Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-12-14 · 50 (14.12.1906) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
50 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316237--48804-3343749
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 50 - — - DIE] In der letzten Zeit reiftedas Bedürfnis nach einer ernsten Gegenwartsarbeit in Rußland selbst heran. Die russische Freiheitsbewegung stellte die russischen Zionisten vor eine schwierige Frage, da es ihnen schwer war, zu entscheiden, welcher Partei sie sich anschließen sollten. In dieser Beziehung waren die Zionisten ganz auf sich selbst angewiesen. Die russische Bewegung barg viele Gefahren der Assimilation. Unter diesen Bedingungen blieb dem Z.-B. nichts übrig, als die Führung in dieser Frage zu übernehmen. Die Tätigkeit des Z.-B. in dieser Hinsicht, die von den Vereinen gefördert war, ging dahin, die anderen politischen jüdischen Gesellschaften, wie den Gleichberechtigungsverband usw., zu nationalisieren. Es gelang auch, fünf von zwölf jüdischen Dumaabgeordneten, aus der Reihe der Zionisten zu wählen. Unsere fernere Tätigkeit wird von der Konferenz bestimmt werden. Wir regen die Gründung eines Wahlfonds an. In der Pogromangelegenheit entfaltete das Z.-B. eine rege Tätigkeit, sowohl in der Information und Agitation, als auch in der Erforschung der Pogrome, mit der Herr L. Motzkin betraut worden ist. Ebenso leitete das Z.-B. bedeutende Geldsammlungen zugunsten der Pogromopfer ein. Eine Summe von 1000 Pf. St. wurde vom Z.-B. zur Gründung einer ganzen Reihe von Informationsbureaus und sonstigen Einrichtungen, die dann auch von der Kölner Konferenz gutgeheißen wurden, bewilligt. II. Was die eigentliche administrative Tätigkeit des Z.-B. im Laufe des Berichtsjahres betrifft, so können wir folgendes hervorheben: Es fanden in Wilna oft Konferenzen der A.-C.-Mitglieder statt, die eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Organisation spielten. Die Tätigkeit des Z.-B. war jedoch durch die Dislokation der Rayonsvorsteher und wegen des Mangels an Agitatoren und Kontrolleuren der Vereine gehemmt. Es veranstaltete eine Vereins- Enquete, worauf 442 Antworten von den Vereinen eingelaufen waren. Diese Enquete gab ein ziemlich klares Bild des Zustandes der Partei. Ebenso dienten die Fragebogen zu einer Feststellung einer genauen Adressenliste der zionistischen Vereine. Auch sonstige zionistische Arbeiten, wie die Vorbereitungen zur Brüsseler Konferenz und zu den Schekeltagen während der Hagbalah-Tage die A'om engeren A.-C. angeregt worden sind. Der Kassaumsatz des Z.-B. vom 1. September 1905 bis zum 1. November 1906 betrug 54 243 R. 25 Kop. Das Berichtsjahr war eines der ärmsten an Schekeleingängen. Bis zum 1. November 1. J. (a. S.) liefen 14,519 R. 89 Kop. für Schekel und nach dem I. XI. 1500 R. ein. Ohne Bestimmung sind 512 R. 19 Kop. zugegangen. Somit kann man den gesamten Schekeleingang auf 17 000 R. berechnen. Er ist größer als der im VII. Kongreßjahr, aber geringer als in den vorangegangenen Jahren. Der mittlere Schekeleingang betrug für 8 Jahre über 33 000 R. (33 058.22), indem er zwischen 15 300 (VII. Jahr) und 62 013 R. 28 K. (VI. Jahr) schwankte. Die Nationalfondsgelder, die in diesem Jahre beim Z.-B. eingingen, waren viel bedeutender als vorher, so betrugen sie anstatt der 3—5 Tausend Rubel der früheren Jahre 21 018 R. 86 Kop. Selbstbesteuerungssumrnen liefen nur für 573 R. 94 K., für Aktien der J.