusalems, gesandt wird. Aber als Tatsache steht fest, daß der Bezalel — im Unterschied z. B. auch von der eingangs erwähnten Alliance-Handwerkerschule — die einzige nicht mit dem Bann belegte Bildungsanstalt ist. Die Bezalelschüler empfangen also ihre Chalukah, obwohl die Rabbiner genau wissen, daß in "der Mal- und Modellierstube trotz des Gebotes 2. Mose 20, 4 auch nach lebenden Modellen gearbeitet wird. Alte Rabbiner besuchen die Anstalt und wünschen dem Unternehmen den Segen des Einzig-Einen. Hier bereitet sich also eine jüdische Kunst das Heim, wie sie bisher nicht existierte. Wohl gibt es jüdische Künstler, aber sie sind in der Regel durch den Gang ihres Studiums und die Andersartigkeit ihrer Objekte, oft unbewußt ihrem Volke und dessen Hoffnungen entfremdet. Hier reifen sie in ihrem alten Vaterlande auf dem Boden einer uralten geschichtlichen Tradition, umgeben von den leuchtendsten Erinnerungen ihres Volkes, umtönt von den Klängen und Melodien der heiligen Muttersprache, umringt von den lebensvollsten Modellen der Gegenwart und der durch den Spaten zu neuem Leben erwachenden Vergangenheit, umträumt von den Hoffnungen auf eine herrliche Zukunft, unter der Bläue des palästinischen Himmels heran, — sollte da nicht am Ende wie von selbst ein palästinischer Kunststil hervorvvachsen, der konkurrenzfähig auf den Weltmarkt tritt? Oder wird der jüdische Charakter den Absatz beeinträchtigen? Das läßt sich kaum annehmen; trägt doch schon heute so gut wie jeder Artikel in Olivenholz — und das sind die meisten — neben dem fünffachen Kreuz Gottfried von Bouillons in hebräischem Schriftaufdrucke den Namen Jerusalem. So stempeln der griechische Kaufmann und der armenische Händler, der arabische Tischler und der jüdische Hausierer ihre Waren. Diese hebräischen Zeichen sind mit ein Wahrzeichen des heiligen Landes geworden; das Wort, das sie umschließen, trägt so mancher, wenn auch nicht, wie der edle Menschenfreund Sir Moses Montefiore im Wappen, so doch im Herzen; und so mögen auch diese Zeilen beschlossen und abgestempelt sein mit dem Klang, der heute so hoffnungsfreudig ins Ohr klingt: „Jeruscholaim!" O O O O O O O j fr Viooooooojj AUS DER BEWEGUNG (foooooocP IU£ o o o o o Siebenter Delegiertentag des Niederländischen Zionistenbundes Die niederländischen Zionisten kamen am Sonntag. 16. Dezember, zu ihrem siebenten Delegiertentag zusammen. Die Versammlung war besser als je zuvor besucht und nahm einen überaus befriedigenden Verlauf. Einen ausführlichen Bericht über die Verhandlungen werden wir in der nächsten Nummer bringen. Holland Die Ortsgruppe Amsterdam versucht in dieser Wintersaison eine neue Art Propaganda. Sie veranstaltet neben der größeren Propaganda eine Reihe jüdisch-sozialer Versammlungen, von denen die zwei schon abgehaltenen einen glänzenden Erfolg hatten. In der ersten hielt Herr A. B. Kleerekoper, Redaktor in Amsterdam, eine philosophische Betrachtung über das Thema: „Der Zionismus, ein Programm oder eine Lebensanschauung?" Er betonte, unsere Bewegung sei nicht nur ein Plan, der von verschiedenen Leuten geteilt werden könne, deren Begriff von den großen Lebensdingen völlig auseinandergeht, sondern modernes Judentum sei die jüdische Seite der unendlichen Idee und das gemeinsame Leitmotiv für alles Leben und für alle Lebensäußerungen des geistlich evolutionierten Juden. Am 20. November hielt Herr Dr. phil. L. J. Ornstein einen Vortrag über: „Die Berufsverhältnisse bei den Juden." Er gab einen Gesamtüberblick über das Wesen der Berufsstatistik und behandelte dann speziell die Berufsgliederung der Juden, indem er warnte vor den falschen und judenfeindlichen Resultaten, welche die gewöhnliche Verwirrung absoluter und relativer Ziffern ergibt. Die beiden Versammlungen waren sehr gut besucht, namentlich von Zionisten, welche in dieser Weise einen tieferen Einblick gewinnen in die verschiedenen dem Zionismus nahestehenden Probleme. England Die Schekeltage wurden in England allerorts mit großer Begeisterung gefeiert. Aus allen Berichten geht hervor, daß die zionistische Bewegung in England machtvoll vorwärts schreitet und daß die inneren Verhältnisse der Organisation sich auch dort entschieden gestärkt haben*. Die größte Veranstaltung war die des Jewish Workingman- Club in London. Die große Halle war überfüllt, hunderte und aberhunderte mußten wegen Platzmangels umkehren. Den Vorsitz führte Herr Cowen, am Vorstandtische saßen die Herren Herbert Bentwich, L. J. Greenberg, Walter Nathan, M. Shire und Dr. Friedberger. Zahlreiche Telegramme und Begrüßungsschreiben waren eingelaufen, besonderen Enthusiasmus erweckte ein Schreiben Nordaus folgenden Inhaltes: „Die Verwirklichung der zionistischen Idee verlangt das Vorhandensein zweier Tatsachen, der Geneigtheit des Sultans und der Mächte auf der einen Seite, der Bereitschaft und der Bereitwilligkeit des jüdischen Volkes anderseits. Die erste Vorbedingung zu schaffen, hängt nicht von uns ab. Wir können zwar unsere Sache vor den Sultan und die Mächte bringen, aber wir können sie nicht zwingen, unsere Wünsche zu erfüllen und wir müssen uns daher in Geduld fassen bis zu einem Augenblick, der uns günstig ist. Aber die zweite Bedingung kann durch unsere Bemühungen. erfüllt werden und nur durch unsere. Wir können uns auf den historischen Moment vorbereiten, der früher oder später kommen wird und kommen muß. Wir müssen uns vorbereiten, und darum ist es unsere Pflieht, die zionistische Organisation und ihre Organe nach unseren besten Kräften zu unterstützen. Wenn der große Ruf erschallen wird: „Israel! Stehe auf!" müssen wir in der Lage sein, einer wie der andere antworten zu können: „Wohlan! Wir sind bereit!" Die Schekelsammlung schreitet gut vorwärts. Überall wird eifrig gearbeitet und wenn auch genaue Zahlen noch nicht vorliegen, so kann man doch aus allem ersehen, daß das Gesamtresultat sehr günstig sein wird. In Oxford hat sich eine zionistische Akademiker-Organisation gegründet, der mehr als die Hälfte aller zionistischen Studenten dort angehört. Aus Liverpool, Glasgow und Dublin kommen günstige Berichte, in Manchester ist man ebenfalls eifrig an der Arbeit. In Shanghai entfalten die Zionisten neuerdings eine gesteigerte Tätigkeit. Insbesondere wendet man dort seine Aufmerksamkeit dem Nationalfonds und den Arbeiten der Palästinakommission zu. Amerika Wie uns berichtet wird, ist das Mitglied des A.-C. Dr. Schemarjah Lewin vom Präsidenten der Vereinigten Staaten Roosevelt empfangen worden.