Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 50 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 50 DIE XEE LT mus gelegt hat. Durch die Aufdeckung der Tatsache, daß die jüdische Arbeit im Golus verdrängt wird, wies sie dem Proletariat den Weg zum Zionismus. Wir Zionisten der früheren Schulen, die nicht auf dem exklusiven materialistischen Standpunkte stehen, die die tausend Fäden sehen, die das Volk an seine historische Heimat binden, die Kulturgüter des Volkes schätzen, wir mußten uns von den proletarischen Zionisten bald abgrenzen. Viele gingen weg von uns, aber sie werden zu uns kommen. Vom Zionismus kamen sie, zum Zionismus werden sie zurückkehren. Und auch die Stellungnahme zu dieser Gruppe ist eine der Aufgaben dieser Konferenz. Die russische Revolution hat noch eine andere wichtige Frage gezeitigt. Sie hat unser Verhältnis zur „Gegenwartsarbeit" in der Diaspora radikal geändert. Die Zeit, wo für uns die Gegenwartsarbeit eine mit unserem Programm nicht organisch verbundene Arbeit war, wo unser Prinzip die Enthaltung in innerpolitischen Fragen sein konnte, ist vorüber. Das völkerreiche Rußland steht jetzt vor der höchst wichtigen, komplizierten Frage, der Schaffung der Bedingungen des friedlichen Zusammenlebens der verschiedenen Völker. Es ist eine ungeheuer schwere Aufgabe, besonders für uns, die das einzige Volk in Rußland, das in allen Fällen immer eine Minorität bilden wird. Aber sogar für uns ist eines unzweifelhaft: Die Stunde naht, da die russischen Juden von ihren Fesseln befreit und ihre Wunden, selbst heilen werden. Und der Wunden sind gar viele. Unsere Volks-„Wirtschaft" ist im denkbar kläglichsten Zustande. Wir müssen unser Geschick in unsere eigenen Hände nehmen. Und dazu brauchen wir Bürgerrechte und Volksrechte einerseits und eine Organisation anderseits. Für uns Zionisten Rußlands wird diese politische Tätigkeit, die auch in Österreich und in Deutschland ihre ersten Strahlungen zeigt, von besonderer Wichtigkeit sein, denn sie wird vielen unter uns Arbeit geben, die keine genügende Betätigung innerhalb unserer eigenen Rahmen finden. Es wird auch die höchst wichtige Frage der Organisation auftauchen, die bisher die schwache Seite unserer Partei ist. Das sind die Fragen, die die Konferenz zu lösen hat, das ist die Entwicklung, die der Zionismus durchgemacht hat. Er ist kompliziert geworden. Seine Aufgaben sind zahlreicher geworden. Das Leben hat manches zerstört, aber es gab uns eine unerschütterliche Basis. Versuchen wir auf dieser Konferenz noch >inen Stein zur Festigung unseres Gebäudes zu legen. Das Präsidium schlägt vor, eine Revisions- und eine Legitinationskommission zu wählen und auch eine Kommission zur Vor- )ereitung der der Konferenz vorzulegenden Resolutionen. In diese etztere Kommission sind u. a. die Herren Dr. Pasmanik, Aleinikow, Sprinzak und Itzkowitsch gewählt worden. Das Wort erhältW. Schab otin sky, der die Konferenz im Namen ■es Odessaer Palästinakomitees begrüßt. Er sagte: „Das Komitee, las mich bevollmächtigte, schickt der Konferenz seinen Gruß. Das Komitee, einer der ältesten Bannerträger der nationalen Idee, der Jebe für Palästina, schließt sich dem politischen Zionismus an. Jnwahr und erfunden sind die Gerüchte, daß es die zionistische )rganisation verdrängen will. Es ist nur ein Organ des Zionismus ■ ind vergißt nicht den ihm gebührenden Platz, und sein glückichster Augenblick wird der sein, der ihn im Kongreß sein Zentrum, -einen Führer wird anerkennen lassen." Es werden ferner die zahlreichen eingelaufenen Begrüßungstelegramme vorgelesen, worauf Herr B. Goldberg im Namen des Z.