Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 51 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316238--48820-3343766- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
und Djiftlik - Ländereien erreicht werden. Durch Schritte in Konstantinopel wäre eine Konzession in dieser Richtung zu erlangen. Das zweite Hindernis bildet das System der Abgaben in der Türkei, der sogen. Oscher, d.h. 121 s "/o von der Ernte. Die Praxis der türkischen Beamten hat diese Abgabe zu einer unerträglichen Last für die Ackerbauer gemacht. In Mazedonien hat der Sultan dank der Pression der europäischen Mächte ein neues Steuersystem, nämlich die Abgaben vom Dunam, eingeführt. Die Regierungssphären in Konstantinopel sind geneigt, dieses System auch auf die übrigen Gebiete der Türkei zu erstrecken, um ihre Abhängigkeit von Europa herabzumindern. Es wäre z. ß. möglich, den ganzen Oscher sämtlicher palästinensischen Kolonien zu pachten, womit den Kolonien eine Bürde genommen wäre. Aber dazu ist eine energische planmäßige Arbeit von sachkundigen Männern in Konstantinopel erforderlich. Der Mangel an diesen geeigneten Männern an Ort und Stelle hat uns offenbar bereits manche günstige Gelegenheit entgehen lassen. Wir müssen diplomatische Agenten in Konstantinopel haben. Und ich möchte der Konferenz folgende Resolution empfehlen: Es ist dem Engeren A.-C. vorzuschlagen, die Gründung einer Vertretung in Konstantinopei noch vor dem Kongreß vorzunehmen, sei es in der Form eines Agenten der Anglo-Palestine Bank oder eines Vertrauensmannes der Kolonisten oder in irgend einer anderen Form. Wir sagten aber, daß das Ziel der praktischen Arbeit in Palästina die Schaffung von normalen Bedingungen für die jüdische Tätigkeit in Palästina ist. Eine dieser Bedingungen ist die Schaffung eines Hypothekenkredits für Häuser- und Landkauf. Kein Land kann unter den jetzigen Verhältnissen ohne diese Institution gedeihen. In Rußland allein beträgt der Hypothekenkredit mehr als zwei Milliarden Rubel. Ägypten, das nächste Nachbarland Palästinas, das unter der Verwaltung der Engländer in der Modernisierung und Amelioration Riesenschritte gemacht hat, verdankt seinen Erfolg auf agrikulturellem Gebiete zum großen Teil der Einführung des Hypothekenkredits. Seit dem Jahre 1881 besteht dort eine Hypothekenbank mit einem Aktienkapital in der Höhe von 25 Millionen Frcs., die bereits für 183 Millionen Obligationen herausgab. Ihre Aktien, deren nomineller Wert 125 Frcs. ist, sind auf der Börse mit 710 Frcs. kotiert. Aus der Wichtigkeit des Hypothekenkredits ist die Bedeutung und die Notwendigkeit der Agrarbank von selbst evident. Und es ist im dringenden Interesse der zionistischen Organisation, prinzipiell die Notwendigkeit dieses Instituts anzuerkennen und den Vorschlag Prof. Warburgs, der dahin geht, eine spezielle Kommission aus Zionisten oder auch sonstigen russischen Juden 7ur Ausarbeitung des Planes der Realisation dieses unentbehrlichen Institutes zu ernennen, zu akzeptieren. Dieser Kommission würde das Studium der Möglichkeiten der Erlangung einer Konzession für die Gründung einer Agrarbank mit Hypothekenrecht unter den bestehenden Verhältnissen in der Türkei und auch der finanztechnischen Seiten der Frage obliegen. Die Gründung einer Agrarbank müßte auch von den westlichen sog. politischen Zionisten begrüßt werden, di es die Vereinigung praktischer Arbeit mit der politischen Aktion wäre, denn eine Agrarbank ohne die öffentlichrechtliche Sanktion seitens der türkischen Regierung ist undenkbar. Somit wäre jeder Einwurf der extremen politischen Zionisten im vorhinein entkräftet. Aber die Garantie für den Erfolg in Palästina liegt in der privaten Unternehmungslust. Je mehr Techniker, Ingenieure, Industrielle, die jetzt im Ansiedlungsrayon von einander zehren, ihre Arbeit und ihr Kapital in Palästina verwerten werden, desto rascher wird der Aufschwung des Landes vor sich gehen. Unsere Aufgabe in dieser Beziehung ist, die private Initiative zu stützen und zu fördern. Zu diesem Zwecke schlage ich die Gründung eines speziellen Informationsbureaus bei dem Zentralbureau in Rußland oder der Palästinakommission vor, das die Vermittlung von Informationen über Palästina übernehmen soll. Wir begrüßen auch jedes private Unternehmen, das in Palästina entsteht. Wir haben selbstverständlich auch kulturelle Aufgaben in Palästina zu erfüllen. Es wächst eine neue Generation heran, deren Erziehung uns am Herzen liegt Ich schließe mein Referat mit den Worten eines alten Palästinakenners und-Arbeiters: „Ich komme immer mehr zur Überzeugung, daß nicht äußere Umstände uns daran hindern, die Herren Palästinas zu werden, sondern das mangelnde Interesse für Zion in unserem Volke selbst." . . . Meine Freunde, unsere Sache hängt von uns selbst ab, wir können ihr zum Siege verhelfen, zeigen wir uns unserer historischen Aufgabe würdig! (Lebh. Beifall.) Debatten. Dr. Tschlenow macht im Anschluß an die Ausführungen des Referenten auf die konkreten Vorschläge Prof. Warburgs betreffs der Palästinaarbeit