Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-12-21 · 51 (21.12.1906) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
51 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316238--48823-3343769
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 51 DIE ELT Wendung seiner Geschichte mit entscheiden sollte, erwarten würde, daß sie ein Areopag sein werde von erfahrenen, von Jahren gebleichten Männern, Führern des Volkes, von „Geronten", wie es einem solchen Momente geziemte, so würde eine seltsame Überraschung die Antwort auf die Erwartung sein. Es waren fast keine Alten da. An die Spitze trat diesmal die Jugend. Es ist eine alte Frage, die seit Plato diskutiert wurde, was dem Staatswesen, der Gemeinschaft zuträglicher sei, die Herrschaft des greisen Alters oder der kraftvollen, aber erlebnisarmen Jugend. Die Juden hatten seit jeher aus einer altangestammten, orientalischen Lebensanschauung heraus große Achtung vor den Alten. „Skenim" — das war ein gleichlautendes Wort mit Weisen, Leitern, Richtern. „Und Jünglinge werden dich leiten" — war einst ein Fluch, den ein erzürnter Prophet seinem Volke entgegenschleuderte. B hier nicht mehr den Zusammenhang des Alten mit dem Neuen, die Bodenständigkeit. Es ist keine spezifisch-jüdische Welt, mit ihrem geheimnisvollen Leuchten und Schillern, mit ihren in der weiten Ferne sich verlierenden und immer noch schwingenden Untertönen, die in diesen Worten lebt. Eine fremde Welt ist wie ein Keil eingedrungen, die autochthone verdrängend, entwurzelnd. . . Werden nun diese jungen Vorkämpfer des jüdischen Volkes, die eine neue Parole zu geben suchten, in die weißblaue Fahne einen roten Streifen hineinflechten, imstande sein, sich durchzusetzen, das Volk, die großen Massen zu führen und zum Ziele zu bringen? Es genügt nicht, das Banner entfaltet zu haben, man muß auch die Mannschaften zum Siege führen können. . . Hat der wichtige Moment auch die geeigneten Menschen gefunden? Und der Moment war wirklich bedeutungsvoll. Ein neues mn tiä&*r "x^* Prof. Boris Schatz im Kreise seiner Schüler. Und wenn wir jetzt das vollkommene Gegenteil dessen sehen, was bisher Volksanschauung war, wenn wir jetzt die bereits vollzogene Tatsache sehen, daß eben die Jugend die erste dominierende Stelle in der jüdischen Gasse eingenommen hat, stehen wir da vor einem Rätsel und fragen: Hat sich die Volksseele gewandelt, ist eine Umwertung der Lebenswerte eingetreten, oder ist die Stellung der jüdischen Jugend keine tiefgehende, keine im Volke wurzelnde? Wie dem auch sei, — die Konferenz von Helsingfors trug an sich den Stempel der Jugend mit allen Vorzügen, die ihr eigen sind, Aufrichtigkeit, Gefühlswärme, Glaube und Betätigungslust, mit allen Schwächen, die sie hat, Ungebundenheit, Übertreibung, Losgelöstheit von den realen Bedingungen, von Lebensmöglichkeiten. Und die jungen Delegierten, die sich versammelt haben, brachten mit sich die Stimmung der letzten Jahre, das Gärende, Nebelhafte, noch nicht Geformte. Die Ideologie der russischen Revolution wurde mitten in die altjüdische Kultur hineingetragen, — und die beiden Wege kreuzen einander, ohne ineinander überzugehen, ohne einander zu ergänzen. Der alte Ahasver würde sicherlich kopfschüttelnd und verständnislos den Worten mancher Redner lauschen. Man fühlt Wort ist in die zionistische Welt geworfen worden, eine neue Beleuchtung dem alten Programme gegeben. Die zwei Hauptpunkte der Konferenz waren die Revision des politischen Zionismus und die Stellungnahme zur inneren russischen Politik. Ich sage „Revision des politischen Zionismus", denn im Grunde bedeutet die zur Annahme gelangte Resolution über die Palästinaarbeit eine Absage an den rein-diplomatischen Zionismus alten Stils, an den sogenannten Charterismus. Nie hat dieser Glaube an die Erreichung des zionistischen Zieles, der Schaffung des Judenstaates in Palästina mit einem Schlage Anklang in den großen Massen gefunden. Und nicht etwa deshalb, weil die Massen am Werte der Diplomatie überhaupt zweifelten. Es war nur eine zu einfache Lösung der so verzweigten Judenfrage, ein zu prosaischer Ausgang einer unvergleichlichen Epoche. Die Werbung um das Land, die liebevolle Annäherung an die Ferne, der Traum und das Vorgefühl der kommenden Tage der Freude war das tiefe Motiv des zionistischen Credos. Und dieses ließ sich nicht in den Rahmen des diplomatischen Zionismus einspannen. Der Widerstand gegen den Charterismus, d. h. die Mechanisierung des Zionismus war immer stark. Erst der Uganda-Konflikt hat ihn zum Ausdruck gebracht. Denn Uganda 3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.