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Die Welt · 1906-12-21 · 51 (21.12.1906) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
51 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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8 — DIE » hat die negative Seite der Diplomatie gezeigt. Es ist klargeworden, daß wir nur auf diesem Wege Palästina nicht erreichen werden und daß wir folgerichtig uns nach einem anderen umsehen müssen. Da brach der Widerstand los, der endlich zum Resultate des VII. Kongresses und schließlich auch zur Resolution der Helsingforser Konferenz betreffs Palästinas geführt hat. Der Zionismus ist aus diesen Wandlungen zu seinem Ursprung zurückgekehrt, — zur sogen. „Chibas-Zion". Dieses Wort ist in den letzten Jahren beinahe zum Spott- und Schimpfworte geworden. Es genügt, einen Zionisten als einen „verkappten Chowew-Zion" zu bezeichnen, um ihn gleichsam zu stigmatisieren. Es ist das Schicksal aller Parteien, aller Lehren, von ihren eigenen Kindern überwunden zu werden. Die Sozialdemokratie schaut mit mitleidigem Lächeln auf den vormarxistischen, „utopistischen" Sozialismus herab. Aber überwinden heißt ja nur weitergehen, nicht stehen bleiben. Wenn wir in unserem Falle die Chibas-Zion-Bewegung in ihrer Beziehung zum Zionismus betrachten, so sehen ' wir in diesem eine Weiterentwicklung, eine Ausbildung dessen, was dort nur Protoplasma war. Was wollte denn die Chibas-Zion anders als den Zionismus, als das Endziel unserer Politik. Sind denn nicht in diesem Punkte beide Wege von einander gar nicht entfernt? Woher nur der Gegensatz? Ich möchte sagen, daß der Gegensatz nur darin besteht, daß der Zionismus nur ungern sich in den sehr bescheidenen Formen der alten Bewegung wiedererkennt. Der Chowewe-Zionismus war eine Bewegung für wenige. Er wollte nicht die ganze Judenfrage lösen. Er wagte sich vielleicht nicht an die großen Probleme der jüdischen Existenz heran. Gewiß, Smolenski war ein Zionist in unserem Sinne des Wortes, obwohl er nur ein Chowew-Zion war# Aber die Mittel waren noch primitive. Es war keinö Bewegung, es wrar ein Traum. Was der Zionismus eigentlich geschaffen hat, war nicht die Idee — die war alt —, nicht der Wille zur Selbständigkeit, sondern die Organisation. Diesen mächtigen Faktor brachte der Zionismus ins jüdische Leben hinein, gerade in einer Zeit, da der alte Kitt, da das jüdische Volkstum zu schwinden begann. Der Zionismus hat die Volksmassen zu organisieren begonnen. Und nicht um sie zu „proletarisieren", wie der „Bund" es unternahm. Und nicht für fremde, allgemeine Zwecke, sondern für ihre eigenen Volksinteressen. für ihr großes Zukunftsziel. Der Zionismus hat die bereits geborstene Brücke zwischen Gestern und Morgen restauriert. Wenn nun die Chowewe-Zion vom alten Schlage, die Unverbesserlichen, kommen und ihre Methode der Einzeltätigkeit, der langsamen Polypenarbeit, der organisatorischen Tätigkeit der Zionisten aufbinden und diese dadurch lähmen wollen, dann ist die Entrüstung begreiflich. Denn durch die Methode der Chowewe-Zion, die die Judenfrage nicht als Ganzes betrachten, die nur eine Seite der Frage sehen, wäre wirklich jede große, schöpferische Arbeit lahmgelegt. Der Chowewe- Zionismus ist der Inhalt, aber der politische Zionismus ist die Form. Ebenso wie der „Charterismus" als solcher steril ist, da er uns zu einem fruchtlosen Abwarten verurteilt, da er den Kräften des Volkes jeden Ausgang versperrt, so ist der Chowewe-Zionismus an und für sich nicht mannigfaltig genug, um allen Bedürfnissen des jüdischen Lebens entsprechen zu können. Und „die Bedürfnisse deines Volkes sind groß" klagte man schon in den alten Zeiten. Die Rückkehr zum Chowewe-Zionismus wäre somit nur schädlich, weil jede Rückkehr zu einer überwundenen Idee nicht von Nutzen sein kann. Aber auch das Verharren auf der Forderung des unentwegten Charterismus wäre ein Rückschritt. Ich will nicht den Charterismus „wissenschaftlich" widerlegen, wie es manche taten. Davon hat man auf der Helsingforser Konferenz viel zu hören bekommen. Wenn man die Worte mancher allzugern philosophierenden Redner auf Treu und Glauben hinnehmen wollte, so müßte man annehmen, daß wie einst nach der Theorie der Phrenologie für jede noch so kleine Eigenschaft ein ganz