-K.-B. und der A.-P.-B. 784 R. 35 K. ein. Das Z.-B. verfertigte 150 000 Schekelquittungen für das IX. Jahr, wovon bis zum 15. Juli d. J. 141 000 Quittungen verschickt wurden. Obwohl wir keine genauen Angaben über die Verwendung der Schekel hatten, nehmen wir an, daß die Zahl keine 100 000 übersteigt. Es lief Geld für 35 000 Schekel ein. Für das X. Kongreßjahr ließ das Z.-B. 150 000 Schekelquittungen drucken. Zwecks Erleichterung und Kontrolle der Nationalfondssammlungen, die nicht auf dem Wege der Markenverkäufe zustande gebracht werden, sind 15 000 Quittungsblocks verfertigt worden. Es sind bereits 1500 Blocks verschickt worden. Die Ausgaben für dieses Jahr betrugen 8016 R. 49 K. für die Rayonsausgaben, wobei die meisten Summen auf die Rayons des Südwestens (in den Rayons von Dr. Sapir und Scheinkin) entfielen, — was im Verhältnis zu dem VII. Jahre (10 264 R.) und zu dem VIII. (14 415 R.) ein Minderbetrag ist. Die Ausgaben für die schriftliche Agitation betrugen 4016 R. 13 K., was ein Mehrbetrag gegen die vorigen Jahre ist. Außerdem verausgabte das Z.-B. noch 6000 Rubel aus den besonderen, ihm zur Verfügung stehenden Summen. So kostete der Haushalt des Bureaus 3525 R. 76 K., die postalischen Ausgaben 1695 R. 36 K. usw. Summa — die Ausgaben übersteigen die Einnahmen um 6185 R., außer der Schuld von 3000 R. an Köln und einer Anleihe von 4203 R. Das Z.-B. schlägt der Konferenz vor, Mittel zu finden, dieses Defizit zu decken und das Zentrum überhaupt mit reichlicheren Mitteln zu versehen. An den Bericht des Zentralbureaus knüpften sich lebhafte Debatten. Als erster trat Herr Grünbaum (Warschau) auf. Er sagte u. a.: Unser Rayon, nämlich der von Polen, befand sich in einer eigentümlichen Situation. Wir hatten eigentlich bloß zwei Monate einen Rayonsvorsteher, da Herr N. Sokolow, unser RayonsgELT-- --n Vorsteher, seit längerer Zeit nicht mehr in Rußland wohnt. Die Fäden der Organisation in Polen waren somit unseren Händen entwunden. Das Bureau für die Organisation in Polen hat bei seiner Konstituierung die Verhältnisse innerhalb der Organisation in einem chaotischen Zustand vorgefunden. Und nirgends war die Krisis im Zionismus so sichtbar wie in Warschau und in Lodz, also in den Großstädten Polens. Früher hatten wir dort 9000 Schekelzahler, jetzt bloß 6000. In der Provinz hat die Krise keine Spuren hinterlassen. Wir -hatten einen Kampf mit den Territorialisten durchzumachen. Unsere Tätigkeit war eine vielseitige. Das erste Zirkular an die Vereine, das von unserem Bureau ausging, betraf die Frage der Gegenwartsarbeit, das zweite (in den Oktobertagen) formulierte unsere nationale Plattform. Das Bureau der zionistischen Organisation für Polen hat an den Wahlen für die erste Duma keinen Anteil genommen, denn die Stimmung des fortschrittlichen Teils der Gesellschaft war für den Boykott der Duma — und dieser Stimmung mußten wir Rechnung tragen. Die unlängst stattgehabte Konferenz der Vertreter der zionistischen Vereine des Gouvernements Pietrokow haben die national-politische Plattform akzeptiert. In dieser Hinsicht war also unsere Tätigkeit erfolgreich. Wirkonnten jedoch keine genügende Agitation entfalten, weil es uns an Mitteln mangelte. Aus e ben demselben Grunde und wegen der schweren Lage in der Organisation in Polen haben wir keine Konferenz der Zionisten von ganz Polen einberufen können. Bregman (Pinsk): Ich werde bei der Besprechung des! Berichtes des Z.-B. nicht das Z.