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Die Welt · 1906-12-21 · 51 (21.12.1906) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
51 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 51 -— - DIE3^ strebend, schafft dieser gute Hebraist manche chassidisch-philosophische Ideenassoziationen von dichterischer Weihe, mit jüdischer Verinnerlichung und Vertiefung. „Um etwas zu erkennen, was erkennen heißen darf, muß man es zuerst lieben und mit ihm sympathisieren." Dieses Wort Taines bewährt sich vollkommen mit Bezug auf den Chassidismus. Wir mögen seine Auswüchse und Verirrungen aufs schärfste brandmarken; aber wenn wir treue Hüter jüdischer Eigenart sein wollen, so müssen wir vor allem dafür sorgen, daß uns diese Eigenart unseres Volkes liebevoll vor Augen geführt wird. Und ein Teil dieser Eigenart ist doch der Chassidismus: eine Gemütswelt, die man nicht kennt, etwas Ätherisches, das kaum zu fassen ist, — ein genecktes und gefoltertes Problem, 'das der versöhnenden und verklärenden Lösung noch harrt. Hat Martin Buber in seinem Buche dieses Problem gelöst? Noch nicht. Noch so manche Arbeiten werden erforderlich sein, und noch so manche Berufene, Dichter, Volkskenner, Menschen, die den Chassidismus innerlich erlebt haben, werden an die Reihe kommen müssen, um diese „terra incognita" zu beleuchten. Aber eine gute, nützliche Leistung ist das Bubersche Buch. Vor allem hat Buber seinen Helden gut gewählt. Tatsächlich ragt Reb Nachman Kossower als einsame Bergspitze hervor über das Hügelland der Wunderrabbi-Dynastien. Ein Usurpator mit dem souveränen Subjektivismus einer in sich abgeschlossenen Individualität. Ein Stilisierte hebräische Zangwill gELT- --13 Mensch, der das elendste Leben lebte, aber erzählen konnte der! Tiefkeusch und zaghaft, — mit plötzlichen, kuriosen, oft recht revolutionären Gedankensprüngen — und Märchen, die einem förmlich den Atem benehmen. Ja, den möchte ich einmal gehört haben, wie er murmelte, und gesehen haben, wie der Kopf sich ihm tief auf die Brust neigte, — und den Augenaufschlag! Wie er tafelte (Kunstausdruck: Tisch führte), wo der Mensch ohne Umstände zum Menschen rückte, und wo man beseligt der leisen Thora lauschte, und wo man, dem sprühenden aphoristischen Blender folgend, durch magische Kreise taumelte. Den habe ich nicht gehört, jedoch kenne und empfinde ich die.Art, und ich muß sagen: Inwiefern es überhaupt möglich ist in einer europäischen Sprache, literarisch, für eine fremde Welt das stimmungsvolle Thorageflüster zu reproduzieren, — hat es Martin Buber zustande gebracht. Es sind Fäden, aber man wird sehen, wie sich diese bunten Fäden mit dem Dichten und Denken des Volkes verweben. Nun — und noch eins. Es ist auch dem Zeitempfinden adäquat. In modernistischem Gewand ist Reb Nachman Kossower fast ein Vorläufer eines Peter Hille. Ja, das hätte Reb Nachman wohl nicht ahnen können, aber oft berühren sich ganz fernliegende Stimmungswelten in ihren tiefen Grundlagen. Das ewig Menschliche. N. SOKOLOW Signette des Bezalel g^H—^ Ben Jehuda Gustav Q. Cohen ^"tf'T Am 10. Dezember 1906 ist ein Veteran des Zionismus dahingegangen, den die jüdische Geschichte als Künder der nationalen Volkserweckung in Dankbarkeit neben den großen Namen der Heß, Pinsker und Herzl nennen wird. Man kennt Gustav G. Cohen, aber nicht den vollen Wert seiner Persönlichkeit. Den