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Die Welt · 1906-12-14 · 50 (14.12.1906) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
50 (14.12.1906)
Date
1906-12-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG X. JAHRG. KÖLN, 14. Dezember 1906 p-iir6 nWtf feD "iD No. 50. VERGANGENHEIT — ZUKUNFT (UNSER MAKKABÄERFEST) Die bramarbasierende Homiletik — auch die ursprüngliche, die hebräische —hat es schon versucht, aus Chanukkah ein Zerrbild zu machen: ein Symbol für edle Schwärmer, mit einem märchenhaften Schimmer. Die Makkabäer, durch eine eigentümliche Ghetto-Phantasie verklärt, erschienen der naiven Einbildung als zahme Goluth-Jüden. Ja, die guten Kozker Chassidim mochten sich Modin als Kozk und Matathiahu als Reb Mendele vorstellen. Diese Reflexe der altertümlichen Geschichte, die Reproduktionen der klassischen Gestalten nach einer liebgewordenen Gewohnheit mit Lokalfarbe sind sehr possierlich; aber solange sie im Jüdischen wurzeln, haben sie wenigstens etwas Anheimelndes. Obersetzt — werden sie erst recht zur Karikatur. Im Hebräischen und auch in der Umgangssprache der Judenmassen im Osten kann das Band mit der Vergangenheit nicht so vollständig gelöst werden: das hebräische Wort, ein Wort wie jedes andere, kann nicht zu einer Parole gemacht, gequält, künstlich aufgebauscht und als antiquierte Formel hingestellt werden. So ist unser Drusch nur fromme Kindlichkeit, etwas verirrt und traumverloren, aber nie den Quellen ganz entrückt. Etwas anderes ist es mit dem modernen, fremdsprachigen Drusch. Wenn ein Jehuda Chaschmonoi in den Mund eines, sagen wir z. B. englisch rhetorisierenden amerikanischen Reverends fällt, — was da alles herauskommt, ist mehr, als die pilpulistische Kasuistik je leisten konnte. Ist das Ghetto-Chanukkah mit den Flämmchen — fromm, gemütvoll, tiefsinnig und schön, trotzdem es nur eine auf das Ghetto zugeschnittene Heroen-Reminiszenz ist, so ist andererseits das moderne Bescherungs-Chanukkah mit den fremdsprachigen Reden, die bei dieser Gelegenheit über den reformiert-konfessionellen Charakter des Judentums und über die Hasmonäer als Repräsentanten eines Demutsglaubens, als passive, geistliche Persönlichkeiten, gehalten werden, geradezu widrig, weil unhistorisch, lügenhaft und hohldekorativ. Freilich ist das Makkabäerfest das Fest eines heldenmütigen Glaubens, aber es ist nicht die Ohnmacht des blinden Glaubens, sondern die Macht des Willens, welches es predigt. Dies ist der „Pschat", die einfache, natürliche, wortgetreue Bedeutung nicht nur der äußeren, sondern auch der inneren Geschehnisse. Tausend phrasenhafte Verdrehungen können die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß das Makkabäertum kein schwächliches Beharren, keine lebensängstliche Geduld und keine lebensflüchtige Nirwana, sondern das pure Gegenteil: ein ungebändigtes Hervorschäurnen heißer, menschlicher Gefühle, ein reckenhaftes, wildes Hervortreten des Großmännischen und Starkgeistigen war. Was hilft's, über die MakkabäerResignationszärtlichkeiten zu phantasieren? Nach dem strikten Wortsinn der geschichtlichen, über alle Zweifel erhabenen Erzählungen, war ein kühner Handstreich der Ausgangspunkt der makkabäischen Periode. Im Sterben lag das Volk, bedrängt und geknebelt. Es wurde der Freiheit beraubt und der Ehre, man kränkte sein Gewissen und man entweihte seine Heiligtümer. Und im Innern wüteten die Dämone des Volksverrats, der Entfremdung, der Nachahmung. Waren die Griechlinge nicht konfessionell? Ein grober Irrtum! Sie waren es nach ihrer Weise. Sie haben die neuen Strömungen mit ihrer ungemeinen Wandlungsfähigkeit schnell erfaßt und mit der alten Idee in Einklang zu bringen gesucht. Thesen, Aphorismen und Sentenzen haben sie geschaffen, und sie bildeten sich ein, daß bei diesem lauwarmen Kompromiß die Ziege und der Kohl fein herauskomme. Haben sie doch alles fein übersetzt, für das Aufgehen in das Einerlei zugestutzt und angepaßt und auch ein Judentum geschaffen, das eine Sache von antiquarischem Wert und Interesse sein sollte. Und noch mehr: sie wollten es auch für ihre Gegenwart gelten lassen, aber nur für die Ideensphäre, als Glaubenssymbole. Und waren nicht noch andere, erzfromme Essäer, die eine Art von Klostergemeinschaft bildeten? Sie traten nicht an die breite Oberfläche des Lebens, sondern brüteten in Zerknirschung, in Selbstsammlung und Selbstvertiefung. Und noch andere, und das waren die meisten, legten die Hände in den Schoß und warteten. Sie lauschten dem Tritte Gottes in der Weltgeschichte. Sie überließen es der Vorsehung, die Geschicke zu weben.

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