-B.., sondern die Institution der Rayonsvorsteher selbst einer Kritik unterziehen. Ich weise darauf hin, daß manche unserer leitenden A. C.-Mitglieder Gegner der praktischen Arbeit in Palästina sind. Der Gang der zionistischen Arbeit wird oft dadurch gehemmt. Ich frage das A. C, was ist mit dem Beschluß des VII. Kongresses, daß die zwei russischen Mitglieder des e. A. C. nach Berlin übersiedeln werden. Man sagt uns, es sei kein Geld dazu da. Aber wenn man nicht arbeiten wird, wird auch kein Geld da sein. Man hat einfach den Beschluß nicht erfüllen wollen. Es fragt sich nun — wer war es, der die Hindernisse inden Weglegte? Eine Kontrolle der Politik des e. A. C. muß es geben. Die Kontrolle muß nach dem Kongreßbeschluß ausgeübt werden. . . . Wir sind jetzt in einer gefahrvollen Lage. Die Lage des Zionismus ist eine überaus schwierige. Noch schwieriger und trauriger zugleich ist aber die allgemeine Lage in Rußland. Man muß für den Zionismus arbeiten — das Zentralbureau in Wilna aber ist bloß eine Kanzlei, eben ein Bureau, das wohl registrieren, nicht schaffen kann. Die Konferenz muß die Aufhebung des Institutes der Rayonsvorsteher besorgen und ein neues Z.-B. gründen, das aus Männern zusammengesetzt wäre, die sich der Sache ganz widmen könnten. Ich möchte noch zum Schluß eine Anfrage an das Z.-B. wegen des in der „Welt" erschienenen Artikels von Kremenezky über die Nationalfondsgelder richten. Wie verhält es sich zu dieser taktlosen und desorganisierenden Kundgebung eines Mitgliedes des großen A. C? Dreisenstock (Lodz): Ich glaube nicht, daß die Ersetzung des Institutes der Rayonsvorsteher durch das Z.-B. von erheblichem Nutzen wäre. Das Wichtigste sind doch die nötigen, wirklich tauglichen Menschen. Die Frage ist nun die, wo die Ursache der Krise unserer Partei sei. Nicht die Revolution ist es und nicht die Pogrome. Der Grund liegt darin, daß die zionistische Bewegung sich noch vielfach im Stadium der Stimmungen befindet und das der Ideen noch nicht erreicht hat. Deshalb ist das Zielbewußtsein noch nicht stark genug, deshalb sind auch die Vereine und die Rayonsvorsteher nicht auf der Höhe. Man muß ein zionistisches" Bewußtsein schaffen — und das kann nur mittels' eines klaren Programms geschehen, eine klare Stellungnahme zur Befreiungsbewegung. Wir leiden unter der Überschätzung des territorialen Momentes. Alle Seiten der Bewegung müssen gleich wichtig sein. Babkow (Petersburg): Ich würde darauf hinweisen, dal.» unsere Debatten innerhalb gewisser Rahmen vor sich gehen müssen. Das Z.-B. hat alles getan, was es bei seinen Mitteln tun konnte. Da wir noch Gelegenheit haben werden, über die Fragen der Gegenwartspolitik zu sprechen, so halte ich die Aufrollung dieser Frage hier für unangebracht. Frau Lichtenstein (Warschau): Das A. C. sagt, es habe keine Mittel, es habe aus dem Grunde auch der Palästinakommission nicht das ihr zukommende Geld geben können. Aber das A. C. hätte sich an die Organisation um Geld wenden müssen. Das A. C. hat es nicht getan, folglich hat diese Frage, wie auch der von einem vorigen Redner erwähnte Beschluß des VII. Kongresses keinen Wert. Weder das Z.-B. noch das A. C. haben ein Informationsbureau für die Emigranten in Palästina eingerichtet. Kabarlitzki (Nikolajew) verlangt Aufklärung über die Frage nach dem gegenseitigen Verhältnis der Rayon Vorsteher zu einander. Ist Eintracht In ihrer Mitte oder nicht?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.