Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 49 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316236--48790-3343734- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Magister Sigbert Geber, S. Herer. Die Generalversammlung faßte den einstimmigen Beschluß, Herrn Reichsratsabgeordneten Dr. Straucher wegen seiner hervorragenden Verdienste um das Judentum zum Ehrenmitglied des Vereines zu ernennen. Am 16. Dezember veranstaltet der Verein „Dorsche Zion" eine Makkabäerfeier im Schützen saale. Czernowitz. Zionistisches Distriktskomitee für die Bukowina. Auf dem am 26. d. Mts. stattgefundenen Distiktstage und der darauf erfolgten konstituierenden Sitzung wurden folgende Herren in das Distriktskomitee gewählt: Herr Siegmund Weisglas als Obmann, Herr Löbel Taubes als Obmannstellvertreter, Herr Dr. Philipp Fleischer als Schriftführer, Herr Hermann Gottesmann als Kassierer, Herr Dr. Mendl Kinsbrunner, Herr Dr. Marko Kovler, Frl. Auguste Wetzler, Herr Dr. Osias Schon*, Herr Dr. Josef Bierer- Radautz, Herr Dr. Leo Zaloszcer-Kimpolung, Herr Schaje Langer- Suczawa. Wien. Die jüd. akad. Verbindung „Ivria", 9. Seegasse 7, veranstaltet Sonntag, den 9. Dezember a. c. im Festsaale des Hotel „Post", 1. Fleischmarkt 16 eine Damenkneipe mit nachfolgendem Tanzkränzchen. Regiebeitrag pro Person 2 IC, Beginn präzise 9 Uhr. Reklamationen sind an die Verbindungsadresse zu richten. Deutschland Hamburg. Am 24. ds. Mts. veranstaltete unsere Ortsgruppe im großen Saal des Logenheims eine öffentliche Versammlung, in der N. Sokolow über das Thema: „Die Lage der Juden in Rußland, die Emanzipationsaussichten und der Zionismus" sprach. Der Saal konnte kaum die Menge von Besuchern fassen, die den geschätzten Redner hören wollten. In seinem fast dreistündigen Vortrag entwirft S. ein lebendiges Bild von der Lage der russischen Juden. Ihnen mußte die Revolution als dasjenige Ereignis erscheinen, das bestimmt war, ihre Träume von einer besseren Zukunft zu verwirklichen. Ob die Hoffnung auf eine Emanzipation der Juden in der nächsten Zeit berechtigt ist, darüber läßt sich jetzt mit Bestimmtheit nichts sagen. Es ist anzunehmen, daß die kommende Duma trotz des zu erwartenden Anwachsens des reaktionären Elements, wie es sich im „Bund des russischen Volkes" darstellt mit erheblicher Majorität für die Gleichberechtigung eintreten wird. Es bedeutet eine oberflächliche Auffassung des Zionismus, wollte man sein Interesse an der Emanzipationsbewegung als im Widerspruch mit seinem Programm auffassen, denn der Zionismus hat auch ein Qegenwartsprogramni, dessen Hauptinhalt das Wort Volkserhaltung bildet Der Zionismus steht aber den Ernancipationsbestrebungen mit Vorsicht gegenüber, weil mit der Verkündung der Gleichberechtigung noch keine Gewähr für ihre praktische Durchführung gegeben ist und weil historische Nationen, wie die Polen, und eine Reihe anderer Faktoren ihren Widerstand geltend machen werden. Zu einer endgültigen Lösung der Judenfrage kann es nur kommen, wenn für das jüdische Volk eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina geschaffen wird. Die ca. 500köpfige Zuhörerschaft folgte bis zuletzt mit gespannter Aufmerksamkeit den geistvollen Ausführungen des Redners und gab ihrer Anerkennung am Schlüsse der Rede in Beifallsstürmen Ausdruck. Dieser Abend bedeutet für die Ortsgruppe einen großen moralischen Erfolg. Man sah in der Versammlung hervorragende Vertreter der Hamburger Judenheit, und die gesamte Presse Hamburgs brachte ausführliche Berichte über die Rede Sokolows. B. Frankreich Anläßlich der Sc h ekel tage veranstaltet die „Federation des Sionistes de France" am 15. Dezember im Saal Lancry, 10 rue de Lancry, ein großes Meeting, bei dem Dr. Max Nord au und Dr. Alexander Marinorek sprechen werden. Paris. Am 17. November fand die Generalversammlung des Vereins „Mebassereth Sion" statt, der die Haupttätigkeit im Zionismus in Paris entfaltet. Herr Dr. Jacobsohn, der bisherige Vizepräsident, eröffnete die Versammlung mit einer längeren Rede, worin er die zionistische Situation in Frankreich als unbefriedigend kritisierte. Er wies dann auch auf die Ursachen hin, auf die Mittel zur Stärkung der zionistischen Propaganda in Frankreich und schloß mit einem Appell an die Energie und Ergebenheit der Mitglieder. Herr S. Aronstam, Kassierer des Vereins, erstattete alsdann den Kassabericht, den man als befriedigend ansehen muß, da trotz erheblicher Ausgaben, Erhaltung eines eigenen Lokals etc., Einnahmen und Ausgaben mit kleinem Überschuß sich decken. In Abwesenheit des Sekretärs berichtete Herr Baumgarten über die Tätigkeit des Vereins. Es wurden regelmäßig alle 14 Tage Versammlungen abgehalten, von denen einige musikalisch-literarische. Für den Nationalfond