Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 50 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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- Minsk 1× ep/1000754
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Differenzierung war keine tiefgehende, keine tiefwurzelnde, und manches Schlagwort wurde bereits vergessen, trotz der heißen Debatten, die sie damals hervorriefen. Aber in Minsk ist zum erstenmal die Frage des wirtschaftlichen Momentes innerhalb des Judentums und der in dieser Richtung möglichen Arbeit aufgetaucht. Aber diese Frage war wesentlich verschieden von der, wie sie sich jetzt aufdrängt Sie war kein Selbstziel, sie war nicht ein direkter Pfad, der zum Ziele führen sollte, sondern eine Nebenbeschäftigung, ein Mittel, um die Kräfte zusammenzuhalten, die für die Erreichung des Endziels, des Charters, nötig waren. Die zwreite Minsker Konferenz war der Höhepunkt des politischen Zionismus. Es war der Endpunkt des ersten Stadiums, die Vorbereitungsphase der Partei, die durch das erstaunlich rasche Wachstum der Bewegung gekennzeichnet war. Und darin lag auch der Keim der Gefahr für die Bewegung. Denn unsere wirklichen Erfolge standen hinter den Erwartungen zurück. Wir haben damals diese Tatsachen nicht gekannt, unser Führer hat sie bereits geahnt. Und indem er reelle Erfolge suchte, griff er nach einem Phantom. Die Ugandafrage hat eine große fatale Rolle in der Entwicklung der Bewegung gespielt. Sie war ein ringender, revolutionärer Sturm, der viele und vieles wegfegte, der die Werte umwerten ließ, und endlich unsere Bewegung reiner und fester machte. Wir vermissen gar manche in unseren Reihen, deren Abwesenheit wir bedauern. Aber wir glauben, daß die Besten von ihnen zu unserer Flagge zurückkehren werden. Sagte doch Zangwill selbst in seinem Sendschreiben an die Territorialisten von Manchester: „Wir dürften kaum eine Nation auf unserer Erdkugel finden, die uns auch nur das kleinste Stückchen ihres Besitzes leichten - Herzens abtreten würde. . . Wir werden um so größere Chancen haben, die Autonomie zu erlangen, je weniger wir von ihr reden werden. . . . Aber leider kann die Demokratie mit der Diplomatie allein nicht auskommen." Trotz der Grausamkeit, mit der die Scheidung vor sich ging, und für die manche von uns, die die historische Wichtigkeit des Momentes nicht verstanden haben, verantwortlich zu machen sind, war die Lösung des Ugandakonfliktes von heilbringender Wirkung. Und ich hoffe, daß in den Reihen derer, die ^sich nur auf die einzige Kraft stützen müssen, auf die Kraft der Oberzeugung, wo es nur eine einzige Diktatur geben darf, die der Lebenswahrheit und der wissenschaftlichen Wahrheit, nunmehr keine geheimen Komitees und keine Diktaturen möglich sein werden. Die Ugandafrage hat der Organisation die Bedeutung Palästinas innerhalb des Zionismus klargemacht. Und dabei stieß man auf zwrei Probleme, das philanthropische und das diplomatische. Für viele unter uns, besonders im Westen, war der Zionismus eine Art Philanthropie, eine Wohltätigkeit für „die armen Brüder des Ostens", wobei sie die ganze komplizierte Frage des jüdischen Volkslebens außer Acht ließen. Sie haben vergessen, daß unsere Lösung nur ein Minimum-Programm ist, daß wir ein autonomes Zentrum für alle Juden der Diaspora gründen wollen. Aber nicht nur darauf beschränkte sich die Wirkung des Ugandakonflikts. Wir sind auch zur Revision der Ansicht über die diplomatische Tätigkeit