aufmerksam und drückt die Hoffnung aus, daß die Diskussion sich im Rahmen der realen und positiven Vorschläge bewegen wird. B reg man (zur Tagesordnung) regt an, das Referat Goldberg einem Ausschuß zu übergeben, der die Thesen formulieren und der Konferenz unterbreiten soll. Als erster griff in die Debatte Dr. D. Pas man ik ein. Er sagte: „Wir müssen unser Verhältnis zur praktischen Arbeit in Palästina und deren Platz innerhalb des Zionismus prinzipiell klären. Ich werde zuerst meine Resolution formulieren, die als Leitmotiv meiner ferneren Ausführungen dienen wird. Sie lautet: Angesichts dessen, daß jede Staatskolonisation planmäßig vor sich geht, daß der Zionismus ein Evolutionsprozeß ist und demgemäß eine planmäßige Staatskolonisation anstreben muß, beschließt der Parteitag, alle Mittel, inklusive derer des Nationalfonds, zur Erwerbung von Boden in Palästina zu benutzen, ferner die Notwendigkeit der Erlangung von Konzessionen in Palästina mittels Verhandlungen mit der türkischen Regierung, die Koordinierung der Arbeit in Palästina mit der übrigen zionistischen Tätigkeit, und zwar durch die Anerkennung der Palästinakommission als des integrierenden Teiles des A.C. — Und nun zur Motivierung meiner Resolution. Die Frage der praktischen Arbeit in Palästina wird im Westen unter einem anderen Gesichtspunkt behandelt als in Rußland. Im Westen gibt es in dieser Frage zwei Ansichten. Die eine ist die der Charteristen, die für die vorangehende Schaffung der öffentlichrechtlichen Garantien eintreten. Die anderen stehen auf dem Standpunkte des Evolutionscharakters des Zionismus. In Rußland sind die Meinungen in dieser Frage nach einer andern Richtung hin geteilt. Die einen halten die Palästinaarbeit nur für eine Form der Energieakkumulation in Rußland selbst, nur für einen Teil der Parteiarbeit, die andern steilen sie als das Grundmotiv der ganzen zionistischen Tätigkeit überhaupt hin . . . Nun zu den Charieristen. Der Begriff des Charters wird bei uns sehr unklar gehandhabt. Manche halten den Charter für eine nur quantitativ größere Konzession. Aber Charter und Konzession sind zwei qualitativ verschiedene Sachen. Eine Konzession ist bloß ein Vertrag zwischen zwei Parteien, ein Charter erfordert noch das Element der Garantie seitens einer dritten, nicht direkt beteiligten Partei. Wir können diesen Unterschied am besten am Beispiel der Borneo-Company veranschaulichen. Die Gesellschaft, die die Borneo-Company bildete, erlangte vom Sultan von Borneo Hoheitsrechte, also Recht über Leben und Tod der Einwohner der Insel. Jedoch trug der Vertrag zwischen der Company und dem Sultan den Charakter einer Konzession, bis sie durch die Sicherung der Garantie seitens der britischen Regierung zum Charter wurde. Also der Charter hat drei Parteien nötig, - die Kontrahenten und die garantierende Partei. Herzl hat vom Sultan bloß eine Konzession verlangt und keinen eigentlichen Charter. Konnte er denn anders? Können wir denn auf einen Charter in Palästina hoffen? Solange die Juden keine reale Macht in Palästina bilden werden, werden wir nie einen Charter, höchstens eine größere Konzession erlangen können. Infolgedessen müssen wir anerkennen, daß wir rastlos unsere Arbeit in Palästina fortsetzen müssen. Diese Arbeit in Palästina wird ihrerseits auch die Energie der in der Diaspora lebenden Juden beeinflussen. Diese Wechselwirkung führt uns zur zweiten von uns aufgeworfenen Frage: Ist die Palästinaarbeit Leitmqtiv oder nur ein Resultat? Die da meinen, daß sie nur ein Resultat, also etwas nicht direkt Gewolltes sei, sind inkonsequent. Sie reden von der allgemeinen Energieakkumulation in der Diaspora. Aber wo sind denn die Grenzen? Sie reden von der Theorie der Renaissance. Nein, das jüdische Volk befindet sich nicht im Stadium der Renaissance, sondern der Dekadence, es entartet. Wir können von einer Entwicklung in der Diaspora nicht reden, — und darum muß die Arbeit in Palästina Selbstzweck, Leitmotiv werden. Die Arbeit in der Diaspora kann nur als Schwungbrett dienen. . . . Ich habe von dem Notwendigen der planmäßigen Kolonisation gesprochen. Das will nicht sagen, daß wir eine künstliche Kolonisation eröffnen. Keine Kolonisation kann gedeihen, wenn sie nicht aus den Bedürfnissen des Volkes selbst entspringt. Ein Beispiel dafür ist die Kolonisation von Tunis. Die französische Regierung wandte alle Mittel an, um das Land von Franzosen besiedeln zu lassen, aber ihre Bemühungen führten zu nichts, da der Franzose kraft seiner wirtschaftlichen Lage zur Auswanderung nicht gezwungen ist; die italienische Regierung hat in dieser Sache keinen Finger gerührt, aber die italienischen Massen müssen auswandern, — und im Laufe von einigen Jahren ist Tunis von italienischen Siedlern überfüllt worden. Eine Kolonisationspolitik muß tatsächlich dahin gehen, „Bedingungen, nicht Dinge zu schaffen". Und darum kann es nicht unsere Aufgabe sein, einzelnen Immigranten in Palästina beizustehen, sondern die für die Einwanderung notwendigen Vorbedingungen zu schaffen. . . . Und