spezieller Platz im Gehirne bereit liegt, es auch in der Soziologie für jede [E LT No. 51 Sorte von historischen Erscheinungen eigene, gleichsam speziell für diese gemachte „Gesetze" gibt. So hörte ich von „soziologischen Gesetzen" anläßlich der Charterfrage, anläßlich der Emigration, betreffs jeder angeschnittenen Frage der jüdischen Politik. Vielleicht gibt es solche „Gesetze". Aber mit „Gesetzen" kann man gar manches beweisen, und ich möchte den „Gesetzestreuen" nur ein Wort eines französischen Denkers über den Begriff der Kausalität der Gesetze sagen. „Eh bien", sagte er, „balayons la loi!" —. Aber wir lassen die Frage offen, ob der Charterismus „wissenschaftlich" begründet ist oder nicht, ob der „katastrophale" Zionismus, d. h. der Zionismus, der von den Katastrophen des jüdischen Lebens seinen Ausgangspunkt nimmt und auf eine Katastrophe als Erfüllungsmöglichkeit rechnet, oder der „synthetische Zionismus" recht hat. In soziologischen Fragen gibt es kejn festes Ja und kein kategorisches Nein, kein Muß, sondern ein Soll. Aber eines ist uns klar, daß der Zionismus in Hinsicht auf sein eigentliches Ziel nunmehr in ein richtiges Strombett eingelenkt hat und daß ihm dort die Entfaltung seiner Energie ermöglicht sein wird . . Aus der Theorie des „synthetischen Zionismus" deduzierten die Theoretiker der Konferenz auch die Notwendigkeit des Auftretens der zionistischen Partei auf dem Fechtboden der inneren russischen Politik als eigene Partei, „mit eigener Flagge" und eigener politischer Plattform. Dieser Ansicht stand die Meinung einer Minorität gegenüber, die den Zionismus von dem Kaiserwege der allgemeinen, alles verschlingenden Politik fernhalten wollten und für die Bildung einer eigenen politisch-jüdischen Partei, der „Volkspartei" eine Lanze brachen. Die Konferenz nahm die Resolution der „eigenen Flagge" an. Sie hatte ja insofern recht, als man keine zwei Parteien gründet, wenn man auch mit einer auskommen kann. Wenn man reich ist, kann man auch zwei und mehrere Häuser bauen. Aber wohnen kann man nur in einem Hause. Und da einmal die Zionisten in den politischen Strudel der Gegenwart hineinsteigen müssen, so ist es besser, daß sie es mit offenem Visier tun. Aber diejenigen, die im Zionismus etwas anderes sehen als einen Momentkampf, für den Augenblick berechnet, mit dem Augenblick vergehend, die die geschlängelten und gefährlichen Pfade der Politik kennen, sehen aus dem Beschluß eine Gefahr hervorlugen. Wo wird denn die Grenze zu ziehen sein zwischen der Politik im Namen des Zionismus und der Politik für den Zionismus? Und wenn die Politik sich breit macht, selbst Zweck und Mittel werdend? In dieser Erweiterung des Zionismus ist auch die Gefahr seines Sich-in-die-Weite-Verlierens geborgen. Der Beschluß der Konferenz ist jedoch nur eine Bestätigung, Sanktionierung des bereits Geschehenen. Die Zionisten stecken ja ohnehin bis über die Ohren in der innerrussischen Politik. Das Gegenteil wäre eine Unmöglichkeit, ja eine Absurdität. Der Zionismus ist eine Philosophie des jüdischen Lebens, aber „primum vivere, deinde philosophari". Man mag noch so sehr pessimistisch über die Zukunft der Juden in Rußland denken, der Kampf um diese Zukunft muß jeden Juden, der in Rußland wohnt, aufs lebhaftste interessieren. Wie soll aber der Kampf geartet sein? Welcher Kategorie der Anderswollenden in Rußland können sich die Juden oder vielmehr der organisierte Teil der Natinoaljuden, die Zionisten, anschließen? Ihrer eignen, — antwortete die Konferenz. Werden sie aber als selbständige politische Partei auch nur in der jüdischen Gasse stark genug sein? Wir werden es demnächst sehen. Es nahen bald die Wahlen für die Duma heran, und wir werden arn Waffengang sehen können, wem die erste Stelle im Judentum gebührt. Wenn nicht alle Zeichen trügen, so werden auch diesmal die Zionisten mit dem ersten Preis ausgehen. Und zwar nicht mit Hilfe ihrer politischen Plattform. Denn diese ist noch rudimentär, sie ist noch Theorie, noch reine Idee. Kein politisches Programm' ist wie der Meerschaum geboren, auf einmal in Vollkommenheit entstanden. Das Programm setzt eine durchgängige Demokratisation, eine gründliche Reform Rußlands voraus. Wann wird das kommen?

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