kannten bis zu seinem Tode nur die, die zu seinem engeren Freundeskreise gehörten. Er war ein stiller, vornehmer. Denker mit reichentwickeltem Innenleben, eine zarte, •die rauhe Öffentlichkeit meidende Natur, die sich in fast schüchterner Bescheidenheit vom lauten politischen Kampfplatz fernhielt. Wer ihn je an der Seite seiner gleichgesinnten Frau in seinem Hamburger Patrizierhaus gesehen hat, wird den Reiz seines schlichten, heiteren, selbst im hohen Alter jugendfrischen Wesens nicht vergessen. Fernerstehende werden sich von den Kongressen her, die er sämtlich bis auf den fünften besuchte, seiner äußeren Erscheinung erinnern: des kleinen, aufrechten, beweglichen Mannes von englischem Äußern, mit den treuen Augen, dem freundlich-lächelnden Blick und den ungekünstelt-liebenswürdigen Umgangsformen. Er wirkte unermüdlich für die zionistische Sache, ohne je ein Amt zu bekleiden. Selbst auf die Rolle des Alterspräsidenten, die ihm bei Eröffnung des ersten Kongresses hätte zufallen müssen, ver zichtete er aus Bescheidenheit. Trotzdem übte er tiefgehenden Einfluß auf die Entwicklung der Bewegung. Er stand bis an sein Lebensende mit den Leitern des Zionismus in enger Fühlung. Sein klarer, im kaufmännischen Weltleben gereifter Blick, sein wissenschaftlich geschärftes Urteil, die in englischer Atmosphäre erworbene Schulung auf politischem Gebiete, die milde, streng-rechtliche Art seines Wesens, erfüllt von Liebe zu Kunst und Schönheit, — das gab eine Persönlichkeit ab, der sich ein Herzl wahlverwandt fühlte. Auf dem ersten Kongreß lernten sie sich kennen und blieben innige Freunde bis zum Ende. Seinem klugen, älteren Ratgeber unterbreitete Herzl das Konzept seiner Kongreßreden und änderte manches nach seinen Vorschlägen, wie Cohen in vertrautem Kreise später erzählte. Die von Cohen hinterlassenen Herzlbriefe gewähren tiefen Einblick in das Seelenleben unseres Meisters und enthüllen manches für die Geschichte der Bewegung wichtige Moment. Auch die letzten telegraphischen Äußerungen des sterbenden Herzl galten dem alten Hamburger Freund, zu dem er noch eine Reise plante. Wenige Tage darauf fuhr ich mit dem 74jährigen Cohen nach Wien zum Döblinger Friedhof.... Cohen war geborener Hamburger. Am 17. Februar 1830 kam er als Sohn eines Kaufmanns zur Welt; er erhielt Gymnasialbildung, wuchs in einer feingebildeten, vom Aufklärungsgeist erfüllten Familie auf, ohne mit jüdischer Art und Sitte bekannt zu werden. Trotz guter Begabung für Geschichte und Literatur studierte er aus äußern Gründen nicht, sondern ging mit 18 Jahren nach dem Cap und gelangte rasch als Großkaufmann zu Wohlstand und Ansehen. Er wurde Engländer, nicht nur durch formellen Erwerb der Staatszugehörigkeit, sondern mit seinem ganzen Sein und Denken. Er lebte zwanzig glückliche Jahre in englisch-christlicher Gesellschaft, genoß als Vollbürger die sozialen und ästhetischen Kulturfreuden inmitten eines freien Volkes. So war er bis zur Unkenntlichkeit assimiliert, wie später Herzl und so viele andere, die zur Entfaltung ihrer reichen Persönlichkeit aus dem engen Ghetto hinausstrebten. Auch sein Deutschtum hatte er restlos abgestreift, so daß die stockenglische Kolonie Port Elizabeth ihn in Anerkennung seiner Verdienste und Fähigkeiten schon in jungen Jahren trotz seiner deutschen

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