Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-12-14 · 50 (14.12.1906) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
50 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316237--48799-3343744
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

6 — DIE3^ scheiiien uns die Makkabäer als leidenschaftlich-tapfere Männer, dabei besonnen und weitblickend, die Thora liebend, aber auch die Erde, auf der sie gewachsen, 2U gesund und natürlich, um die Diesseitigkeit für ein unbekanntes Jenseits zu opfern. Dabei vornehm und ritterlich, griechischer Schönheit und Bildung nicht abhold. , Vor allem aber liebten sie ihr Volk mit wilder Glut: sie waren national-jüdische Patrioten modernen Gepräges. Nun begreifen wir auch, daß es nicht so äußerliche Gründe : sein können, die in der Folge einen Hasmonäer zur offenen Parteinahme für die Sadduzäer führten. Aristokratische Männer, wollen sie das Erbe ihres Volkes nicht hingeben, sie wollen die heimatliche Lehre und die heimatliche Erde erhalten in alter, gesteigerter Kraft und in junger Schönheit. Die Sicherung der Heimaterde gilt ihnen als die beste Garantie für die Erhaltung der Lehre. Und diese Anschauung wird' gefestigt durch die Tatsache, daß die Frommen nur so lange mit den Makkabäern gehen, als die Freiheit ihrer religiös-nationalen Satzungen bedroht ist, daß aber die Landbevölkerung immer die Treue hält. Darum mußten sie die Pharisäer ablehnen, die, losgetrennt von der Mutter Erde, in den Höhen des Geistes lebend, geringschätzend auf den Am haarez herabblicken. Denn der .kraftvolle, nicht mit Schriftgelehrtheit überfeinerte Landmann erscheint dem Perusch als Trottel. Ohne in diesem Zusammenhang auf die oft behandelte Streitfrage nach dem Verhältnis der Schriftgelehrten zum Am haarez einzugehen und die Berechtigung der Abneigung, ja der Verachtung zu untersuchen: schon in der Makkabäerzeit ist der Gegensatz angedeutet und eingeleitet. Der Am haarez kämpft für sein Haus, für seine Heimat, in der er wurzelt. Damit kämpft er für seinen Gott, der der Gott seiner Väter ist. Was braucht der Schriftgelehrte, der Fromme eine Heimat? Er baut sich aus der Lehre eine schöne Heimat im Geiste. Da wachsen viel kunstvollere Kulturen als auf dem schwarzen Humus. Dieser Intellektualismus mußte einen Hasmonäer, in dem nationale Tradition lebte, tief an die Seele packen. Die Peruschim richteten sich schon für die Wanderschaft, für die Fremde; für den Handelspacken! Freilich, die Pharisäer haben gesiegt. Die Geschichte hat ihnen recht gegeben. Der Stolz der Sadduzäer — die Heimaterde — sank dahin. Die Feinde hausten dort. Aber die Pharisäer sehen die weitere Entwicklung des Judentums mit schärferem, nüchternem Auge vorher und rüsteten ihr Volk mit einem Gewaffen, das ihm durch die hochgetürmten Nöte der Zerstreuung den Weg bahnte. Sie schufen uns eine Heimat bei aller Heimatlosigkeit, eine dunkle Heimat, eine schmerzliche Heimat. Aber doch eine Heimat! Von den Sadduzäern blieb kein Rest. Vielleicht hatten sie keine Literatur! Vielleicht war sie erfüllt von fanatischer Liebe zur alten Erde und weckte trügerische Hoffnungen nach politischer Autonomie, so daß sie ein Verhängnis werden konnte für die — Gäste des römischen Reiches. Aber die Dokumente ihrer Weltanschauung sind untergegangen oder gar von den Schriftgelehrten in der Erkenntnis ihrer Gefährlichkeit unterdrückt worden, und die wenigen Andeutungen lassen kaum ihren Charakter ahnen. Aber die Tatsache scheint wahrscheinlich, daß das Lebenswerk der Makkabäer, wenn es nicht sadduzäisch war, so doch in sadduzäischer Himmelsrichtung lag. Vielleicht wird nun manches Rätsel gelöst. Begreift man es nicht, daß die Kunde von den Makkabäern allgemach verschwand aus dem Gedächtnis des Volkes? Ma Chanukkah? Warum begehen wir das Chanukkahfest? Weil ein Ölkrüglein im Tempel gefunden war. Für einen Tag würde es reichen. So glaubte man. Aber acht Tage gab es lieben Schein. Darum feiern wir das Chanukkahfest. Nur darum! Das Ölkrüglein ist alles und die Makkabäer nichts! Ob sich die