Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 51 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Zession und Charter konstruieren und demgemäß eine Umwälzung in unserer Anschauung über den politischen Zionismus nachweisen wollen. Dieser Gegensatz existiert nicht. Der Unterschied zwischen einem Charter und einer Konzession ist nur ein quantitativer und kein qualitativer. Die praktische Arbeit in Palästina ist auch nichts Neues für uns, ist kein Resultat einer inneren Krise. Es ist keine Umwälzung unserer Anschauung eingetreten. Wir wollen jetzt wie früher im Gegensatz zu den Kleinkolonisatoren in Palästina Rechte haben, um dort praktisch arbeiten zu können. Die Frage der Agrarbank und unserer polit;schen Repräsentanz müssen einer Kommission von Spezialisten zur Bearbeitung übergeben werden. Kitzes kritisiert die Tätigkeit des Informationsbureaus in Palästina, das noch unzulänglich sei. Alenikow: Ich halte die Kritik des Charterismus für verfehlt. Es ist ja nicht ausgeschlossen, daß wir in Palästina größere oder kleinere Konzessionen erlangen können. Somit wäre der Verzicht auf den Charter unzweckmäßig und unnötig. Wir sind zwar von der früheren Politik des Charterismus, die dahin geht, daß wir für die Türkei nichts ohne Gegenleistung tun dürfen, zurückgetreten, da wir praktische Arbeit in Palästina leisten wollen. Aber damit kehren wir noch nicht zur Chibas-Zion zurück. Es ist eigentümlich, daß manche den Charter sogar für etwas Schädliches und Gefährliches halten. Ich sage also, daß ich gegen die den Charterismus bekämpfenden Thesen Goldbergs bin. Goldberg antwortet seinen Opponenten, u. a. Weißenberg, dessen Befürchtungen über die Vorzeitigkeit der Agrarbank er als unbegründet zurückweist. Wir wollen ja eine Bank, mit einem türkischen Irade versehen, gründen. Und dies ist gar nicht so unmöglich. Es gibt bereits 52 solcher Gründungen in der Türkei. Wir müssen dafür streben, dieses Irade zu erlangen. Tschlenow verliest dann die von der Prüfungskommission redigierten Resolutionen über die praktische Arbeit in Palästina. Die erste Resolution, die den Passus enthielt: „daß die Untätigkeit in dieser Richtung (d. h. prakt. Arb. in Pah) in Erwartung des plötzlichen, einmaligen Aktes . . . schaden kann", erweckte stürmische Debatten, da viele in diesem Ausdrucke eine formelle Absage an den Charterismus erblickten. Um die Situation zu klären, sind von beiden Seiten Generalredner gewählt worden, und zwar Pasmanik, Grünbaum pro, Babkow, Goldstein contra. Die Debatten dauerten bis spät in die Nacht, ohne daß die Versammlung diese programmatische Frage vollständig erledigen konnte. Erst am nächsten III. Tage ist, nachdem die Prüfungskommission den inkriminierten Passus durch einen anderen ersetzte, die Resolution zur endgültigen Verlesung und einstimmigen Annahme gelangt. Die Resolution lautet: I. In Anerkennung dessen, daß die Stärkung unserer Positionen in Palästina nach allen Richtungen hin sowie die systematische Vorbereitung des Landes selbst für die ihm vorgezeichnete Bestimmung einer rechtlich-gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk laut dem Punkte I des Baseler Programms ein organisches, grundlegendes Element der politischen Auffassung des Zionismus ist, daß die abwartende Untätigkeit in dieser Hinsicht der Stabilität und der Fruchtbarkeit unserer Bewegung nachteilig werden könnte; daß ohne greifbare Erfolge in dieser Richtung unser Kampf auf politischdiplomatischem Boden der gebührenden Autorität und wirklichen Bedeutung entraten würde, — fordert die Konferenz in Übereinstimmung mit den Beschlüssen des VII. Kongresses von unsern Exekutivorganen eine der politischen Tätigkeit parallellaufende und dem politischen Charakter der Bewegung entsprechende unentwegte, planmäßige und energische Arbeit in Palästina. II. In Anerkennung dessen, daß die Kolonisation, die bereits in ihren ersten Stadien die Schaffung einer autonomen Gemeinschaft erstrebt, bewußt und planmäßig vor sich gehen muß, da nur auf diese Weise für die nachfolgende normale Masseneinwanderung ein Boden geschaffen werden kann, erkennt die Konferenz an, daß als Ziel der praktischen Arbeit in Palästina einerseits die Schaffung des für die natürliche, progressiv anwachsende Einwanderung der jüdischen Massen notwendigen Bedingungskomplexes, anderseits die Sicherung des Einflusses auf das kulturelle, wirtschaftliche und soziale Leben in Palästina für die jüdischen Massen erscheint. Auf Grund dessen schlägt die Konferenz den leitenden Organen folgende Maßnahmen vor: 1. Sowohl das systematische Studium des Landes wie auch die Leitung der unmittelbaren praktischen Arbeit in Palästina überhaupt muß in den Händen eines speziell dafür geschaffenen Instituts in Palästina selbst, unter der Führung und Aufsicht unserer Zentralorgane* konzentriert werden. 