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Die Welt · 1906-12-14 · 50 (14.12.1906) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
50 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
– (sequence 12)
Language
German
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14 DIE 3§|E LT No. 50 immer dringender werdenden Forderung nach praktisch^ Palästinaarbeit mehr als je in den Vordergrund. Seine Zuflüsse aus dem Osten, sonst die reichste Quelle, sind versiegt und werden es bleiben, solange dort die Wirren und ihr Elend dauerriJ Umsomehr tritt an den Westen die Pflicht heran, durch eine gesteigerte und rastlose Regsamkeit jene Lücken auszufüllen, die der. Ausfall aus dem Osten dem N.-F. verursacht. Keine Mittel dürfen unsere Organisationen unversucht lassen, dieser Pflicht nachzukommen. Der Troppauer Verein „Jeschurun" hat nun das folgende als bewährt erprobt: er hat ein vornehm ausgestattetes, in Leder gebundenes, mit den Enblemen des Zionismus und N.-Fs. in Silberbeschlag versehenes Spendenbuch angeschafft. Dieses Buch erhält einen Aufruf, der nach Art der Sammelbogen eine kurze, aber lebendige Darstellung über den N.-F., seinen Zweck und seine Bedeutung für jeden Juden gibt, und von mehreren, möglichst allen Gesellschaftskreisen der Stadt angehörigen Mitgliedern des Vereines gefertigt ist. Dieses Buch wird bei allen freudigen und traurigen Anlässen in die betreffenden Häuser getragen und dort allen, bei diesen Anlässen sich versammelnden Besuchern sichtbar aufgelegt; die einfließenden Spenden werden in dem Buche ausgezeichnet. — Auf diese Weise werden nicht nur die für Spenden günstigen Gelegenheiten ausgenützt, und so besonders die begüterten Kreise zur Stärkung des N.-F. herangezogen, als auch eine diskrete, in diesen Kreisen umso wirksamere Agitation getrieben. Die bisherigen Erfolge in unserer Stadt sind so, daß wir allen Vereinen und Ortsgruppen einen gleichen Versuch aufs dringendste anempfehlen. Mit Zionsgrüßen! Hochachtungsvoll Dr. Fritz Ekstein. m □ □□□□ FEUILLETON □ □□□□□ SN O }°o Das Lied Heut ward mir ein helles Lied beschert. Wer das wohl brachte? Es saß des Morgens am Bettesrand Und summte und koste mir Wange und Hand Und lachte. Sie nahm gleich Herberg in meiner Brust, Die liebe Weise; Ich lausche versonnen in mich hinein Und fall' gar selbst mit der Stimme drein Ganz leise. Ganz leise, damit es das Lied nicht hört, Sonst blieb's nicht lange; Denn die Kehle ist rauh, und der Sinn ist verstört, Und das Herz, das Herz ist von Nächten beschwert Und bange . . . Drum führ' ich das Lied in den Sonnenschein Und will wohl schweigen. So bleibt es bei mir und macht mich gesund Und wird einst in einer köstlichen Stund' Mein eigen. Dann wahr' ich mir's treulich fürs Lichterfest Im Kerzenscheine, Wenn die Gasse erstrahlt und die Freude erblüht, Sing' ich euch, Brüder, das lachende Lied , Zum Weine. KRAKAU OTTO ABELES Chanukkah-Lichter Von Samuel Meiseis (Charlottenburg) In der Nähe des Fensters, wie es Brauch und Vorschrift ist, stand der achtarmige Chanukkahleuchter. Der Hausherr, ein ehrwürdiger Greis mit schneeweißem Haar, hatte soeben die grünen und" roten Kerzchen angezündet und summte den üblichen Gesang mit monotoner farbloser Stimme vor sich hin. Die matten Flämmchen bewegten sich leise. Er betrachtete sie mit inniger Rührung. Hierauf setzte er sich in seinen Lehnstuhl und befahl mir, Platz zu nehmen. Eine leichte Röte umspielte seine sonst so bleichen Wangen. Es war wie die Schamröte eines Alten, der sich einer Jugendsünde erinnert. Jedoch, er schämte sich nicht. Hatte er doch nach den besten Vorsätzen und Absichten gehandelt. Nur das richtige Verständnis für die Sache hatte ihm gefehlt. Deshalb erzielte er auch das Gegenteil von dem, was er erstrebte. Jetzt weiß er es, er hätte anders handeln müssen, anders handeln können, und es verdrießt ihn, daß er es früher nicht gewußt hatte. Das erregt sein Inneres, bringt sein Blut in Aufwallung und treibt es in sein von seelischen Leiden abgehärmtes Gesicht. Gestern begann er mir die Geschichte seiner Söhne zu erzählen, heute wollte er sie fortsetzen. „Meine Kinder," seufzte er; in diesem Seufzer lag der Weltschmerz eines zerrissenen Herzens. „Meine Kinder, sie sind mir, sie sind dem Judentum fremd. Ich selbst trage die Schuld. Ich habe sie mir, ich habe sie dem Judentum entfremdet." Als ich ihn unterbrechen wollte, machte er eine abwehrende Handbewegung. „In einer Stunde der weihevollen Stimmung", fuhr er in gedämpftem Tone fort, „tut es einem wohl, frei von der Leber weg alles reden zu können. Man sagt oft, das Alter ist geschwätzig. Aber denken Sie mal, man wird alt, man sammelt so viele Erfahrungen, man lernt so vieles auf diesem mühseligen Lebensweg . . . so vieles liegt auf der Brust... auf dem Herzen ... es übersprudelt ... es übersteigt... es muß heraus. Ja, prachtvolle Jungen waren es, Sie können es mir glauben, schön und wohlgestaltet, gesund und arbeitskräftig, recht liebliche Kinder, mit hellen Köpfen und einem aufgeweckten Verstand. Aber unwissend wie die Lämmer, wie alle andern gleich alten Jungen in unserm Fleckchen. Zwar waren sie gut erzogen, echt jüdisch, erzogen, wie ich es von meinem Vater gelernt; aber das, was man allgemeine Bildung nennt, ging ihnen gänzlich ab. Es waren gute Keime, es fehlte ihnen nur Luft und Sonnenwärme, um schöne Früchte tragen zu können. Es war ihnen zu eng bei mir. . . in diesem Neste ... Und ich sagte mir: sie sollen nicht verkümmern. Ich werde sie in luftigere und sonnigere Gegenden bringen. Dort werden sie blühen und gedeihen, dort werden sie zu tüchtigen Menschen, zv ehrenwerten Juden, zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft werden. Warum sollten sie denn nicht alles lernen, alle: wissen, fragte ich mich. Ja, sie sollen's. Wie sagt doch da Sprichwort: Wissen ist Schönheit, Wissen ist Macht. Dasselbesagt auch der weise Salomo, nur mit andern Worten. Und das stimmt auch. Also, ich ließ sie unterrichten. Ich sparte.von meinem täglichen Brot und zahlte einem Lehrer, der sie in allen Wissensfächern unterwies. Neue Welten tat er vor ihnen auf. Er erschloß ihnen den unversiegbaren Quell des Wissens, und sie schlürften aus diesem Quell, und ihre Augen wurden hell. Aber das war es eben, worin ich fehlgriff. Ich verstand es nicht, ihnen jüdische Weisheit und

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