Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 51 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316238--48828-3343774- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
12 Maskil. Ich hielt ihn für einen gediegenen Hebraisten; Benzev's „Talmud L'schon Ivri" kannte er auswendig. Es schnitt mir ins Herz, als er eine häßliche Grimasse geschnitten hatte. „Wajikach— sagte er — ist a Pool Jotze, ein aktives Zeitwort; sich zusammennehmen ist nicht hebräisch: lokoach." Und die ganze Thora — fuhr er fort — ist Pschito (ein Truismus)! Ich schied von ihm und grollte dem herben zynischen „Litwok". Was kann so ein „Litwok" empfinden? Nichts über das Niveau seiner Konjugationen. Ich gelangte zu dem Schluß, daß man Thoras überhaupt nicht nacherzählen kann, -- höchstens einem Eingeweihten, denn es ist etwas Unmittelbares. Und nun liegt ein Buch vor mir: Die Erzählungen des Rabbi Nachman — von Martin Buber. Reb Nachman Kossower, der Likute Maharan — deutsch, modernistisch, nacherzählt! Ein schwer zu gestaltender, nach allen Seiten hin zersplitterter Stoff in aphoristischen Kristallen einer fremden Welt vorgeführt! Note-Noach würde sich im Grabe umdrehen, und ich hätte in jener kurzen Periode meiner Kinderjahre, in der ich in dem Gefühlskreis der Chassidim mitschwärmte, nicht ahnen können, daß es einem kalten, nüchternen, außenstehenden Ödipus möglich sei, an diese Sphinx heranzutreten. Ja, man kann viele Thoras hören, aber kann man sie empfinden, wenn man nicht Chassid gewesen ist? — — Muß man nicht in der Gemeinde der kritiklos absoluten Wunderrabbiverehrer gelebt haben? Muß es nicht dieselbe Sprache sein, nicht dieselben Molltöne, dieselben Gesten und dieselbe Dämmerung? — Dann kam das Maskilentum mit seinen Gärungen, mit seinem Rationalismus und mit seiner Romantik. Der Chassidismus war nun nicht mehr als ein Thema für die Satire Erters und Brandstätters, für den famosen Humor des M'gale Tmirin und für die polemische Verve David Kahanes und Gottlobers. Gegen Eleazar Cwajfel, der aus der Reihe getreten und in seinem „Scholom al Isroel" es versucht hat, zwischen Chassidismus und den freiesten Denkrichtungen Parallelen zu ziehen, zu kontrastieren und zu konfrontieren, erging man sich in wüsten Schmähungen. Es sind wirre Hirngespinste eines zweifelnden Raisonneurs, — sagte 'man, auf den Namen Cwajfel anspielend. Es war die Zeit der oberflächlichen Satire, die sich im „Haschachar" in gespreizten Produktionen gefiel. Alle hebraisierenden Spatzen pfiffen Parodien ä la „M'gale Trnirin". Die lächerliche Thronfolgerfrage in Stolin und der Jenukah-Hokuspokus war für die Feuilletonsnobs ein Fressen. Und zweifellos hat doch der Chassidismus Züge, die in Farce, in Karikatur stechen. Aber hat er nicht auch tiefe Seelenheimlichkeit, von echter Märchenstimmung durchweht? Hat er nicht Gemütswerte geschaffen? Und ist es nicht notwendig, seine Meistergestalten mit behutsamen Fingern wie aus dem Seidenpapier heranszuwickeln? Eine Flut von Erinnerungen steigt in mir auf beim Anblick des Buberschen Buches. Vor ungefähr 20 Jahren kam der arbeitstüchtige Schimon Dubnow nach Warschau. Er stand schon zu jener Zeit fest mit beiden Beinen auf dem Boden der russisch-jüdischen Literatur, obwohl er damals noch nicht der tiefehrliche, gediegene Historiker war, der er jetzt ist. Er sagte mir, er wolle in russischer Sprache die Geschichte des Chassidismus schreiben und sei auf der Suche nach Literatur. Er drang in die „Buchhandlungen" der Schlupfwinkel, stöberte in der Makulatur der „Packenträger" herum, fragte mich nach dieser und jener Broschüre, — und ich muß gestehen, das Unternehmen kam mir furchtbar komisch vor. Literatur über Chassidismus? Und dann werden in einem hochtrabenden Russisch die Phrasenkeulen geschwungen, eine genetisch-historische Methode angewandt, ein klapperdürres Gerüst von Namen zusammengezimmert, „Gesichtspunkte" aufgestellt, — und ein Werk pedantischer Gelehrsamkeit wird mir entgegen starren, mir oder jedem andern, der den Chassidismus unmittelbar, wie ein zart-lyrisches Erbeben, voll Herztümlichkeit, nicht ,.literatur"-getrübt, empfunden hatte? KE LT--- No. 51 Und was bedeutet überhaupt chassidische Literatur? Wird der „Noam Elimelech" in russischer Übersetzung es möglich machen, die traumhaft leisen Momente, die süß-schmerzlichen „Dweikus"- stimmungen des Rebbe-reb-Meilech nachzuempfinden, so wie wir sie empfunden haben, in atemloser Spannung, in jenem lauschigen Plätzchen, in Gerer „Stübel" in Lowicz, als sie uns Moischel Duwed's, der „gehoibener junger Mann", ganz „Seide", in ekstatischer Schmiegsamkeit zuzuflüstern pflegte? Der russische Rebbe-reb-Meilech, mit Geburtsdatum und sonstigen biographischen Notizen, mit pfeilgerader Richtungslinie, in den Bannkreis eines historischen Theorienmachers hineingezwängt — Gott! Wie wird er denn aussehen? Ja, — und auf Grund des „Noam Elimelech"! Er hat doch aber den „Noam Elimelech" nicht einmal geschrieben! Ein Rebbe schreibt ja überhaupt keine Bücher! Manche Gabaim, alte Chassidim, etwa Hofschranzen, registrieren zuweilen in beschaulicher Müdigkeit das Thorageflüster, das sich überhaupt nicht schreiben läßt. Ist doch die Feder zu schwerfällig! Victor Hugo sagt von der Musik: Ce qu'on ne peut dire et ce qu'on ne peut taire, la musique l'exprime. Und das ist auch Musik: ein Ton - unserer agadischen, zarten Davidsharfe, die beim allerleisesten Hauch erzittert . . . Und doch ist „Istorija Chassidisma" ein ernstes Buch geworden. An den Drähten einer gewissenhaften Forschung werden die Rebbes hin- und hergezogen, — in systematischen Zwangsjacken, im Lichte der Epochen, mit Rückblicken und Wertung der Zeitverhältnisse, breitem Vortragsstil, Professorenrussisch, mit manchem guten Kernwort. Ein Buch. Ich will auch den wissenschaftlichen Wert nicht taxieren, denn ich bin eigentlich kein wissenschaftlicher Taxator. Ich wäre eigentlich nicht imstande, so aus dem Stegreife zu sagen, in welchem Jahre der Rebbe-reb Meilech geboren wurde. Ich glaube, Moischel Duwed's in Lowicz weiß es auch nicht genau. Er würde es für belanglos halten. Ja — und vor vielen Jahren hat mir Berditschewsky ein Manuskript für den Ha-asyf zugesandt. Es wird aus Uman oder aus Mohilew gewesen sein. Über Reb Nachman Kossower, über denselben Reb Nachman, der jetzt von Buber in die deutsche Literatur eingeführt worden ist. Wirr und chaotisch war es — Berditschewskys vorhistorische Zeit, — aber gefühlsreich und stimmungsvoll. Micho-J.osef trank die Steppenluft des podolischen Chassidismus. Nicht Russisch mit Hörnern, [keine historische Gelehrsamkeit, — aber Gemüt. Es war noch nicht mein Chassidismus, aber ein Hauch, ein Schatten. Dann kam Leon Perez — mit seinen Talentauf Wallungen. Er verarbeitete chassidische Stoffe dichterisch. Es ist ein weiter Weg von Brandstätters ulkiger Situationskomik und Linetzkis platten Selbstverständlichkeiten bis zur wuchtigen Darstellungskraft der Perezschen Psychologie. Ein Beobachter mit Flammenaugen hat das Problem erfaßt. Es rauscht in den Bildern brausender Flügelschlag eines Geistes, eines schauenden Geistes, der nicht „nach dem Leben zeichnet", sondern sich in das Leben hineinbohrt. Und die Spuren der dekadentisch-symbolischen Gärung, der nervösen Überreiztheit, der Exzessivität des Empfindens, der grellen Farben und der zuweilen ganz dunkel werdenden Andeutungen, die paradoxalen Intermezzos, die dem alltäglichen Realismus zuwiderlaufen, daß man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, daß es unmöglich ist, toller die landläufige „Wirklichkeit" auf den Kopf zu stellen* — gehören eben zur Eigenart dieses bedeutenden Talents. Und ein Wortschatz, der in der Volkssage und im Volkslied wurzelt, steht Perez zu Gebote. Er kennt die Anspielungen und die Zitate und vermag die Phantasie mächtig anzuregen. Bedeutend näher sind wir an den Chassidismus literarisch herangerückt, — aber es fehlt noch vieles. Es eröffnen sich erst Aussichten. Auch Hilel Zeitlins Leistungen sind beachtenswert. Ein Lebensdenker, von Zeitproblemen durchwühlt, ehrlich-selbstquälerisch, in einem Turnier von Gedankenkontrasten und Gefühlseffekten nach einer tiefen Synthese