Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 49 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 49 DIESE LT 19 ooooooooooooooo NOTIZEN 3> ooooooooooooooo G 3> Gebetbuchfrage Man schreibt uns aus Karlsruhe: Die von der zionistischen Ortsgruppe Karlsruhe und vom Verein zur Wahrung der Interessendes gesetzestreuen Judentums am letzten Sonntag einberufene Versammlung, in der über die vorn Großh. Oberrat der Israeliten Badens geplante Reform des Gebetbuches referiert wurde, war außerordentlich stark besetzt. Der Saal war lange vor Beginn der Versammlung gefüllt und in den Gängen und Vorzimmern harrte eine vielköpfige Menge stundenlang bis zum Schluß der Versammlung aus. Herr Julius Simon, Mannheim referierte namens der zionistischen Ortsgruppe und legte den Standpunkt der Zionisten dar. Wäre es nur eine religiöse Angelegenheit, so hätte der Zionismus neutral abseits zu stehen. Hier handele es sich aber urn eine Sache, die von einschneidender Bedeutung für die Entwicklung des jüdischen Bewußtseins sei. Der Oberrat hätte nichts aus der Geschichte der Reformen im Judentum seit den Tagen der Emanzipation gelernt, sonst wüßte er, daß dieselben notwendigerweise zur Assimilation führten. Zudem . könne die beabsichtigte Reform niemanden befriedigen. In den Reihen der gesetzestreuen Juden sei eine tiefe und echte Bewegung angesichts der Versuche des Oberrats zu konstatieren. Die Zionisten müßten jede Reform perhorreszieren, die sich im bewußten Gegensatz stelle zu den Zukunftshoffnungen des jüdischen Volkes. Aber auch diejenigen Kreise, in denen kein allgemeines jüdisches Bewußtsein wach sei und die lediglich allgemein religiöse Empfindungen bewährt hätten, könne die Reform des Oberrats nicht befriedigen. Die kritischen Köpfe unter dieser Kategorie fänden nichts, um das sich noch verlohne, weiter Jude zu sein, da nur allgemein ethische Werte in jenem Gebetbuch noch Geltung behielten. Vom Standpunkt der Zionisten aus aber müßte die Wirkung der Reformversuche auf diese Kreise aufs lebhafteste bedauert werden, da sie nur zu geeignet wären, dem beklagenswerten Mangel jüdischen Empfindens weiteren Vorschub zu leisten. Weiter kritisierte dann der Referent die Übersetzungen, die teilweise Verschleierungen des hebräischen Textes darstellten. Das Gebetbuch soll auch für den Religionsunterricht Verwendung finden. Dieser Unterricht sei den Zionisten besonders wertvoll, da er die einzige Stätte außerhalb des Familie sei, wo in die- Herzen der heranwachsenden Jugend jüdisches Bewußtsein gelegt werden könne. Schon die Tatsache, daß man das kritisierte Gebetbuch in den Schulen einzuführen gedenke, erkläre die Stellungnahme der Zionisten. Die Wirkung der teilweise nicht mit dem hebräischen Text übereinstimmenden Übersetzungen auf die Jugend widerspreche Jen elementarsten Grundsätzen der Pädagogik, die die Wahrheit in der Erziehung über alles setze. Redner schloß seine einstündigen Ausführungen mit einem Appell zu einem gemeinsamen Zusammengehen aller, die in dieser Frage nicht die Wege des Oberrats gehen könnten. Die Versammlung applaudierte dem Redner lebhaft. Der zweite Referent, Herr Verlagsbuchhändler Jakob Rosen ha in-Frankfurt, präzisierte seinen Standpunkt zunächst dahin, daß er sich darin mit dem Zionismus im Gegensatz befinde, daß er die Judenheit als einen so nationalen Körper ansehe, dessen höchste und alles bedingende Lebensaufgabe die Verwirklichung des Religionsgesetzes bilde. Von diesem Standpunkt aus unterzog der Referent das Werk des badischen Oberrats einer stellenweise recht temperamentvollen Kritik, nicht selten von der lauten Zustimmung der Versammlung unterbrochen. Wie man das ganze Unternehmen auch betrachte, vom logischen, ethischen oder ästhetischen Gesichtspunkte aus, immer wirke es auf den einigermaßen gebildeten Beobachter peinlich und abstoßend. Der Referent, der seine Ausführungen durch zahlreiche Einzelheiten aus dem Gebetbuch illustriert, schloß mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß aus dem bloß negativen Werk der Gebetbuchkämpfe als positiver Erfolg eine Wiedererweckung jüdischen Lernens, Wissens und Lebens hervorgehe. Auch nach den Ausführungen dieses Redners setzte ein starker Beifall ein. Herr