Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 50 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 50 DIE3E&ELT 15 modernes Wissen vereinigt darzubieten. Ich versäumte es, sie zu belehren, daß das Judentum und das moderne Wissen nicht im Gegensatz zu einander stehen, daß sie sich nicht ausschließen, sondern vielmehr vervollständigen, ergänzen. Ich tat es nicht. Im Gegenteil, ich zog sogar eine Scheidungslinie zwischen der Schule des Lebens und der Schule des Hauses. .So hatten sie alles im Kopfe, ihr Herz jedoch blieb leer. Das war der Hauptfehler in der Erziehung meiner Kinder .. . Und als sie mit Kenntnissen genügend ausgerüstet waren, schickte ich sie in die Hauptstadt, die Zentrale der Kultur und Zivilisation. Gehet hin, sprach ich, gehet hin und vervollkommnet euch und werdet zu Leuchten Israels . . . Und sie gingen hin — nein, sie gingen fort — fort von hier, fort vom Judentum." Hier stockte er. Die kleinen Chanukkahlichter flimmerten und tänzelten und schienen der Geschichte des Alten zu lauschen oder selbst manch ähnliches Geschichtchen zu erzählen. Traurig saß er in seinem Lehnstuhl. Er senkte seinen Blick zu Boden wie einer, der eine Sünde beichtet. „Nun," begann er wieder mit erregter Stimme, „Sie sind wohl neugierig, den Schluß der Geschichte zu hören. Der Schluß ist kurz. Zur Hälfte habe ich mein Werk vollbracht. Sie sind in der Hauptstadt wohl zu Leuchten, aber nicht zu ehrenwerten Juden geworden. Der eine ließ seine Kinder taufen, der zweite ist selbst getauft, und im Hause des dritten — traurig aber wahr — prangt in dieser Stunde, während ich die Chanukkahlichter zünde, der Weihnachtsbaum in strahlender Pracht. Zu Leuchten sind sie geworden : der eine ist eine Leuchte der Wissenschaft, der zweite eine Leuchte der Kunst, und der dritte ist groß in seinem Tun und edel in seinem Schaffen, — aber zu Leuchten Israels sind sie nicht geworden. Sie kennen das Judentum nicht. Sie sind ihm fremd . . . Chanukkahlichter! —- ------- Das ist die richtige Bezeichnung . . . Sie werden wohl wissen, wie man nach altem Brauch Chanukkahlichter zündet: an der Tür oder neben dem Fenster. Wir dürfen von ihrem Schimmer und Licht keinen Nutzen haben. Wir dürfen sie nicht zur Beleuchtung des Zimmers verwenden. Nicht ins Zimmer hinein, sondern auf die Straße hinaus sollen sie leuchten . . . Ja, das ist mein Los ... Ich zündete Chanukkahlichter an .. . Chanukkahlichter! ... In meinem Zimmer habe ich sie angezündet, und sie leuchten auf die Straße . . ." (?'• o o o o o o ^] rC ooooooojj AUS DER BEWEGUNG I Gustav G. Cohen — gestorben i Abermals haben wir unseren Gesinnungsgenossen eine tiefschmerzliche Mitteilung zu machen: Gustav G. Cohen, einer der ersten und begabtesten Vertreter des deutschen Zionismus, ist am 10. Dezember im 77. Lebensjahre zu Hamburg verschieden. Am Mittwoch fand unter . Beteilung aller Gesellschaftskreise der Stadt Hamburg die Beerdigung statt. Prof. Warburg, der Schwiegersohn des Verstorbenen, widmete im Trauerhause dem edlen Menschen und warmherzigen Zionisten einen tiefbewegten Nachruf. Am Grabe sprach im Namen des zionistischen Aktions-Komitees Rechtsanwalt Hantke. Die zionistische Ortsgruppe Hamburg veranstaltete zu Ehren Cohens eine Trauerversammlung.