und die Arbeit in Palästina geführt worden. Was war denn das Angebot Chamberlains? War es nicht der größte konkrete Erfolg des diplomatischen Zionismus? Aber weder Uganda, noch irgend ein anderes Territorium war für uns geeignet. Und wiewohl Uganda ein realer Erfolg war, hat gerade dieses Angebot den größten Schlag dem früher so großen Ansehen der diplomatischen Arbeit versetzt. Die Worte Dr. Herzls, daß man einen leichteren Weg suchen muß, wenn der schwierigere verweht, haben in Anwendung auf die Palästinapolitik eine polar entgegengesetzte Wirkung erzielt — nämlich die Leugnung der Bedeutung jeder diplomatischen Arbeit, jeder Politik, die Rückkehr zur alten Chibas-Zion. Diese Tendenz klingt immer in allen ihren Äußerungen mit, sie bildet sozusagen den Unterton ihrer Reden, wenn sie auch noch nicht offen hervortritt. Aber sie haben die Erfahrungen von 1891 vergessen, sie haben den Umstand vergessen, daß die Verhältnisse in Palästina bei weitem keine zufriedenstellen den und normalen sind. Und in einer Hinsicht stimmt Achad-Haam mit unserem verstorbenen Führer überein, daß alles, was wir in Palästina unternehmen, auf rechtlich gesicherter Grundlage geschehen muß. Und wenn Oppenheimer in seiner letzten Berliner Rede sich dahin äußerte, daß wir keinen Charter bekommen werden, folglich auch ohne Rechte in Palästina arbeiten müssen, so ist es der Einfluß der Zeitströmung. Es handelt sich ja eben um die Frage, ob eine Arbeit auf einer breiten Basis in Palästina möglich ist. Um sie zu ermöglichen, müssen wir normale Beziehungen zur Türkei,einleiten und das Wohlwollen der übrigen Regierungen erlangen. Denn Regierungen und herrschende Klassen sind einmal in unserer kapitalistischen Gesellschaftsordnung die stärkste Macht, von der unsere ganze Sache abhängt. Wir hoffen jetzt nicht mehr auf den Charter im vollen Umfange dieses Wortes, denn wir wissen, daß zwischen tuiserem do und dem ut des ein zu großes Mißverhältnis herrscht, aber wir brauchen normale Beziehungen, wir müssen uns die Wiederholung der Überraschung von 1891 ersparen, wir brauchen eine breite rechtliche Basis, um das europäische Kapital anzulocken und die Emigration zu fördern. Beides—Kapital und die lebendige Menschenkraft — werden kommen, sobald wir die günstigen Bedingungen schaffen werden. Diejenigen, die den politischen Zionismus als einen überwundenen Standpunkt proklamieren, leisten der Volkssache einen sehr schlechten Dienst. Wir brauchen die politische Arbeit nicht minder als früher, wenn auch die Formen dieser Arbeit jetzt wesentlich verschieden sein müssen als die Dr. Herzls. Gleichzeitig mit der Erschlaffung des Glaubens an die Diplomatie macht die Forderung nach praktischer Arbeit in Palästina immer größere Fortschritte. Und in dieser Beziehung ist die Entwicklung des Zionismus analog der der deutschen Sozialdemokratie. Sobald die Sozialdemokraten ihren Glauben an die Prophezeiung von Engels, daß im Jahre 1904 der Zukunftsstaat realisiert sein werde, eingebüßt haben, griffen sie zur Gegenwartsarbeit. Wir sind überzeugt, daß Palästina früher oder später, auf diese oder auf jene Weise, unser sein wird. Die Evolution des Zionismus hat der praktischen Arbeit in Palästina das Tor geöffnet. Und indessen, mitten in dieser Arbeit werden Klagen über den Widerstand gegen diese Arbeit vernehmbar, der — vom Zentrum unserer Organisation ausgeht. Diese Klage hörten wir in Köln, darauf deutete auch Oppenheimer hin. Ist diese Klage