Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 51 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 51 DIE^ ELT 9 Und darum war das detaillierte Programm, das von der Konferenz angenommen wurde, eigentlich mehr ein Exempel als eine Richtschnur, mehr eine Energieentfaltung als eine politische Tat. . . . Vielleicht bietet das Leben bald die Gelegenheit, das Programm der Feuerprobe zu unterziehen, — und dann werden wir auch Gelegenheit haben, es auf die Schwächen hin zu prüfen. * * Die Konferenz hat den Weg des Zionismus mit einem neuen Meilenstein markiert. Keine auf Imponieren berechnete Versammlung war sie, aber eine lebensvolle — und zielweisende. Die iWassen? Aber worin und wo sind die Massen wirklich vertreten? Sind sie nicht vielleicht eine Fiktion? Vielleicht ist es immer der Einzelwille, der schafft und will und den Massen seinen Willen suggeriert?..... In den Reihen der Gäste wohnten der Konferenz zahlreiche Juden aus Helsingfors bei, Splitter des jüdischen Volkes, nach dem fernen Norden verschlagen. Es war für manche von ihnen vielleicht ein Novum, — diese Versammlung echter Juden. Und man konnte auf den Gesichtern dieser finnischen Juden Verwunderung und Bewunderung und schließlich Glauben lesen. Was uns Verwöhnten manchmal abgebraucht schien, war für sie eine Offenbarung. Sie glaubten an uns und an unsere Kraft. Und wenn wir in ihrem Auge die Sehnsucht lasen, mit uns eins zu sein, die Zuversicht, daß wir die Zukunft des jüdischen Volkes schmieden, wenn wir das Echo hörten, das unsere Worte in diesem weiten, felsig-eisigen Helsingfors hervorriefen, da konnten wir uns sagen: Unsere Arbeit ist nicht vergebens! Die Konferenz wollte eine Zukunftsprojektion geben. Sie hat ihre Arbeit redlich getan, wenn sie auch für vieles nur Umrisse zu geben vermochte. Es werden Meister kommen und aus den Farbentönen ein Bild, aus den Umrissen ein Kunstwerk schaffen. Die latente Energie des jüdischen Volkes wird sie hervorbringen. PETERSBURG. A. CORALNIK. Zur Abänderung des Organisationsstatuts von S. Kaplansky»KapIan Das am V. Kongreß zum Beschluß erhobene Organisationsstatut wird allgemein als reformbedürftig anerkannt. Das Verständnis für Organisationsfragen ist jedoch in zionistischen Kreisen nicht so verbreitet, wie es erwünscht wäre. So kommt es, daß auch die wenigen, die dieser wichtigen Frage ihre Aufmerksamkeit zuwenden, um Extreme pendeln. Manche legen eine( Scheu vor einschneidenden Abänderungen an den Tag; sogar die Beratungen in den Organisationskommissionen des Kongresses entbehren nicht einer gewissen Unsicherheit und Zaghaftigkeit. Nun tauchen anderseits wider Erwarten Abänderungsvorschläge auf, die an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig lassen. Gehen sie doch dahin, an die Wurzel der bisherigen Organisationsform des Zionismus, an die Schekelinstitution, die Axt zu legen. Der Schekel fließt nicht regelmäßig ein. Wird dem abgeholfen durch die Erhöhung dieses freiwilligen Beitrages? Das wäre das merkwürdigste Resultat einer Steuererhöhung! Die Folgen, glauben wir, können nur von Nachteil sein, da es vielen Zionisten unmöglich werden könnte, ihren Schekel einzuzahlen. Ist denn überhaupt der Schekel nicht ausreichend, um die Vollzugsorgane des Kongresses zu erhalten? In einer so schwierigen Zeit, wie es das vergangene Jahr gewesen, flössen in die Schekelkasse der russischen Landesmannschaft ca. 50 000 K. (19 000 Rbl.) ein. Hätte man in den anderen Landesorganisationen fleißig gesammelt und, was noch wichtiger ist, die Schekelsammlungen der Zentrale wirklich abgeführt, so müßte das Zentralbureau über hunderttausend Kronen Einnahmen haben. Damit