*) Auf die hervorragende zionistische Wirksamkeit des Verstorbenen, in dem auch die „Welt" einen treuen Mitarbeiter verliert, wollen wir in unserer nächsten Nummer zurückkommen. *) Die Hamburger Zionistische Ortsgruppe hat bei diesem traurigen Anlasse eine bemerkenswerte Anregung gegeben: In Anbetracht des Umstandes, daß Kranzspenden keiner jüdischen Sitte entsprechen, hat die Ortsgruppe alle die, die dem Verstorbenen ein Zeichen der Liebe widmen wollen, gebeten, zur Pflanzung eines Ölbaumgartens im Herzlwalde auf den Namen Gustav G. Cohen eine Geldspende beizusteuern. Mitteilungen der Palästinakomrnission An die Leiter der zionistischen Federationen! Sehr geehrte Herren! Laut den dem Endesunterzeichneten zugegangenen Mitteilungen will in Antwerpen eine Gruppe von Zionisten gemeinschaftlich einen Tausendmarkanteil des. Palästina-Industrie-Syndilcats, G. m. b. H., zeichnen. Ferner geht aus dem in der Novembernummer des „Israel Messenger" veröffentlichten Brief des Präsidenten der Shanghai Zionist Association, Herrn Jacques Blumenfeld hervor, daß sich die Shanghai Zionist Association am Syndikat mit einigen Anteilen als Verein zu beteiligen beabsichtigt. 6 s [fooooooo o o o o o o o Die hier angeführten Tatsachen zeugen am beredtesten davon, wie schnell sich das Verständnis für die Notwendigkeit der wirtschaftlichen Erschließung Palästinas überall und selbst in den entlegensten Stützpunkten unserer Organisation verbreitet. Die Verwirklichung der beiden Vorschläge stößt indes auf eine Schwierigkeit rein formeller Art, die darin besteht, daß Gruppen oder Vereine nach dem deutschen Gesetz keine juristische Person repräsentieren und sich deshalb als solche am Syndikat offiziell nicht beteiligen können. Diese juristische Schwierigkeit läßt sich indes leicht beseitigen: die betreffenden Gruppen oder Vereine brauchen nur einen Treuhänder zu ernennen, der für deren Rechnung den Gesamtbetrag des Tausendmarkanteils zu zeichnen und auch als der offizielle Teilnehmer am Syndikat zu gelten hat. Um auch die mit der Wahl von Treuhändern verbundenen Weitläufigkeiten leicht zu überwinden, wäre wohl das Allerrichtigste, wenn ein derartiger Verein (oder Gruppe) den Jewish Colonial Trust Ltd., London zu ihrem Treuhänder ernennt. Der Jewish Colonial Trust würde in diesem Falle als der juristische Gesellschafter des Syndikats figurieren und auch die Interessen der Besitzer der gedachten Kollektiv-Shares dem Syndikat gegenüber zu vertreten haben. >! : Sollte der Trust der Treuhänder zahlreicher Kollektivanteile werden, würde ihm dann wahrscheinlich auch ein Sitz im Aufsichtsrat des Syndikats gewährt werden. Vorliegende Anregung hält der Endesunterzeichnete für praktisch leicht durchführbar, weil es doch v oraussichtlich zahlreiche Ortsgruppen gibt, wo zehn oder zwanzig Mitglieder gemeinschaftlich einen Tausen dmarkantei 1 zeichnen können. Es wäre sehr erfreulich, wenn das Vorgehen der Antwerpener und Shanghaier Zionisten überall Nachahmung finden würde, denn es ist wohl jedermann klar, daß das Syndikat Großes leisten könnte, wenn ihm von Anbeginn an ein größeres Kapital, sagen wir dreihunderttausend Mark, zur Verfügung stünde. Auch braucht es wohl nicht erst hervorgehoben zu werden, daß, wenn es gelingen sollte, mit Hilfe der angeregten Kollektiv- Anteile das Syndikatskapital bedeutend zu erhöhen, das Syndikat selbst an seiner rein geschäftlichen Grundlage dadurch nichts eint