begründet? Meine Herren, ich gehöre nicht zum engeren A. C. und habe nie an seinen Sitzungen teilgenommen. Ich kann mir nur nach den Gesprächen mit den Mitgliedern des engeren A.C., darunter auch mit den angeblichen Gegnern der Palästinaarbeit, ein Urteil bilden. Ich hatte nicht den Eindruck, daß hier von einem .prinzipiellen Widerstand die Rede sein könne. Ich habe auch von der anderen Seite die Klagen gehört, daß jeder Gedanke, ein jeder Versuch für eine diplomatische Arbeit mit Spott und Verachtung seitens, mancher Mitglieder des engeren A. C. aufgenommen wird. Und ich erkläre offen, daß beide Klagen die Folgen der anormalen Bedingungen sind, unter denen unser Zentrum arbeitet. Wir werden darüber noch ernst beraten müssen, es ist jetzt eine der wichtigsten Fragen. Die Mitglieder des engeren A. C. können nur bei gemeinsamer ständiger Arbeit aufeinander einwirken und sich gegenseitig dahin beeinflussen, daß sie für alle Formen unserer Arbeit Achtung bekommen. Das ist aber jetzt nicht der Fall. Solange der gegenwärtige Zustand dauern wird, werden die Klagen sich weiter häufen, wird die Arbeit weiter gestört sein. Ich wiederhole: Es gibt, mit wenigen Ausnahmen, keine Gegner der Arbeit in Palästina. Es gibt nur Differenzen in den Ansichten über den Charakter und den Inhalt dieser Arbeit. Was muß nun die Organisation tun — und welches sind die Aufgaben ihres Zentralorgans? Ich werde zwischen den Pflichten der Organisation und ihrer Leitung eine gewisse Scheidung machen. Während die Organisation die großen Massen unserer Partei in ihrer Arbeit für Palästina unablässig fortschreiten müssen, aus eigener Initiative dem Lande Kapital und Kräfte zuführen, ist die Aufgabe unseres Zentrums die Schaffung der Bedingungen, das Gedeihen dieser Arbeit. Unc diese Bedingungen sind: Rechte, Kredit und Kenntnisse de¬ Landes. Wir brauchen Rechte, als erste Grundlage der normaler Entwicklung, wir brauchen Kredit, da wir mit unseren eigenei Mitteln die kolossale Arbeit nicht leisten, können, wir brauchen ein' genaue und nicht bloß theoretische Kenntnis des Landes. Es gib wiederum Werke von allgemein nationaler Bedeutung, die wi gleich und unverzüglich vollbringen müssen. Da ist die Schaffun; einer Nationalbibliothek, eines Museums, eines Lehrerseminars usw Aber unsere größte Aufmerksamkeit muß auf die Hauptziele gt richtet sein. Unsere Palästinakommission arbeitet eifrig und plan mäßig am dritten der angegebenen Hauptzwecke, sie schafft datn: die Bedingung für den zweiten. Aber auch der erste ist unen belirlich. Leider hat die Arbeit in dieser letzteren Hinsicht seit de-; Tode ihres ersten Meisters nachgelassen. Und erst in der letztu; Zeit sind schüchterne Versuche gemacht worden, sie wieder at zunehmen. Lähmen wir nicht diese schwachen Versuche durc; unsern Spott und durch unsere Geringschätzung! Eine weitere Folge des Ugandismus war der sogenannte proletarische Zionismus, der unter dem Einflüsse der wachgewordenen Frage der Notwendigkeit, dem jüdischen Proletariat zu helfen, und der russischen Revolution entstanden ist. Im Gegensatz zum politischen undKulturzionismus, diese „bourgeoisen" Parteien, schuf der proletarische Zionismus die sogenannte ökonomische Begründung des Zionismus. Und es ist merkwürdig genug, daß die assimilatorische Ica, die zuerst die Lebensverhältnisse der jüdischen Arbeiter, die jüdische Ökonomie zum Gegenstand der Forschungen machte, den Grundstein für den proletarischen Zionis-