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Die Welt · 1906-12-14 · 50 (14.12.1906) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
50 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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I DIEI&ELT No. 50 Und wodurch hat Matathiahu, der Hasmonäer, der ganzen Epoche eines neuen befreiten Volkslebens seinen Geist eingehaucht und seinen Namen aufgezwängt? Nicht durch die Glaubensfestiglceit, denn diese war auch vor ihm vorhanden, sondern durch den Ausbruch eines kraftvoll strotzenden Lebens. Man hielt es allgemein für jüdische Art und Weltanschauung, aus der Not der Knechtschaft eine Tugend der Ausdauer zu machen. Jüdische Art und Weltanschauung? Ein grobes Mißverständnis! Und die Gideons und die Samsons, die Sauls und die Joabs, — waren denn diese keine Träger jüdischer Art und Weltanschauung? Und die große davidische Zeit mit dem riesigen Trieb nach Machterweiterung? Man sollte doch eigentlich das Malchuth- Beth-David, die Glanzperiode des jüdischen Volkes, als eine natürlichere Abspiegelung eines jüdischen Volksgenius als die bitteren, asketischen Strömungen der Drangsalszeit mit den zahmen Mitteln betrachten? Ja, das Volk war in der vormakkabäischen Zeit nur ein, bläßlicher Abklatsch des vormaligen, gesunden Judenvolkes. Und nun verspürte man wieder den alten Geist der Rasse und seine Macht in zügellosen Kriegernaturen. Matathiahu bricht mit der Demut. Er kann die Schmach nicht ertragen. Und er ist alt, zu alt, um einen Dolch zu schwingen, doch flackert in ihm ein Mosesmut auf. Er überfällt den Boten der Unterdrücker, er stößt zu, er trifft ihn mitten in die Brust, er haut den Tyrannen nieder. Er hat die Tat vollbracht, und nun ist er wieder frisch, wieder stark. Die Flügel sind einer Heldenfamilie gewachsen, die Familie bildet Scharen, und der Befreiungskampf bricht aus. Es ist ein neues Leben voll männlicher Tugenden. Die Situation wird mit einem Schlage verändert. Der erste, heiße Hauch durchströmt ein geknechtetes Volk. Und es erscheint wieder in seiner natürlichen Gestalt: ein Volk mit Schneid und Rückgrat, hart und unbeugsam, bestrebt, stark und ganz zu sein, mit kraftvoll strotzendem Leben, mit der Fähigkeit eines derben, schnellen Zufassens, mit der Wertachtung des Mutes, mit einer bewunderungswürdigen Disziplin, mit einer genialen Kriegslist, die den Gegner, den hundertmal größeren Gegner, übertölpelt, mit einem festen Entschluß, nicht weiter in Schanden zu leben, -— ein Volk mit Kraftkerlen und Naturburschen, wie eine vom Wind genährte Feuersbrunst sich nach Muster der davidischen Machnoth über die Jordanübergänge und die Ebenen Jesreels ergießend, und der Freiheitsdrang und diev Rachegier an dem Bedränger grinsen mit ihren Medusenhäuptern aus den frischgeformten jüdischen Lagern, und Wunder geschehen. Die Griechlinge, die jüdischen Griechlinge lächeln schelmisch und hinterlistig; die Frommen im Lande, die in einem Moralisieren zu schwelgen pflegten, zittern angstbeklommen; aber die alten jüdischen Fahnen wehen, und die aus den alten Köchern entsandten geschliffenen Pfeile blitzen. Und schnell schwindet das spöttische Achselzucken und das spöttische Lächeln; die Angst weicht, und die Würmer in den alten Gräbern bäumen sich. Sie werden Menschen und Helden. Siege werden errungen, die die Phantasie auf ihrem kühnsten Fluge nicht ahnen konnte. Und es ist nicht ein vorübergezogenes und zerplatztes Meteor, — nein, es ist eine Befreiung unterdrückter Volksmassen aus dem