-B. der russischen Zionisten über dessen Tätigkeit berichtete, wobei er ausdrücklich hervorhob, daß in diesem Bericht keine Übersicht der Lage des Zionismus in Rußland enthalten sei, da diese noch nicht genügend erforscht wäre. Rechenschaftsbericht des Zentralbureaus der zionistischen Organisation in Rußland Im Eingang seines Berichtes an die III. allrussische Zionistenkonferenz für den Zeitraum vom Oktober 1905 bis Oktober 1906 hält das Zentralbureau es für seine Pflicht, darauf hinzuweisen, daß die Tätigkeit des Bureaus von der der allgemein-zionistischen Organisation getrennt zu betrachten sei. Trotz der gegenseitigen Beziehungen, die zwischen den beiden bestehen, sind wir weit entfernt davon, die verdienstvollen Leistungen der Vereine und der einzelnen Parteigenossen auf unsere Rechnung zu setzen, glauben aber auch zugleich, die Verantwortlichkeit für die Mängel der Tätigkeit der Vereine und einzelnen Personen ablehnen zu müssen. Da wir aus später zu bezeichnenden Gründen nicht in der,Lage sind, einen vollständigen Rechenschaftsbericht über den Stand der zionistischen Bewegung in Rußland vorzulegen, werden wir nur auf die eigentliche Tätigkeit des Zentralbureaus eingehen. Dieses ganz eigenartige Institut ist vom Kollegium der russischen Mitglieder des großen A.C. ms Leben gerufen worden. Das Kollegium beschloß nämlich in der Sitzung vom 2,-3. August 1905 in Basel folgendes: 1. Das Finanzzentrum aus Kiew nach Wilna zu überführen und mit der Verwaltung desselben Herrn J. Goldberg zu betrauen. 2. In Wilna ein Bureau zu gründen, bestehend aus Dr. Sch. Lewin, J. Goldberg, S. Rosenbaum (Minsk) und B. Jaffe (Grodno) und einem besoldeten Sekretär, wobei es den Herren Dr. Sch. Lewin, Dr. E. Tschlenow (Moskau) und den übrigen Bureaumitgliedern zur Pflicht gemacht wurde, monatliche Rundschreiben informativ-agitatorischen Charakters für die Vereine abzufassen, Proklamationen zu veröffentlichen usw. Mit der Abfassung der Rundschreiben in polnischer Sprache für Polen wurde das Warschauer Komitee beauftragt. 3. Herrn B. Jaffe in Grodno die Leitung des Informationsbureaus für die Rayonsvorsteher zu übertragen. Wenn man nun von dem kurzlebigen Landeskomitee, das seinerzeit am VI. Kongresse gegründet wurde und aus den Herren Kohan- Bernstein, Temkin, Ussischkin, Jakobson und Sapir bestand, absieht, so ist das Zentralbureau eine ganz neue Institution, die unter sehr ungünstigen Umständen geschaffen wurde. Seine Aufgaben und Funktionen waren, mit Ausnahme der Verpflichtung, Rundschreiben zu erlassen, ganz unbestimmt. Ebensowenig war sein Verhältnis zu den Rayonsvorstehern und den Vereinen bestimmt. Das Kollegium der Rayonsvorsteher gab ihm keine allzugroße Vollmachten — Beweis, daß die Abfassung der Rundschreiben unter die Kontrolle Dr. Tschlenows gestellt wurde. Später wurde ein Kollegium von Konsulenten gegründet, bestehend aus den Herren Idelsohn, Tschlenow, Ussischkin und Kohan-Bernstein, an die sich das Zentralbureau bei jeder mehr oder wenig wichtigen prinzipiellen Frage um Weisungen wenden mußte. In der Wirklichkeit aber hatten weder die Oberaufsicht Dr. Tschlenows, noch die