könnten die notwendigen Ausgaben wohl bestritten werden. Nicht die Schekelinstitution hat sich nicht bewährt, sondern die Landesorganisationen haben versagt. Und an dieser Stelle muß man mit der Revision der Organisationsbestimmungen einsetzen. Sollte der Schekel noch so hoch sein, sollte er durch eine Verquickung mit den Landesbeiträgen indirekt erhöht werden, dem A. C. ist wenig geholfen, solange die Landesorganisationen die anmutige Eigenschaft besitzen, Schekelgelder für eigene Zwecke zu verwenden. Eine Erhöhung des Schekels (deren Unmöglichkeit übrigens bereits viele Teilnehmer dieser Diskussion von den verschiedensten Gesichtspunkten aus treffend auseinandersetzten) würde nur den von den Landesorganisationen unrechtmäßig zurückgehaltenen Teil entsprechend vergrößern. Reformbedürftig, wir wiederholen es, ist nicht der Schekel, sondern das Verhältnis der Gesamtorganisation des Kongresses zu den Einzelorganisationen der Länder. Wir sind keine grundsätzlichen Gegner einer Schekelerhöhung. Wir behaupten nicht, daß eine Krone (= 40 Kop.) die höchste zulässige Grenze der Steuerlast ist. Auch proletarische Zionisten könnten mehr beitragen. Nur ist das schon der Fall. Nehmen wir z. B. einen bürgerlichen Zionisten in Wien und einen in der „Jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Poale-Zion" Österreichs organisierten zionistischen Arbeiter. Letzterer ist verpflichtet der gewerkschaftlichen Organisation der Poale-Zion (Allg. jüd. Arb.-Verband Ö.) wenigstens 25 Heller wöchentlich, dann eine jährliche Parteisteuer von 5 (resp. 4) Kronen und 1 K. Schekel, somit 19 (bezw. 18t Kronen jährlich zu entrichten, von Nationalfonds-, Preßfonds-, Streikfonds- Sammlungen und Vereinsbeiträgen abgesehen. Dagegen hat ein Mitglied ebenda des Zionistischen Zentralvereins in Wien mit einem Beitrag von 4 (vier) Kronen allen seinen Verpflichtungen gegenüber dem Kongreß, dem Landeskomitee und dem Verein Geniige geleistet. Aus dem angeführten Beispiel ist zu ersehen, daß die Poale- Zion gegen eine gleichmäßige Erhöhung des Schekelbeitrages selbstredend Einspruch erheben müssen. Es ist aber aus diesem Beispiel auch ersichtlich, daß es ebenso ungerecht wie unpraktisch ist, von einem bürgerlichen Zionisten dieselbe Krone zu verlangen wie von einem Arbeiter. Eine progressive Einkommensteuer ist erwünscht, jedoch in einer freiwilligen Organisation undurchführbar. Es hat deshalb keinen Zweck, dieses Schlagwort in die Diskussion zu werfen. Aber es läßt sich wohl das Örganisationsstatut dahin abändern, daß die bis nun übliche Beitragshöhe als das Minimum bezeichnet wird. Es bleibt jeder Landes- oder Distriktsorganisation respektive jedem Einzelverein überlassen, dieses Minimum höher anzusetzen. Damit wäre aber die Reform der Schekelinstitution abgeschlossen. Nun müssen die Landesorganisationen an die Reihe kommen. Ihr Verhältnis zum A.-C. muß revidiert werden In dem Kongreßstatut herrscht in dieser Hinsicht eine heillose Verwechselung der Begriffe. So werden Föderationen mit deren Vollzugsausschüssen, den Landeskomitees, durcheinander geworfen. Die Kompetenzen zwischen Landeskomitee- und Aktionskomitee-Mitgliedern des betreffenden Landes sind nicht abgegrenzt. Der Kongreß vermied es sorgfältig, in die Organisationsfragen der Föderationen bestimmend oder regulierend einzugreifen. Dieser Vorgang ist aber ganz ungerechtfertigt angesichts der Tatsache, daß die Landesorganisationen in einer so wichtigen Frage, wie das Wahlrecht, es unterlassen haben, ihre Organisationsbestimmungen mit dem Kongreßstatut in Einklang zu bringen. In Amerika war bis vor kurzem das Wahlrecht zum Kongreß nicht einmal direkt,