hat der Verein in den letzten 30 Monaten ca. 2000 Frs. gesammelt. Die darauf vorgenommenen Wahlen ergaben folgendes jResultat: Präsident: -Dr. Jacobsohn, Vizepräsident: Dn Günsbourg, »Kassierer: S. Aronstam, Souskassierer: Jakob Roukhömööski, Sekretär: M. Gorodichze, Soussekretär: Baumgarten, die Herren Person und Lindenbaum Kontrolleure. B. England Am vergangenen Sonntag hielt Herr Rabbiner Dr. Samuel Daiches im Sunderlander jüdischen Literaturverein einen äußerst lehrreichen Vortrag über „Die Juden in Ägypten zur Zeit .Ezras". Redner gründete seine Beobachtungen auf die neulich in Ägypten entdeckten aramäischen Papyri (Aramaic Papyri discovered at Assuan), die von unserm Glaubensgenossen Mr. Robert Mond aus London erworben und von Prof. Saya und Corley herausgegeben worden sind. Dr. Daiches setzte auseinander, von welch großer Bedeutung für unsere Geschichte dieser Fund sei, und welch tiefe Probleme in diesen Inschriften enthalten seien. Es sind meistens Handelsverträge, abgeschlossen zwischen Juden in Syene (Assuan; py.D in Ezek. 29io, 30g) und abgefaßt in Aramäisch. Sie erstrecken sich auf 60 Jahre (von 471 bis 411 von der gem. Zeitr.). Die Namen sind meistens biblisch. Der Gottesname wird erwähnt und ein Altar oder Synagoge (n-iun Nnbtf VT *T> wozu vgl. Jes. 19i9). Die babylonischen Monatsnamen werden gebraucht, Ein jüdischer Gerichtshof wird erwähnt (psy Njh)- Redner wies darauf hin, wie in den 100 Jahren, die verflossen waren seit ihrer Ankunft in Ägypten, und seitdem Jeremiah ihnen solch harte Strafreden wegen ihres Götzendienstes gehalten (s. Jerem. 44), die Juden in Ägypten mehr zum Glauben ihrer Väter zurückgekehrt sein müssen. Dr. Daiches wies auch auf die Verschiedenheiten im Geistesleben der babylonischen und ägyptischen Juden hin. Oberrabbiner M. A. Roth Er war der einzige unter den Rabbinern orthodoxer Richtung in Ungarn, der sich offen zum Zionismus bekannte. Und nun müssen wir dieses Einen Tod beklagen. M. A. Roth war ein offener, nicht nur ein tätiger Zionist. Anderswo würde es eigentümlich berühren, daß man den offenen Zionismus eines Rabbiners so nachdrücklich hervorhebt. Man muß aber die Verhältnisse des ungarischen Judentums und besonders die der Orthodoxie genau kennen, um zu verstehen, welcher Mut, welche Liebe zum jüdischen Volke, welche Stärke des Charakters dazu nötig sind, um als Rabbiner einer ungarländischen Orthodoxengemeinde sich vor aller Welt als den Bekenner einer progressiven Richtung hinzustellen. Man muß diese Gemeinde kennen, um das mutige Auftreten des Oberrabbiners M. A. Roth zu verstehen und zu würdigen. Es drängen sich mir seine längst verschollenen Kanzelreden ins Gedächtnis, die ich als junger Student in Papa, erzogen im ungarischen HyperChauvinismus, gehört habe. Es war noch in den vorzionistischen Zeiten. Der Rabbiner in Papa hat in seinen Predigten immer die Würde der jüdischen Nation hochgehalten und die Assimilation als ein unnützes und unwürdiges Mittel zur Lösung der Judenfrage gebrandmarkt. Seine Gemeinde hat ihn nicht verstanden und ich noch weniger. Erst als Dr. Herzl mit dem politischen Zionismus die Welt überraschte, als das Wort „jüdische Nation" an Popularität immer mehr zugenommen hatte, erst von dieser "Zeh an wußte man, was Rabbiner Roth wollte; aber hier fingen auch die Verleumdungen und Befeindungen an, die ihm so viel Leid und Kummer verursachten. Still und ruhig, wie er war, wollte er in aller Stille der Bewegung Freunde verschaffen. Als man ihm aber klarlegte, daß die Sache des Zionismus von ihm fordere, daß er sieb in die Reihen der Kämpfer stelle, hatte er keine Furcht vor dem Terrorismus seiner Berufskollegen und wurde Mitglied des großen Aktionskomitees. Er unterließ in seinen Tempelreden (keine Gelegenheit, über den Zionismus zu sprechen. In seiner Gemeinde hatte die Bewegung manche bittere Gegner. Aber die liebenswürdige Persönlichkeit des Rabbiners, des edelgesinnten Mannes, des großen Talmudgelehrten zwang sie zum Schweigen. Er war kein Agitator, sein Temperament war zu ruhig. Um die Orthodoxie in Ungarn zu gewinnen, schrieb er aus eigner Initiative seine Broschüre: „Der Zionismus vom Standpunkte der jüdischen Orthodoxie", und er hat mit diesem kleinen Werke sehr viel dazu beigetragen, daß ein Teil der konservativen Elemente dem Zionismus nähergebracht wurde. Eine ganze Reihe orthodoxer Rabbiner, zwölf an der Zahl, haben über ihn Trauerreden gehalten. Darunter fanden sich nur drei, die seine zionistische Tätigkeit gewürdigt und dem edlen Rabbiner wenigstens nach seinem Tode Genugtuung geleistet haben. In unserer Erinnerung aber wird er als einer unserer ersten und getreuesten Kämpfer bis in späte Zeiten ein dankbares Andenken finden. - Abraham ben David.