Ratschläge der Konsulenten eine wesentliche Bedeutung. Die durch die Verhältnisse geschaffenen Beziehungen zwischen den Vereinen und dem Zentralbureau, eine Reihe von unaufschiebbaren Fragen, deren Lösung durch den Mangel an Personen erschwert war, das Nachlassen der Tätigkeit der Rayonsvorsteher brachten es bald mit sich, daß die gesamte zentrale zionistische Arbeit durch eine Reihe der Beschlüsse der Rayonsvorsteher dem Zentralbureau auferlegt wurde. Die Sachlage erforderte bald auch die Zusammenkunft der dritten Konferenz der russischen Mitglieder des A.-C, die auch im Januar d. J. in Wilna stattfand. Diese Konferenz, nahm folgende Beschlüsse an: a) Es wird anerkannt, daß für die gesamte zionistische Organisation in Rußland ein Zentrum notwendig ist, das wie zuvor in Wilna bleiben muß; b) dieses Zentrum bekommt den Namen „Zentralbureau der zionistischen Organisation in Rußland"; c) dem Zentralbureau liegt die Arbeit der Agitation, Organisation, Information und Finanzverwaltung ob. Ebenso wird dem Z.-B. die Durchführung der Direktiven, die von den Konferenzen der Rayonsvorsteher betreffend der Fragen der „Gegenwartspolitik" in Rußland ausgearbeitet worden sind, übertragen. Als Mitglieder des Z.-B. sind im November 1905 Herr B. Goldberg, im April 1906 Dr. J. Lurje, und endlich auf Grund des Beschlusses der russischen A.-C.-Mitgiieder auf der Jahreskonferenz in Köln die Herren J. Brutzkus, W. Schabotinsky und L. Jaffe kooptiert worden. Es erwies sich aber bald, daß die Übertragung der Aufgaben viel leichter war als die Ausführung. Das Finanzzentrum in der Person Dr. Mandelstamms hat dem neuen Zentrum keine Geldsummen und auch keine Adressenliste abgeliefert. Die Vereine haben trotz der vielfachen Mahnung überhaupt keine Schekelgelder geschickt. Somit mußte das Z.-B. eine Arbeit leisten, ohne die notwendigste Vorbedingung zu haben — nämlich Geld. Und gerade Geld war notwendig. Die zionistische Organisation, die seit dem unglückseligen Ugandaprojekt und der nachfolgenden Streitigkeiten zerrüttet war, wurde ncch von einer Reihe neuer Schläge getroffen. Die Pogrome,- die politische Verfolgung und deren Folge., die allgemeine gedrückte Stimmung, die Auswanderung vieler tätiger Arbeiter, der Übergang mancher in andere Lager und die Ablenkung der allgemeinen Arbeit zur allgemeinen russischen Politik — dies alles brachte unsere Reihen gänzlich ins Schwanken. Hierzu kam noch der Umstand, daß die meisten Elemente der Partei, die sich den Bedingungen der konspirativen Geheimarbeit angepaßt haben, der allgemeinen Partei gänzlich entfremdet wurden oder auf eigene Faust handelten, ohne sich an die Weisung der allgemeinen Zentrums zu halten, und ihren eigenen Organen folgten. Allgemeine Zionisten blieben nur diejenigen, die nur in einer legalen Partei arbeiten können und wollen. Unsere Organisation v^ar jedoch nicht gesetzlich anerkannt. Wenn es im „vorkonstitutionellen" Rußland möglich war, auch ohne Legalisierung gefahrlos zu arbeiten, so ist im „konstitutionellen" Rußland mit seinen Vereinsgesetzen einerseits und dem Zustand des außerordentlichen Schutzes und der gouvernementalen Verordnungen anderseits eine solche Arbeit fast ganz unmöglich geworden. Aus diesen Gründen lösten sich die meisten Vereine, mit Ausnahme der geheimen, auf, die Verbindung der Rayonsvorsteher mit den Rayons war nur eine illusorische, und