Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 51 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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14 DIE^KELT No. 51 Herkunft zum Präsidenten der Handelskammer erwählte. Dem Namen nach blieb er Jude, vielleicht weil die Taufe nicht gefordert wurde; er selbst äußerte später: weil die Taufe die Familienbande zerstöre. Als er heiratete, gab er dem Schwiegervater auf Verlangen das Versprechen, zeitlebens Jude zu bleiben; die Leistung einer gleichlautenden Garantie für seine Kinder lehnte er ab, da die Erfüllung eines solchen Versprechens nicht in seiner Macht stände. Sie blieben dem Judentum erhalten, .... weil der Vater den Weg zum Zionismus fand. . . . 1881 ist das bedeutungsvolle Jahr seiner jüdischen Wiedergeburt. Nach Europa zurückgekehrt, verblieb er zehn Jahre in Manchester und siedelte 1879 wieder in seine Heimatstadt Hamburg über. Das unfreie Deutschland stieß ihn ab. Die Entdeckung des ihm unbekannten Antisemitismus riß ihn aus seinen assimilatorischen Träumen, wie später Herzl. . . . Um dieselbe Zeit traf ihn der schwerste Schicksalsschlag, ein Schmerz, den er nie verwunden hat: er verlor seinen einzigen Sohn. In seiner Trauer zog er sich ganz auf sich selbst zurück und verbrachte mit Sinnen und Lesen einsame Wochen auf Norderney. Da fügte es der Zufall, daß ihm der Eliotsche Roman „Daniel Deronda" in die Hände fiel. Wie eine Offenbarung ging es ihm auf, pflegte er später zu sagen. Die in England genossene Freiheit, sie war, wie er jetzt im Zustande verfeinerter Seelenstimmung merkte, für den Juden mit dem Opfer der ureigenen Volkspersönlichkeit erkauft; und die Widerstände in Deutschland, sie sind keine zufälligen, sondern geschichtlich begründete. Die Assimilation sowohl wie der Judenhaß demoralisiert uns. „Es sind viele Völker des Altertums untergegangen, Phönizier, Trojaner, Assyrer, Hetiter und andere sind als Nationen verschwunden; aber ihr Name leuchtet noch in der Geschichte wie ein Stern. Man forscht nach ihren Spuren und ist beglückt, wenn unter tausendjährigem Schutt eine Reliquie aus der Zeit ihres Daseins zum Vorschein kommt. — Aber wir? — Verachtung, ja Widerwille heftet sich an unsern Namen. Von uns selbst bringen ihn viele nur zögernd und halbentschuldigend über die Lippen. — Soll dies eine Erinnerung sein, welche eine späte Nachwelt uns bewahrt?-- Nein, wir sind beschmutzt, und wir müssen wieder rein dastehen, der Name „Jude" muß wieder zu Ehren kommen, das starre, heroische Festhalten unserer Ahnen, trotz Schimpf und Knechtschaft, trotz Folter und Tod, muß seine Berechtigung finden! Dann erst gibt es keine Judenfrage mehr, sie ist auf ehrenhafte Weise „gelöst". „Es gibt nur einen Ausweg: nationale Wiederherstellung", und zwar im alten Stammeslande Palästina. Das schrieb der etwa 50jährige. in westeuropäischer Kultur aufgehende, welterfahrene und künstlerisch empfindende Gustav Cohen, ungefähr zu gleicher Zeit, als der osteuropäische Arzt Dr. Pinsker seine „Autoemanzipation" abfaßte; nur daß Cohen in bescheidener Zurückhaltung seine Aufzeichnungen nicht der Öffentlichkeit übergab und erst 10 Jahre später (1891) unter dem Titel: „Die Judenfrage und die Zukunft" als Manuskript drucken ließ. Die Broschüre, ein kleines Meisterwerk strenger Gedankenführung und flotter, formschöner Darstellungsweise, ist bis heute nicht im Buchhandel erschienen; der bescheidene Autor, der auch im Druck seinen Namen ungenannt ließ, verteilte sie unter seinen Freunden. Hier ist nicht der Ort, auf die Einzelheiten der Cohen sehen Grundauffassung des jüdischen Problems näher einzugehen; es wird für den Psychologen eine lohnende Aufgabe sein, die vier klassischen Originalarbeiten der zionistischen Geburtsepoche auf Übereinstimmung und Verschiedenheiten miteinander zu vergleichen. So viel ist gewiß, daß Cohen wie Herzl im letzten Grunde als künstlerisch veranlagte Kulturmenschen von der Schönheit der Idee und der subjektiv erfaßten psychischen Judennot ausgingen. Der Moment des wirtschaftlichen Judenelends überwiegt bei Heß und Pinsker. Den anfangs reinen Judenstaatlern Pinsker und Herzl stehen Heß und Cohen gegenüber, die vom ersten Augenblick an in der Erlangung Palästinas die selbstverständliche Voraussetzung für die Lösung der Judenfrage erblickten. Cohen war ein vorsichtig Tastender, das Recht jeder Persönlichkeit ängstlich Wahrender, kein Stürmer und Dränger; er war ein Gemisch von englischer Ruhe, deutscher Gründlichkeit, hellenischer Schönheitsliebe und jüdischer Gemütstiefe. Und noch eins: Cohen kannte, ähnlich wie Herzl, als der zionistische Gedanke in ihm erstand, die Masse der östlichen Juden und ihren Kulturwert nicht. Er lernte sie erst kennen, als die Scharen der jüdischen Flüchtlinge aus Rußland 1891 Hamburg passierten. Freimütig berichtet er in einem Nachwort zu seiner „Judenfrage" einige Irrtümer, und steht bewundernd vor der ungeahnten Volkskraft der östlichen Judenheit. Cohens Entwicklung ging vom spekulativen Zionsideal zum vollwertigen Nationalismus. Er begann als kluger Menschenfreund und endete als Jude. Das jüdische Volk darf um einen großen Sohn trauern. . . . Dr. Kalmus (Hamburg). Boris Schatz Warburg B. Sch. MAKKABÄERFEIERN (Ein kritischer Stoßseufzer) Es waren wieder einmal in der ganzen Welt Makkabäerfeiern. die Rubrik „Lokales" im Wochenblättchen mit einer zionistischen Es ist viel gesungen, geredet — und getanzt worden, man hat viel Note versehen. Der Nutzen ist unbestreitbar, viele, viele Leute haben Mühe und Geld verwendet (vielleicht verschwendet), und man hat an einer zionistischen Veranstaltung teilgenommen, an der Makka-