Orkus, von dem sie schier verschlungen waren, aus der Enge und Dürftigkeit, in der sie aufgewachsen waren. Für eine lange, reine^und glanzvolle Periode erwacht ein befreites Volk, sich selbst bewirkend, wiederbildend und wiedergestaltend in einheitlicher, zielstrebender Selbsttätigkeit. Dies ist der genaue, richtige Sinn der Makkabäergeschichte. Der Glaube begleitet unvordringlich dk historische Handlung: er ist ein Impuls, ein verstärkender Antrieb. Er klingt wunderbar in der Neueinweihung des Tempels, des heiligen Nationalzentrums aus. Dies ist das Lichtvolle, Heitere und Festliche unter den Momenten des Erreichten. Die Makkabäergeschichte ist keine Legende. Sic ist das Gegenteil einer Legende. Sie ist die Ver lebendigung und Konkretisierung der Judenbefreiung. Sie ist das tatkräftige Wiedererwachen aus der Indolenz spielender, oberflächlicher Nachahmer von bunterer, lockerer Art und ewig-trauernder, grüblerisch-tiefsinniger Nichtstuer, die sich in dem verblendeten Wahne wiegen, daß ein Volk sich in einer Sehnsucht nach asketisch vorbereiteter, mystischer Extase harmonisch mit all seinen menschlichen Anlagen ausleben kann. Sie ist nicht eine tugendhaft-rührsame Demutsidylle. Grausam und blutig ist sie, wie die Feldzüge Sauls und Davids, riesig-kühn, weltstürmerisch, verzweifeltwaghalsig, zuweilen auch voll toller Laune und ausgelassener Fröhlichkeit. Sie ist das Judenvolk in einem großen Wollen, in einem Selbständigkeitsdrang bis zur Exzessivität. Sie ist das Greifbare, das Wirkliche, das Natürliche an den Geschicken des jüdischen Volkes. Und so ist es auch für die Zukunft der unverrückbare Pol in der Judengeschichte: die tatkräftige Selbstbefreiung. Es ist eine „demonstratio ad oculos", — daß man sich nur durch Selbsthilfe befreien kann. Die Waffen, die Mittel mögen verschieden sein, — aber der Kern bleibt, und dieser Kern ist nicht ätherisch und soll nicht allegorisiert werden: Es soll nicht „ein Ziel aufs innigste zu wünschen" sein, sondern ein Ziel, für welches man kämpfen, nach den heutigen Verhältnissen kulturell kämpfen soll, für den eigenen Stamm den Boden zurückzugewinnen. Die MakkabäergeschichL bedeutet — ohne Phrasen — die wirklichen Inkunablen des Zionismus. Diese Inkunablen sind aber für uns modern und lebendig. Den Freiheitstraum legen wir nicht in den Sarg, zur ewigen Ruhe. Die Worte iMatathiahus - sie schallen zu uns herauf aus den Gräbern — wehe voll, drohend und belebend. Daß mehr als zwei Jahrtausende seit den Maltkabäern dahingerollt sind, — änden an der Sache nichts. Wir sind eben ein altes Volk, das seine Chronologie nicht nach Jahrhunderten, sondern nach Jahrtausenden rechnet. Wir waren schon zu jener Zeit ein altes Volk, wir waren schon damals die Hinterbliebenen eines zerstörten Reiches, die aus einem Exil Zurückgekehrten, die „halb Aschdodisch" sprachen und in Mischehen lebten. Und eine lange Perserherrschaft und die Syrer und das Griechentum und die innere Zerrissenheit mit den Bruderfehden und die dumpfe Betäubung, in der die Massen versenkt waren, schienen das Aufkommen einer jüdischen Selbständigkeit unmöglich gemacht zu haben. Ja, der Kern des Volkes war auf eigenem Boden, aber dieser zweifellos große Vorteil hatte doch die Freiheitsaussichten noch mehr verdunkelt. Generationen lebten auf ihrem^Boden zusammen, doch hatte sich eine starre Hül leider JGleichgültigkeit um das Volk gelegt. Die Reichen waren zufrieden und satt, die Hellenisten ästhetisierten, die

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