2. Unser Palästina-Institut muß angesichts der Entwicklung der Informationsarbeit diese Sache übernehmen und zentralisieren und nicht bloß ein Informationsorgan sein, sondern auch der Initiative von Einzelpersonen oder Gruppen, die ihre Arbeit oder ihr Kapital in Palästina verwenden wollen, an die Hand gehen. 3. Die Konferenz hält es für notwendig, dem A.-C. vorzuschlagen, für die Gründung einer besonderen Institution in Konstantinopel, die die Beseitigung der der Kolonisation Palästinas im Wege liegenden Hindernisse zur Aufgabe hätte, Sorge zu tragen. 4. Alle Versuche der Organisation in Palästina, jede Äußerung jüdischen Gemeinschaftslebens daselbst müssen gefördert werden unter Übernahme der Führung in dieser Sache. 5. Die Exekutivorgane des Kongresses müssen ihre besondere Aufmerksamkeit den Schulen in Palästina zuwenden. 6. Die Exekutivorgane des Kongresses müssen ein Netz von Institutionen gründen, die die Bedingungen der jüdischen Lohnarbeit in Palästina erleichtern würden, wobei die Organisationen der jüdischen Arbeiter in Palästina unterstützt werden müssen. 7. Die Konferenz erkennt die prinzipielle Wichtigkeit und die äußerste Notwendigkeit der Gründung einer Agrarbank oder einer analogen Institution für langjährigen Hypothekenkredit in Palästina und legt den leitenden Organen nahe, dem VIII. Kongreß einen ausgearbeiteten Plan dieser Gründung vorzulegen. 8. Die Konferenz hält die Schaffung einer unter der Leitung der Zentralen Palästinakommission stehenden Palästinakommission für notwendig und spricht den Wunsch aus, ähnliche Palästinakommissionen in allen Ländern, wo es bedeutende zionistische Organisationen gibt, gegründet zu sehen. 9. Die Konferenz unterstützt die Vorschläge Prof. Warburgs wegen der Unterstützung des „Bezalel", der Pflanzung von Ölbäumen und des Herzlwaldes, der Verbreitung von Aktien des Palästina-Industriesyndikats wie auch des Palästina-Pflanzungsvereins und legt der in Rußland zu gründenden Palästinakommission die Durchführung dieser. Vorschläge ans Herz. 10. Die Konferenz spricht dem Zentralbureau ihre Anerkennung für seine Initiative in der Schaffung einer periodischen Presse in Palästina aus und empfiehlt dem Zentralbureau, so bald als möglich an die Verwirklichung dieses Projekts zu schreiten. 11. Die Konferenz empfiehlt allen Gesinnungsgenossen, den Palästina-Schulfonds, der vom Odessaer Palästinakomitee gegründet wurde, materiell zu unterstützen. (SCHLUSS DES ZWEITEN TAGES) HELSINGFORS Ein kleiner Saal in einem kleinen finnischen Hotel. Die weiße, schneebedeckte Straße blickt ins Fenster hinein, und der schwere, dämmerungsvolle Himmel über dem Hause. Und im Saale eine weißblaue Fahne und das Bild des Formgebers des neuen Auferstehungsdranges des jüdischen Volkes, das zum Symbol der zionistischen Bewegung geworden ist, das Porträt Dr. Herzls. Und in diesen wenigen Tagen, da die Konferenz der Zionisten Rußlands in diesem Saale des Hotels Kaleva stattfand, war ein Stück jüdischer Seele, pulsierenden jüdischen Lebens in diese weite Fremde eingekehrt, ringend, suchend, sehnsuchtsvoll. Und wenn der Himmel früh sich wölkte, und wenn am dunkelnden Horizonte die funkelnden Sterne aufleuchteten, konnte man träumenden Sinnes das greise, schneeweiße Haupt des ewigen, immer müder werdenden Wanderers sehen, des alten Ahasvers, der für wenige Augenblicke seinen Stab in die gefrorene Erde Finnlands senkte und durch das Fenster lugte und lauschte, was seine Kinder über sein Schicksal beraten. . . Gegen 80 Männer saßen im Saal, Delegierte aus vielen Orten des weiten Rußlands. Männer? Wenn man von der Konferenz, die das Schicksal eines wetterharten, steinalten Volkes an der