Lewin aus Bruchsal sprach im Sinne des letzten Referenten und dann Herr Schach aus Karlsruhe, der den Zionisten das Recht bestritt, zu der Frage Stellung zu nehmen, da sie eine religiöse sei. Er suchte die Berechtigung der Reform an sich nachzuweisen, die, wie im organischen Leben, auch im Leben und der Kultur eines Volkes bestrebt sei, kranke Stoffe auszuscheiden und alte Ideen in neue Formen zu gießen. Redner sprach davon, daß Reformen zu allen Zeiten im Judentum berechtigtes Verständnis gefunden hätten, und nannte Reformer des Mittelalters, die auch heute von der Orthodoxie anerkannt würden. Freilich sei zu fordern, daß die Reformen nicht künstlich von außen, sondern aus dem Judentum heraus entstehen. Redner findet den deutschen Text des Gebetbuches besonders für die Andacht der Frauen wohl geeignet, den hebräischen Teil kritisierte er ebenfalls abfällig. Redner wandte sich dann mit sehr scharfen Ausführungen gegen den Referenten der gesetzestreuen Juden und warf jener Richtung Rückständigkeit vor. Auch die Ausführung dieses Redners fand den Beifall eines Teiles der Versammlung. Die Referenten replizierten, indem sie ihren Standpunkt nochmals darlegten, und hierauf folgte nochmals eine Duplik des HerrnSchach. Schließlich begründete der Vorsitzende, Herr Dr. Jonas Simon-Heidelberg die von den beiden Organisationen vorgeschlagene Resolution, die, unter eingehender Begründung, gegen die Reformen des Oberrats scharf protestiert. Diese Resolution wurde unter dem lebhaften Beifall eines Teiles der Anwesenden gegen 7 Stimmen angenommen. Uns scheint, als Resultat des Abends, daß ein objektiver Beobachter sich nicht der Tatsache verschließen kann, daß bedeutsame Richtungen im Judentum in ernster und würdiger Weise einen Standpunkt vertreten, der eine vernichtende Kritik der mehrfach erwähnten Reformen darstellt, was auf die Anwesenden nicht ohne tiefen Eindruck blieb. Jedenfalls kann die Versammlung als einen wertvollen Beitrag zur Klärung der Ansichten in der schwebenden Streitfrage betrachtet werden. Die Versammlung fand erst nach l/*12 Uhr ihr Ende. Verschiedenes Unser Gesinnungsgenosse Dr. Schernarjah Lewin ist zum Zweck der Aufklärung der einflußreichen amerikanisch-jüdischen Kreise über die Lage der russischen Juden und im Interesse der zionistischen Agitation nach Amerika gereist und daselbst auf das herzlichste bewillkommt worden. Gleichfalls im Interesse jüdischer Angelegenheiten hat unsere Gesinnungsgenossin Frl. Ina Schimmer die Fahrt nach Amerika angetreten. Wie wir erfahren, ist sie u. a. mit Aufträgen des „Hilfsvereins der deutschen Juden" betraut worden. Max Nordaus Drama „Die Kugel" ist, wie französische Blätter melden, vom Theätre Antonie zur Aufführung angenommen worden. Schalom Asch hat ein neues Drama: „Der Gott der Rache" verfaßt, das von Direktor Reinhardt zur Aufführung am Deutschen Theater in Berlin akzeptiert wurde. Scholem Aleichem, der bekanntlich nach Amerika übergesiedelt ist, ist dort mit großen Ehren empfangen worden. Ein Komitee, an dessen Spitze unsere Gesinnungsgenossen Lubarski und Dr. J. L. Magnes standen, veranstaltete zur Feier des Gastes eine Akademie im Grand Theater, bei der Begrüßungsreden mit Rezitationen wechselten. Schließlich wurde dem „jüngsten Immigranten" eine goldene Feder als Ehrengeschenk überreicht. * Die jüdische Kunstausstellung in London ist in der kurzen Zeit seit ihrer Eröffnung bereits von über 100000 Personen besucht worden. Aus Mitteilungen, die uns zugingen, erfahren wir, daß auch auf dem Kontinent mehrfach jüdische Ausstellungen für das nächste Jahr geplant werden. An der Schule des Bezalel wirkt seit etwa zwei Monaten der bekannte Maler Leopold Gottlieb als freiwilliger Lehrer, den jüdisches Interesse und Liebe für die von Prof. Schatz ins Leben gerufene Institution nach Jerusalem geführt haben. Leopold Gottlieb, ein Bruder des hochbegabten, leider so früh verschiedenen Moritz Gottlieb, unterweist die Schüler des Bezalel hauptsächlich in der Kunst der modernen Lithographie, und Lehrer und Schüler sind mit den Erfolgen des Unterrichts gleich zufrieden. Der Künstler gedenkt übrigens als Frucht seines Aufenthalts in Palästina ein Album palästinensischer Landschaften herauszugeben.