Zurückdrängung der Makkabäer aus der weiteren Entwicklung der jüdischen Geschichte — Abtrennung von dem gE LT No. 50 Heimatboden und somit Lösung auch der historischen Kontinuität — oder dem Charakter des fortan in den Vordergrund tretenden Schrifttums hinreichend erklärt, ist schwer zu entscheiden. Auf dem schwankenden Boden der Hypothese läßt sich hier schwer Fuß fassen. Und an kritisch-einwandsfreien Quellen gebricht es ganz. Gewiß ist, daß starke volkspsycholpgische Kräfte und berechtigte Ängste der verantwortungsvollen geistigen Führerschaft mitgewirkt haben müssen, das Gedächtnis an die Makkabäer zu verwischen. Und es scheint, als ob ganz bestimmt gerichtete Tendenzen die schwankende Lage des Wandervolkes bedenkender Lehrer die Verdunklung der nationalen Heldenerinnerung nicht gerade zu verhindern gesucht haben. Man braucht nicht soweit zu gehen wie Bloch in seiner geistvollen, wenn auch kühnen Studie: „Hellenistische Bestandteile im biblischen Schriftturne". Er hält das Esther-Buch für eine antihasmonäische Schrift eines antireligiösen Hellenisten. (Im Gegensatz zu Graetz, der m akk ab äi sehen Geist in ihr wiederfindet.) Später, als die Hellenisten ausgerottet waren, hätten sich die Pharisäer dieses Werkes bemächtigt und das Purimfest gewissermaßen als ein Anti-Chanukkah durchgesetzt, um die verhaßten sadduzäischen Hasmonäerkönige aus der Volkserinnerung zu verdrängen. Wohl hat Jampel, der die' historische Grundlage des Estherbuches neu fundiert, neuerdings diese These mit großem Scharfsinn zurückgewiesen. Allein das Prinzip erkannte er vollkommen an: in Vernachlässigung der Makkabäertaten liegt bewußte Absicht . . . Und wenn wir heute in der Begründung unseres Festes — ohne die homiletische Bedeutung der sinnigen Legende vom Ölkrüglein zu verkennen — mit Stolz das kraftvolle Geschlecht der Makkabäer, ihre begeisterte Lebensarbeit, ihren heiligen Patriotismus in den Mittelpunkt unseres Festes stellen, wenn da? Chanukkahwunder von großzügiger nationaler hasmonäischer Geschichtserinnerung und makkabäischer Zielstrebigkeit abgelöst wird, so ist der Wandel mehr als nur äußerlich und leichthin spielerisch In dem wechselnden Festesnamen liegt Geschichte, Entwicklungs geschichte unseres Volkes! Die Heimat der Schriftgelehrten ist manchem zu eng und zw dunkel geworden. Die einen haben in ihren Vaterländern eiiu bessere Heimat gefunden oder glauben es doch. Die andern sin;i in tiefster Seele heimatlos geworden und erstreben für die alte aber ewig-jung keimende jüdische Kultursaat einen besser gehegter Wurzelboden, als ihn die christlich-arischen Länder bieten. Uno dann: die Kultur, die uns umspült, ist vom Hellenismus durchströmt. Von jenem geläuterten Hellenismus, der Harmonie ui< Schönheit, der nicht einen Gegensatz, sondern eine Ergänzun. jüdischer Weltanschauung bedeutet. Für die friedliche Ver Schmelzung dieser Kulturen,, die nicht die Auslösung — die dt. Bereicherung unserer jüdischen Eigenart ist, hat das makkabäisch Zeitalter den Boden geebnet. Durch die Jahrhunderte verschütte und nur an einer Randfläche geistigen Lebens durch unsere große Religionsphilosophen gepflegt, ist der Prozeß wechselwirkend - Durchdringung jüdischen Ethizismus* mit hellenischer Schönheit ei i inneres Postulat der jüdischen Moderne geworden . . . Wir sprechen heut vom Makkabäerfest, und es will scheinen, als ob nach 2000 Jahren ein Stück verschollenen Sadduzaismur wieder mit verträumten Augen in die Welt blickt, als ob ein Stf'k'k Volksenergie, die in seltsamen, die Ausgangskraft kaum noch erkennen lassenden Umsetzungen gewirkt hat, in einer alten Form lebendig würde. Wir sprechen heut vom Makkabäerfest, und unsere Sehnsucht fliegt wieder in die alte Heimat, für die Mattathias und sein Haugekämpft. Und wir träumen von einem Ackersmann, der an einer frühen Kislevmorgendämmerung sein Auge erhebt zu den bleichenden Sternen und sich freut, daß es nun Wintersonnenwende wird. Wir sprechen heut vom Makkabäerfest, und der Kampfesnuit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.